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Wirtschaft

Abgeblitzt und aufgestaut

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Über die österreichische Versuchung, den Transitverkehr für die Verkehrsmisere verantwortlich zu machen.

Transitverkehr - ein Wort mit Appeal. Es sichert Aufmerksamkeit und erregt die Gemüter in Österreich, das seit Jahren unter dem wachsenden Durchzugsverkehr leidet. Verkehrsminister werden nicht zuletzt danach beurteilt, was sie bei der Zähmung des Lkw-Transits zustande bringen. Nun, Matthias Reichhold hat sich in dieser Causa bisher kaum Lorbeeren verdient. Auch vergangenen Freitag kehrte er mit leeren Händen aus Berlin zurück. Seine Kollegen aus Italien, Deutschland und Griechenland wollen keine Verlängerung der Ökopunkte-Regelung, die Ende nächsten Jahres ausläuft.

Diese im Zuge des EU-Beitritts Österreichs getroffene Vereinbarung ist unseren Nachbarn, vor allem den Italienern, ein Dorn im Auge. Im Prinzip sieht sie eine mengenmäßige Beschränkung des Lkw-Transits durch unser Land vor. Die endlosen Streitereien um die Berechnung der Ökopunkte in den letzten Jahren haben aber gezeigt: Die EU unternimmt alles, um eine Deckelung des Durchzugsverkehrs zu unterbinden.

Diese widerspricht ja dem zentralen EU-Dogma: freier Verkehr für Waren und Personen. Als EU-Mitglied hat sich Österreich dieser Logik unterworfen. Mit dieser Tatsache müssen wir uns also abfinden.

"Begrenzte Täler vertragen keinen unbegrenzten Verkehr" - diese Parole des "Transitforums Austria-Tirol" hat natürlich viel für sich, und es ist Zeit Maßnahmen zu treffen, damit die Alpentäler nicht im Verkehr ersticken. Aber dasselbe gilt auch für auch begrenzte Städte, ja für unseren gesamten begrenzten Lebensraum. Er verträgt keinen unbegrenzten Verkehr. Daher darf man den Transit nicht zum Sündenbock der Verkehrsmisere machen, obwohl er im Zuge der wachsenden internationalen Wirtschaftsverflechtung zwangsläufig stark zunimmt. Das tut nämlich auch der nationale Verkehr: plus acht Prozent im Vorjahr in Österreich.

Das eigentliche Problem ist die ungehemmt wachsende Verkehrslawine auf der Straße. Nach wie vor werden hohe Zahlen von Kfz-Neuzulassungen als Erfolgsmeldungen gefeiert, wird die Autobenützung beim Einkauf in Shopping-Centers auf der "grünen Wiese" die Regel, wächst die Zahl der Pendler zum Arbeitsplatz (jeder vierte Niederösterreicher pendelt nach Wien, die überwiegende Mehrzahl mit dem Auto), nimmt der Anteil der Autobenützung für Urlaubsfahrten (zwei Drittel ins Ausland) zu.

Stau - wie üblich

Dementsprechend die gewohnten Meldungen: Stau und Blockabfertigung auf der A 10 brachten den Verkehr vor dem Tauerntunnel, zum Erliegen, Stau auf der Brennerautobahn, am Fernpaß, Wartezeiten bei Spielfeld in praller Sonne von einer, bei Nikolsdorf von zwei Stunden. So jedenfalls am vergangenen Wochenende, das wegen Bauarbeiten auch den Wienern einen Megastau auf der Südost-Tangente und den angrenzenden Autobahnen beschert hat. All das ist aber ein Klacks gegen die Rekordmeldung aus Frankreich Ende Juni: Insgesamt 265 Kilometer Stau zu Beginn des Urlaubsreiseverkehrs in der "grande nation"!

Neue Straßen, Verkehrsleitsysteme, Stauberater - all das ist schön und gut und soll es auch geben. Aber es löst das eigentliche Problem der ungebrochenen Verkehrsexplosion nicht. Sie gilt es an der Wurzel zu bekämpfen - und zwar nicht durch Verbote, sondern durch eine systematisch betriebene Kostenerhöhung.

Enorme Nebenkosten

Es stimmt natürlich, daß die Autofahrer schon derzeit ganz schön zur Kassa gebeten werden. Aber das ist immer noch nichts im Vergleich zu den Kosten, die der Straßenverkehr bereitet. Da sind einmal die Umweltkosten: Alle Kyoto-Ziele wären spielend zu erreichen, gäbe es nicht den Zuwachs der CO2-Emissionen im Verkehr. Die WHO schätzt, daß in Europas Städten zwischen 36.000 und 129.000 Erwachsene jährlich an den Gesundheitsschäden, die Folgen des ständigen Einatmens von Verkehrsemissionen sind, sterben. Dann die Staukosten, die Kosten, die durch Unfälle entstehen: Wieviel Elend und materieller Aufwand durch Verletzungen im Straßenverkehr! Und vor allem: 40.000 Verkehrstote und mehr sind Jahr für Jahr in Westeuropa zu beklagen. Und das wird einfach als Selbstverständlichkeit hingenommen. Ähnliche Opferzahlen aufgrund einer anderen Ursache würde strikteste Gegenmaßnahmen auslösen.

Ist das nicht Grund genug, den Straßenverkehr strenger zu überwachen und vor allem weiter zu verteuern? Sicher, eine solche Forderung löst bei fast jedem - wir sind ja ein Volk von Autofahrern - zunächst Abwehr-Reaktionen aus. Aber es ist der einzige sinnvolle und den wirtschaftlichen Spielregeln entsprechende Ausweg: Der Maut für die Straßenbenützung gehört die Zukunft. Die Einführung der Lkw-Maut auf Österreichs Autobahnen - sie wird jetzt schon als zu billig kritisiert - kann nur ein erster Schritt sein. Warum nicht auch den Pkw-Verkehr bemauten, besonders auf hochrangigen Straßen, in Ballungszentren und zu Spitzenzeiten? Die technischen Voraussetzungen für die Einführung solcher Systeme sind gegeben. Es fehlt nur am politischen Willen diesen - fraglos unpopulären - Schritt zu setzen und in der EU für das Anliegen zu werben.

Über die österreichische Versuchung, den Transitverkehr für die Verkehrsmisere verantwortlich zu machen.

Transitverkehr - ein Wort mit Appeal. Es sichert Aufmerksamkeit und erregt die Gemüter in Österreich, das seit Jahren unter dem wachsenden Durchzugsverkehr leidet. Verkehrsminister werden nicht zuletzt danach beurteilt, was sie bei der Zähmung des Lkw-Transits zustande bringen. Nun, Matthias Reichhold hat sich in dieser Causa bisher kaum Lorbeeren verdient. Auch vergangenen Freitag kehrte er mit leeren Händen aus Berlin zurück. Seine Kollegen aus Italien, Deutschland und Griechenland wollen keine Verlängerung der Ökopunkte-Regelung, die Ende nächsten Jahres ausläuft.

Diese im Zuge des EU-Beitritts Österreichs getroffene Vereinbarung ist unseren Nachbarn, vor allem den Italienern, ein Dorn im Auge. Im Prinzip sieht sie eine mengenmäßige Beschränkung des Lkw-Transits durch unser Land vor. Die endlosen Streitereien um die Berechnung der Ökopunkte in den letzten Jahren haben aber gezeigt: Die EU unternimmt alles, um eine Deckelung des Durchzugsverkehrs zu unterbinden.

Diese widerspricht ja dem zentralen EU-Dogma: freier Verkehr für Waren und Personen. Als EU-Mitglied hat sich Österreich dieser Logik unterworfen. Mit dieser Tatsache müssen wir uns also abfinden.

"Begrenzte Täler vertragen keinen unbegrenzten Verkehr" - diese Parole des "Transitforums Austria-Tirol" hat natürlich viel für sich, und es ist Zeit Maßnahmen zu treffen, damit die Alpentäler nicht im Verkehr ersticken. Aber dasselbe gilt auch für auch begrenzte Städte, ja für unseren gesamten begrenzten Lebensraum. Er verträgt keinen unbegrenzten Verkehr. Daher darf man den Transit nicht zum Sündenbock der Verkehrsmisere machen, obwohl er im Zuge der wachsenden internationalen Wirtschaftsverflechtung zwangsläufig stark zunimmt. Das tut nämlich auch der nationale Verkehr: plus acht Prozent im Vorjahr in Österreich.

Das eigentliche Problem ist die ungehemmt wachsende Verkehrslawine auf der Straße. Nach wie vor werden hohe Zahlen von Kfz-Neuzulassungen als Erfolgsmeldungen gefeiert, wird die Autobenützung beim Einkauf in Shopping-Centers auf der "grünen Wiese" die Regel, wächst die Zahl der Pendler zum Arbeitsplatz (jeder vierte Niederösterreicher pendelt nach Wien, die überwiegende Mehrzahl mit dem Auto), nimmt der Anteil der Autobenützung für Urlaubsfahrten (zwei Drittel ins Ausland) zu.

Stau - wie üblich

Dementsprechend die gewohnten Meldungen: Stau und Blockabfertigung auf der A 10 brachten den Verkehr vor dem Tauerntunnel, zum Erliegen, Stau auf der Brennerautobahn, am Fernpaß, Wartezeiten bei Spielfeld in praller Sonne von einer, bei Nikolsdorf von zwei Stunden. So jedenfalls am vergangenen Wochenende, das wegen Bauarbeiten auch den Wienern einen Megastau auf der Südost-Tangente und den angrenzenden Autobahnen beschert hat. All das ist aber ein Klacks gegen die Rekordmeldung aus Frankreich Ende Juni: Insgesamt 265 Kilometer Stau zu Beginn des Urlaubsreiseverkehrs in der "grande nation"!

Neue Straßen, Verkehrsleitsysteme, Stauberater - all das ist schön und gut und soll es auch geben. Aber es löst das eigentliche Problem der ungebrochenen Verkehrsexplosion nicht. Sie gilt es an der Wurzel zu bekämpfen - und zwar nicht durch Verbote, sondern durch eine systematisch betriebene Kostenerhöhung.

Enorme Nebenkosten

Es stimmt natürlich, daß die Autofahrer schon derzeit ganz schön zur Kassa gebeten werden. Aber das ist immer noch nichts im Vergleich zu den Kosten, die der Straßenverkehr bereitet. Da sind einmal die Umweltkosten: Alle Kyoto-Ziele wären spielend zu erreichen, gäbe es nicht den Zuwachs der CO2-Emissionen im Verkehr. Die WHO schätzt, daß in Europas Städten zwischen 36.000 und 129.000 Erwachsene jährlich an den Gesundheitsschäden, die Folgen des ständigen Einatmens von Verkehrsemissionen sind, sterben. Dann die Staukosten, die Kosten, die durch Unfälle entstehen: Wieviel Elend und materieller Aufwand durch Verletzungen im Straßenverkehr! Und vor allem: 40.000 Verkehrstote und mehr sind Jahr für Jahr in Westeuropa zu beklagen. Und das wird einfach als Selbstverständlichkeit hingenommen. Ähnliche Opferzahlen aufgrund einer anderen Ursache würde strikteste Gegenmaßnahmen auslösen.

Ist das nicht Grund genug, den Straßenverkehr strenger zu überwachen und vor allem weiter zu verteuern? Sicher, eine solche Forderung löst bei fast jedem - wir sind ja ein Volk von Autofahrern - zunächst Abwehr-Reaktionen aus. Aber es ist der einzige sinnvolle und den wirtschaftlichen Spielregeln entsprechende Ausweg: Der Maut für die Straßenbenützung gehört die Zukunft. Die Einführung der Lkw-Maut auf Österreichs Autobahnen - sie wird jetzt schon als zu billig kritisiert - kann nur ein erster Schritt sein. Warum nicht auch den Pkw-Verkehr bemauten, besonders auf hochrangigen Straßen, in Ballungszentren und zu Spitzenzeiten? Die technischen Voraussetzungen für die Einführung solcher Systeme sind gegeben. Es fehlt nur am politischen Willen diesen - fraglos unpopulären - Schritt zu setzen und in der EU für das Anliegen zu werben.