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Ban Ki-moon über die Krise: "Die Uhr tickt“

Exklusiv in der FURCHE: ein Kommentar des UN-Generalsekretärs zum Gipfeltreffen der G20-Industriestaaten in Cannes, der die Weichen in der Wirtschaftskrise stellen soll.

Zu viele Menschen leben in Angst. Sie sind durch Unsicherheit entmutigt und über ihre verminderten Aussichten erzürnt. Um die Küchentische und auf öffentlichen Plätzen fragt man sich: Wer wird meine Familie und meine Gemeinschaft versorgen? In diesen schwierigen Zeiten ist die größte Herausforderung für Regierungen nicht ein Ressourcendefizit; es ist ein Defizit an Vertrauen. Die Menschen verlieren das Vertrauen in ihre Führenden und öffentlichen Institutionen, das Richtige zu tun.

Das bevorstehende G20-Treffen in Cannes findet vor diesem dramatischen Hintergrund statt, dem es entgegenzusteuern gilt. Die Führenden der weltgrößten Wirtschaften haben eine historische Möglichkeit und eine historische Verantwortung, das Vertrauensdefizit zu verringern. Um das zu verwirklichen, müssen sie sich verbünden. Es ist klar, dass in Cannes die Unterstützung der Entscheidungen, die in Brüssel bezüglich der Krise innerhalb der Eurozone getroffen wurden, sofortige Priorität hat. Genauso klar ist es, dass jede effektive Antwort auf diese mannigfaltigen Herausforderungen global sein muss.

Mehr noch, es muss mit einer ambitionierten langfristigen Sozialagenda gekoppelt sein. Wir können uns nicht leisten, die Schwächsten zu verlieren -- die Armen, den Planeten, die Frauen und jungen Menschen. Sie zu bitten, zu warten, während andere Probleme gelöst werden, ist nicht nur kontraproduktiv, sondern unmoralisch.

Für einen konkreten Aktionsplan

In Cannes müssen die Führenden starke Unterstützung für die armen und benachteiligten Bevölkerungsgruppen, die auf der Agenda der Millenniums-Entwicklungsziele stehen, zeigen. Wir wissen, was funktioniert: Wir müssen weiterhin in Politiken und Programme investieren, die große Gewinne einbringen - in die Gesundheit für Frauen und Kinder, in Nahrungsmittel und Landwirtschaft und Geschlechtergleichstellung, um nur ein paar zu nennen.

Für den Planeten: So wie es ohne nachhaltiges Wachstum keine Entwicklung gibt, kann es keine nachhaltige Entwicklung ohne den Schutz des Planeten geben. Unsere kollektive Gesundheit hängt davon ab, wie wir mit der Erde umgehen.

Ein neues Weltgipfeltreffen

Nächsten Juni wird die UNO eine große Konferenz zu nachhaltiger Entwicklung veranstalten. Rio+20 bietet eine Möglichkeit, einen klaren Weg in eine bessere Zukunft zu definieren - eine Zukunft an ganzheitlichen Lösungen für verknüpfte Probleme. Das bedeutet neue Initiativen für Nahrungsmittel- und Wassersicherheit. Es bedeutet, beim Klimawandel und erneuerbarer Energie voranzukommen, einschließlich innovativer Finanzierungsmöglichkeiten. Vor drei Jahren diskutierten die Führenden in London, wie man kurzfristiges globales Wachstum ankurbeln kann. In Cannes müssen wir unser Augenmerk auf das Ankurbeln intelligenter langfristiger Investitionen legen -- -heute die richtigen zu Entscheidungen treffen, um die Welt von morgen zu gestalten.

Die G20-Industriestaaten müssen die Krise der steigenden Ungleichheit reell ansprechen. Wenn wir versagen, wird die Zukunft sich rächen. Soziale Entfremdung und eine größere Instabilität werden die Aussichten für uns alle untergraben. Für die Führenden in Cannes ist dieser Gipfel eine Bewährungsprobe. Ein Misserfolg wäre desaströs. Wenn wir jetzt zusammenarbeiten, können wir den Abgrund abwenden und für die zukünftigen Generationen etwas bewirken. Für diese Entscheidungen gibt es kein Hinausschieben. Die Uhr tickt.

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