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Zwischen Kontinuität und Reform

50 Jahre nach dem Konzil versuchen einige, seine Bedeutung abzuschwächen. Viele andere klagen, dass das Neue, das auf den Weg gebracht wurde, sich längst nicht entfalten konnte.

Fünfzig Jahre nach Beginn des II. Vatikanischen Konzils wird viel über seine Deutung geschrieben. Die Gegensätze könnten größer nicht sein. Die einen versuchen, seine Bedeutung abzuschwächen. Es hätte ohnehin nichts Neues gebracht, es wäre alles aus der Kontinuität heraus zu erklären. Es sind Vertreter jener Gegenbewegung, die von Anfang an das Konzil nicht wollten und heute ihm sogar die Schuld an den wachsenden Schwierigkeiten der Kirche nach innen und außen geben. Andere aber, und es sind Gott sei Dank sehr viele, klagen, dass das erstaunlich Neue, das vom Konzil angedacht und auf den Weg gebracht worden war, noch längst nicht zur Entfaltung kam.

Papst Benedikt XVI. sucht zu vermitteln. Er rief auf, den Rückblick auf das Konzil durch eine Brille der Kontinuität und Reform zu sehen. Ich fürchte aber, dass bei manchen das eine Glas der Brille "Reform“ eher verklebt ist und man alles dennoch nur aus der Kontinuität erklären will. In der Tat aber ist der Mut zu bewundern, mit dem die Konzilsväter vieles weitergedacht haben, und sogar ganz Wichtiges, das früher zeitbedingt anders gesehen wurde, korrigierten.

Neue Kirchensicht nach innen und außen

Die Kirche hat sich nach innen und nach außen neu gesehen. Von einer einseitig hierarchischen Sicht beschrieb das Konzil die Kirche als Volk Gottes. Grundlage sind nicht die "Ämter“, sondern die Taufweihe, das gemeinsame Priestertum. (Übrigens ein Wort, das in der katholischen Kirche lange tabu war, klingt es doch zu sehr nach dem protestantischen "allgemeinen Priestertum“). Das lässt die Taufe, die "Taufweihe“ neu sehen und nimmt alle Getauften in die Mitverantwortung der Kirche hinein. In Ergänzung zum I. Vatikanum, in dem nur der Primat definiert wurde, ist nun die Leitung der Kirche nach dem Bild des Apostelkollegiums allen Bischöfen gemeinsam mit dem Papst übertragen. Das bedeutet, dass jeder Bischof auch für die Gesamtkirche mitverantwortlich ist.

Nach außen hat sich die Kirche, die bis Pius XII. sich selbst genügte, abgeschlossen und defensiv war, weit geöffnet. Zu den anderen christlichen Kirchen in ganz bewussten Initiativen der Ökumene, von Johannes XXIII. als Grundanliegen des Konzils vorgetragen. Zu den anderen Weltreligionen. In einem Bekenntnis zur Religionsfreiheit, die Gregor XVI. noch als deliramentum, also als Fieberwahn verurteilt hatte. Das Konzil sieht Religionsfreiheit als eines der Menschenrechte, nämlich, dass jeder nach seinem Gewissen auch seinen Glauben leben und bekennen kann. Aus einer Unheilsgeschichte zwischen Kirche und Juden kommt am Konzil endlich die Erkenntnis, dass das Christentum seine Wurzel im jüdischen Glauben hat, sodass Johannes Paul II. die Juden als unsere "älteren Brüder“ anredete. Ein Öffnung zur Welt, die die Kirche nicht mehr als Kontrast zum Geistlichen sieht, sondern in ihrem eigenen Wert, eine Welt, von der sie sich infrage stellen lässt, der sie auch viel verdankt. Und Sexualität und Ehe wird aus einer zu rechtlichen und moralisch genormten Sicht wieder mehr aus der Heiligen Schrift gesehen und die Entscheidung über die Nachkommen einer "verantworteten Elternschaft‘ nach dem Gewissen der Ehepartner anvertraut. Natürlich ist das dieselbe Kirche, die solches aussagt. Aber dennoch ist es nicht nur bruchlose Kontinuität, sondern Mut, nach neuen Erkenntnissen den Herausforderungen der neuen Zeit entsprechend sich auch von Altem zu lösen und Neues zu sagen. Und Judenerklärung und die Aussage über die Religionsfreiheit zeigen doch sogar wahrhaft "Diskontinuität“.

Wie war ein solcher Fortschritt möglich, da es doch von Anbeginn gerade aus der Kurie sehr viel Bremsmanöver gab? Einmal weil der Papst in seiner ganzen Autorität und seiner auf Gottes Eingebung vertrauenden Zukunftsvision die Linie angab. In seiner legendären Rede zu Beginn des Konzils hat er selbst die überkommene Lehre der Kirche betont, aber in Verbindung mit dem notwendigen Fortschritt gebracht. "Aber bei aller nüchternen und gelassenen Zustimmung zur umfassenden Lehrtradition der Kirche erwarten alle, die sich auf der ganzen Welt zum christlichen, katholischen und apostolischen Glauben bekennen, einen Sprung nach vorwärts, der einem vertieften Glaubensverständnis und der Gewissensbildung zugute kommt.“ Er spricht von der Vitalität, die in den jeweiligen Konzilien zum Ausdruck kam und kommen soll.

Bischöfe mit Theologen auf Augenhöhe

Dass sich diese Vorgaben des Papstes wirklich durchsetzten, lag darin, dass Bischöfe und Theologen - und zwar vielfach gerade vorausdenkende, manchmal bis vor dem Konzil deshalb sogar zensurierte - auf gleicher Augenhöhe beraten haben, und so die Spannung zwischen Theologie und Lehramt in einmaliger Weise fruchtbar geworden ist.

Ohne Frage steht die Kirche heute unter einem dringenden Reformbedarf. Darüber sind sich alle einig. Aber welche Reform braucht es? Die einen meinen, wieder zurückzugehen. Sie geben ja gerade den Entwicklungen nach dem Konzil die Schuld, dass so viele Probleme entstanden sind. Sie setzen auf verstärktem Zentralismus in der Kirche, auf eine rigorosere Art der Verkündigung, die wieder Mut hat, deutlicher zu sagen, was Sünde ist. Eine Liturgie, die sich streng an Rubriken hält (hier reden sogar manche von einer Reform der Reform), in der die "alte Liturgie“ als die "frömmere, mystische“ wieder mehr geschätzt wird. Manche setzen wieder auf eine Kirche, die sich mehr "gegen die Welt“ stellt und sich in die eigenen sakralen Räume zurückzieht.

Andere aber, ihre die Zahl wird größer, rufen nach Lösungen längst anstehender Probleme. Sie wünschen sich dafür ein neues Konzil, in der Hoffnung, es könnte wie das II. Vatikanum wieder einen solchen Schub nach vorne auslösen. Dafür scheint aber die Großwetterlage in der Kirche heute nicht geeignet zu sein. Es wäre zu fürchten, dass sich jene Kreise durchsetzen, die das Konzil wie einen Unfall "reparieren“ wollten.

Nicht ein neues Konzil ist notwendig

Nicht ein neues Konzil ist notwendig, vielmehr sollte man das noch gar nicht ausgeschöpften Potenzial erkennen und zur Entfaltung bringen. Eine wirkliche Mitverantwortung der Bischöfe in der Regierung der Weltkirche, mehr Selbstständigkeit für die Ortskirche und die Bischofskonferenzen. Eine Dezentralisierung, vor allem in Fragen der Liturgie. Ein spirituelles Bewusstmachen des gemeinsamen Priestertums aber dann auch die Schaffung neue Strukturen für echte Mitverantwortung der Gläubigen, ein Weiterdenken in Fragen der Sexualität und Ehemoral, um das Vertrauen vor allem der jungen Menschen in die Kompetenz der Kirche auf diesem Gebiet wiederzugewinnen. Einen mutigen Schritt weiter in der Ökumene, da doch so vielfältige theologische Vorarbeiten schon bereitliegen. Mut neue Zugänge zum Priesteramt zu öffnen, weil sonst die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt gemeindlichen Lebens nicht mehr gesichert werden kann. Eine Pastoral für Geschiedene, die wieder geheiratet haben, die einen barmherzigen Gott erleben lässt.

50 Jahre nach Beginn des Konzils sollte man Gott für den mutigen Papst Johannes XXIII. danken und bitten, dass er auch heute der Kirche etwas von diesem pfingstlichen Geist mitteilt, der damals den Papst und viele mutige Konzilsväter beseelte.

* Der Autor, em. Weihbischof in Wien, war Konzilsstenograf beim II. Vatikanum

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