Zurück zu den Wurzeln?

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Wollte der Buddha wirklich eine Religion gründen? Viel eher eine neue Kultur oder Zivilisation, meint Stephen Batchelor. Mit seinem "säkularen Buddhismus" rüttelt er am Herz der Lehre. Ein Streitfall.

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Wollte der Buddha wirklich eine Religion gründen? Viel eher eine neue Kultur oder Zivilisation, meint Stephen Batchelor. Mit seinem "säkularen Buddhismus" rüttelt er am Herz der Lehre. Ein Streitfall.

In den Reden des Buddha findet sich ein bemerkenswertes Gleichnis: Ein Mann wandert durch den Dschungel und stößt auf einen alten, überwachsenen Pfad. Er folgt ihm und findet eine verlassene Stadt, einen wunderschönen Platz mit Parks, Hainen und Teichanlagen. Voller Begeisterung informiert der Mann den König über seine erstaunliche Entdeckung und bittet ihn, die Stadt wieder aufzubauen. Der König zögert nicht lange, und bald füllt sich die Stadt wieder mit Menschen. Und es dauert nicht lange, bis sich ein blühendes, wohlhabendes, expandierendes Zentrum entwickelt. Die Bedeutung der Geschichte wird vom Buddha gleich anschließend erklärt: Er selbst ist der Mann in der Parabel, und der alte Dschungelpfad ist der Weg, auf dem die "Buddhas der Vergangenheit" unterwegs waren: eben die große Entdeckung des "Edlen achtfachen Pfads", wie er in seiner Lehre praktiziert und vermittelt wird.

Für Stephen Batchelor wird in dieser Geschichte sonnenklar, was der Buddha eigentlich wollte: kein transzendentes Nirwana, nicht das Ende des unheilvollen Kreislaufs von Tod und Wiedergeburt, wie es in der buddhistischen Metaphysik dargelegt wird, sondern schlicht den Aufbau einer neuartigen Gesellschaft, einer "erleuchteten" Zivilisation, einer Kultur des menschlichen Aufblühens und Erwachens. Wenn das Ziel der buddhistischen Lehre mit dem Errichten einer zivilen Stadt verglichen wird, dann handelt es sich um ein völlig säkulares Projekt, so Batchelor: "Säkularer Buddhismus" nennt sich daher sein Zugang, den der heute 63-Jährige in viel diskutierten Büchern wie "Buddhismus für Ungläubige"(1997) facettenreich herausgearbeitet hat. Die "auf Glauben beruhende Metaphysik der klassischen indischen Erlösungslehre" soll hier von der Vision einer pragmatischen, wissenschaftlich fundierten Lehre abgelöst werden. Der Höhepunkt dieser Entwicklung ist nun Batchelors letztjähriges Buch "After Buddhism", das nächsten April in einer deutschen Ausgabe erscheinen soll.

Das Problem mit der "Wahrheit"

Darin finden sich jede Menge Überlegungen für ein radikales Überdenken der Ideen, auf denen die Konzeption des "Buddhismus" beruht. Immer wieder eingestreut sind Episoden von Menschen, die sich zur Zeit des Buddha dessen Gemeinschaft angeschlossen haben. Sie lassen ein spannendes Bild der damaligen Umstände vor das Auge des Lesers treten. Und sie zeigen den Buddha, der heute nur noch als zeitlos lächelnder Erhabener präsent ist, als historische Person, die in einem schwierigen und gefährlichen Umfeld Strategien entwickeln musste, um ihrer Lehre das Überleben zu sichern. In jedem Fall versteht es der ehemalige Mönch, seinen Zugang mit großer Sachund auch Pali-Kenntnis zu untermauern.

Der provokante Titel seines Werks ist offensichtlich inspiriert von Gianni Vattimos Buch "After Christianity"(dt. "Jenseits des Christentums", 2004). Wie auch der italienische Philosoph fragt Batchelor nach dem Potenzial einer Weltreligion in unserer postmodernen Ära, die sich von den harten und schnellen "Wahrheiten" vergangener Zeiten abgekehrt hat. "Wenn das Wort Wahrheit geäußert wird", schreibt Vattimo, "dann wird auch ein Schatten von Gewalt geworfen". Ganz in diesem Sinne stößt sich Batchelor an den exklusiven Wahrheitsansprüchen im Buddhismus -und geht davon aus, dass der Buddha seine Ideen überhaupt nicht im Sinne von "Wahrheit" dargelegt hat.

Damit aber rüttelt der westliche Gelehrte am Herz von Buddhas Lehre, die in allen Traditionen auf den "Vier edlen Wahrheiten" beruht. Er beruft sich hier u. a. auf den Philologen K. R. Norman, der in einer Textanalyse zum überraschenden Schluss kam, dass der Begriff "Edle Wahrheit" in der frühesten Fassung der Lehrrede gar nicht enthalten sei. Dieser Ausdruck sei erst später eingefügt worden, um in Konkurrenz mit den zahlreichen Sekten im alten Indien rhetorisch aufzurüsten, vermutet Batchelor: "Der Begriff 'Edle Wahrheit' wird so sehr als selbstverständlich angenommen, dass wir seinen polemischen, sektiererischen und arroganten Ton gar nicht bemerken." Er selbst spricht von einer "vierfältigen Aufgabe", die es auf den Spuren des Buddha zu verwirklichen gibt. Und er reflektiert sehr wohl die Gefahr, genau in die Falle zu tappen, die er kritisiert: nämlich die ursprüngliche Lehre nur noch durch die eigene Brille eines säkularen Buddhismus zu sehen.

Eine neue Vision: "Buddhismus 2.0"

Vieles von dem, was Batchelor präsentiert, ist freilich gar nicht neu: Auch andere westliche und asiatische Lehrer interessieren sich nicht für den metaphysischen Überbau wie die Wiedergeburt und vermitteln die Lehre des Buddha rein praxisbezogen - auf pragmatische, nicht dogmatische Art. Dass deren religiöse Dimension in Batchelors Auslegung ausgemerzt wird, stößt jedoch auch vielen westlichen Buddhisten sauer auf. Alfred Weil, Ex-Vorsitzender der Deutschen Buddhistischen Union, etwa sieht im schottischen Autor einen Wegbereiter "einer fortschreitenden Banalisierung" der buddhistischen Lehre: "Das von Batchelor in Aussicht gestellte 'neue Betriebssystem', das den in die Jahre gekommenen Buddhismus gleichsam updaten soll, ist in Wirklichkeit ein Deinstallationsprogramm, das die Lehre auf der Festplatte der Weisheit löscht. Am besten gar nicht anklicken."

Aber selbst wenn man eine Transzendenz-bereinigte Form von Buddhismus als beschnitten empfindet und vor dem Schlagwort "Buddhismus 2.0" instinktiv zurückschreckt, empfiehlt sich die Lektüre von "After Buddhism" allemal. Denn es liefert einen wichtigen Beitrag zur historisch-kritischen Analyse der buddhistischen Schriften, die heute noch in den Kinderschuhen steckt.

After Buddhism

Rethinking the Dharma for a Secular Age.

Von Stephen Batchelor. Yale University Press, 2015.381 Seiten, geb., € 37,95. (Eine deutsche Ausgabe soll bei edition steinrich im April 2017 erscheinen.)

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