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Kosten zu sparen und gleichzeitig die Umwelt zu schützen, ist das Ziel neuer Gemeinschaften. Sie tauschen statt zu kaufen, und sind damit erfolgreich.

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Kosten zu sparen und gleichzeitig die Umwelt zu schützen, ist das Ziel neuer Gemeinschaften. Sie tauschen statt zu kaufen, und sind damit erfolgreich.

Du gibst mir deins, ich geb' dir meins: Tauschen und Teilen ist in Mode gekommen. Bücher wechseln bei Bookcrossing ihren Besitzer, Wohnungen beim Couchsurfing, Autos in Form von Carsharing - sogenannte Sharing-Modelle erleben zur Zeit einen Boom sondergleichen. Teilen kann man mittlerweile fast alles, doch das Konzept der gemeinschaftlichen Nutzung ist nicht ganz neu: Büchereien, Wohngemeinschaften oder Waschsalons hat es auch in früheren Zeiten gegeben. Bereits in den 1970er Jahren lautete das Motto der Ökologiebewegung "Nutzen statt Besitzen". Dahinter steckt bis heute die Idee, Ressourcen gemeinsam zu nutzen, um Kosten zu sparen und die Umwelt zu schützen.

Der Hintergrund für die neu erstarkte Bewegung ist ernster denn je: unser Verlangen nach immer neuen Konsumgütern bringt die Erde aus dem Gleichgewicht; die weltweiten Ressourcen in Form von Rohstoffen, Wasser oder Land drohen zu verknappen.

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 rechnet auf ihrer Website reduse.org vor, dass sich der globale Ressourcenverbrauch in den letzten 30 Jahren verdoppelt hat - auf rund 60 Milliarden Tonnen jährlich. Einer der größten Netto-Importeure von natürlichen Ressourcen pro Kopf ist Europa. Um unseren Bedarf an Lebensmitteln und Konsumgütern zu befriedigen, werden jährlich allein etwa 120 Millionen Hektar an landwirtschaftlich genützter Fläche außerhalb von Europa benötigt - dies entspricht vierzehnmal der Größe Österreichs. Der zunehmende Verbrauch führt nicht nur zu Umweltproblemen, er ist oft auch mit sozialen Missständen wie etwa Menschenrechsverletzungen oder schlechten Arbeitbedingungen verknüpft. Wachstumskritiker wie Niko Paech sehen das Ende unseres wachstumsorientierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystem gekommen. In seinem Buch "Befreiung vom Überfluss" erklärt der deutsche Wirtschaftswissenschaftler, wie man mit weniger Konsum glücklich wird.

Nachhaltig konsumieren

Was läge angesichts solcher Fakten näher, als dem vorherrschenden Konsumwahn etwas entgegenzusetzen? "Nachhaltig konsumieren trifft den Nerv der Zeit", stellt Andreas Steinle vom deutschen Zukunftsinstitut fest. Nutzen statt Besitzen lautet auch heutzutage wieder die Alternative, und durch Internet und soziale Netzwerke haben Sharing-Modelle eine neue Dimension erreicht.

Das Time Magazin bezeichnet die sogenannte "Collaborative Consumption" als eine von zehn Ideen, die die Welt verändern werden - als Maßnahme, um Ressourcen und Umwelt zu schonen. Beispiele gibt es viele: in neu errichteten Wohnhäusern stellen Waschküchen eine Alternative zur eigenen Waschmaschine dar - mit positivem Effekt auf Umwelt und Brieftasche. "Mitbahnen" ist eine der neueren Varianten - hier können Mitreisende für Bahnfahrten gesucht werden, um dieTarife von Gruppentickets zu teilen.

Und immer mehr Tauschbörsen bieten Produkte wie Haushaltsgeräte, Lifestyle-Artikel oder Kleider zum Verleih oder Tausch an (z.B. frents.com). Der Gedanke dahinter: um ein Loch in die Wand zu bohren, brauche ich einen Bohrer - aber muss ich deshalb gleich ein neues Gerät kaufen? Und was nützt mir ein eigenes Auto, wenn ich nur einmal pro Woche damit fahre?

Die gemeinschaftliche Nutzung bringt ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl mit sich: man tauscht nicht nur Produkte oder Dienstleistungen, sondern auch Erfahrungen aus und lernt dabei Gleichgesinnte kennen. So sind Kleidertauschparties, bei denen nicht mehr getragene Kleidungsstücke den Besitzer wechseln, beliebte soziale Events. Tauschbörsen unter Nachbarn führen womöglich zu besseren nachbarschaftlichen Beziehungen. Erst kürzlich wurde eine neue Initiative gegründet: auf myfoodsharing.at können noch genießbare Lebensmittel abgegeben werden.

Wenn es doch einmal notwendig ist, etwas käuflich zu erwerben, müssen es nicht immer neue Produkte sein: zahlreiche Online-Anbieter wie eBay, willhaben.at oder flohmarkt. at bieten Waren an, die meist wenig benützt oder gar neuwertig sind. Auf Flohmärkten und in Second-Hand-Läden findet der geübte Käufer Kleidung, Geschirr oder Gebrauchsgegenstände zu Kleinstpreisen. Und auch wohltätige Organisationen verkaufen gesammelte Second-Hand-Ware für einen guten Zweck (z.B. Carla Flohmarkt der Caritas). In einigen österreichischen Städten gibt es sogenannte Umsonstläden: hier kann man funktionstüchtige Dinge abgeben, die nicht mehr benötigt werden und im Gegenzug Waren mitnehmen. Sepp Eisenriegler, Geschäftsführer des Wiener Reparatur und Service Zentrums R.U.S.Z., arbeitet an Finanzierungsmodellen wie dem Kauf- und Mietleasing für Haushaltsgeräte. Sein Credo: "Man muss nicht alles besitzen." Im Verkaufsbereich des R.U.S.Z. finden sich gebrauchte Handys, Fernsehgeräte oder Waschmaschinen. "Jedes Kind versteht, dass wir auf unserem Planeten nicht unendliches materielles Wachstum haben können, nur konservative Ökonomen wollen das nicht wahrhaben", ist Eisenriegler überzeugt. Auch davon, dass Reparaturen von hochwertigen Geräten ein Signal gegen übermäßigen Konsum sein können.

Weltweite Bewegung

Auch in anderen Ländern ändert sich das Konsumverhalten schön langsam: in Schweden setzt IKEA auf den Online-Wiederverkauf gebrauchter Einrichtungsgegenstände. Und unter dem Namen "Swap in the City" haben sich Tausch-Initiativen von den USA aus in andere Länder ausgebreitet. Waren werden laut Andreas Steinle in Zukunft öfter dorthin zurückkehren, wo der Kunde sie gekauft hat, um sie einer Wiederverwendung zuzuführen: Zukunftsforscher nennen das die Second-Sale-Kultur.

Der brasilianische Anthropologe Rony Rodrigues von der Trendforschungsagentur Box 1824 hat das Einkaufsverhalten der 18- bis 24-Jährigen weltweit analysiert und kommt zu dem Schluss: Die Millennials haben von Marken, die auf schnellen Kollektionswechsel und hohe Umsätze ausgerichtet sind, genug. Sie setzen auf Nachhaltigkeit.

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