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Billiges Reisen kommt die Natur teuer zu stehen

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Die Flugpreise rasseln in den Keller. Damit fallen auch die letzten Schranken für hemmungsloses Reisen, vorwiegend in die Ferne.

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Die Flugpreise rasseln in den Keller. Damit fallen auch die letzten Schranken für hemmungsloses Reisen, vorwiegend in die Ferne.

Wer immer nach Ausreden sucht, um einen längst fälligen und doch immer wie: der aufgeschobenen Verwandtenoder Bekanntenbesuch in die Vereinigten Staaten zu rechtfertigen - ein Argument kann er sich mit Sicherheit sparen: den teuren Flugpreis. Mit dem Wettbewerb untereinander dürften die internationalen Carrier nun auch in Europa als ausschlaggebendes Buchungsmotiv die Preise erkannt haben: Die rasseln nämlich bodenwärts, als hätten die Finanzchefs der Beiseveranstalter die bud-getäre Schubumkehr eingeschalten.

Den Flug New-York hin und retour etwa gab es zuletzt um geradezu peinliche 3.990 Schilling (Normaltarif Business-class: 19.700 Schilling), der gleiche Preis, um den auch die deutsche Hauptstadt Berlin zu erfliegen ist. Bio de Janeiro ist um wohlfeile 8.800 Schilling zu haben (Normaltarif Business-class: 28.180) und Hongkong bereits um 6.98Ö Schilling (Normal: 31.250). Und so ist es auch mehr als einsichtig, daß der große Urlaubstrend für den kommenden Sommer wiederum „Fernreisen” heißt.

Für die zwischen latentem Fernweh und akutem Kontokoma hin und her gerissenen Urlauber ist diese Entwicklung durchaus erfreulich, doch machen sich daneben langsam auch kritische Stimmen breit. So stand etwa die Internationale Tourismusbörse (ITB) in Berlin, die größte Messeveranstaltung der Welt zum Thema Tourismus, Anfang März, ganz im Zeichen der ökologischen Auswirkungen des Massentourismus. Tourismus sollte so betrieben werden, daß er seine eigenen Grundlagen - die Umwelt - nachhaltig sichert.

Und das ist gar nicht so sicher. Denn die Branche wächst ungebremst ins nächste Jahrtausend. Weltweit etwa, so schätzt das World ' Travel & Tourism Council (WTTC), wird in den nächsten zehn Jahren die Anzahl der Arbeitsplätze, die zumindest mittelbar vom Tourismus abhängen, von heuer 212 Millionen, auf 338 Millionen steigen, ein stetiges Wachstum von jährlich 5,5 Prozent, oder, anschaulicher: alle 2,5 Sekunden ein neuer Arbeitsplatz. Westeuropa alleine erwirtschaftet immerhin 33,9 Prozent oder unvorstellbare 1.146 Milliarden Dollar aller Einkünfte in diesem Bereich. Nach WTTC-Schätzungen soll auch hier bis zum Jahr 2005 das diesbezügliche Bruttoprodukt um real 54,6 Prozent emporschnellen. Auch in Osterreich wird in der Tourismus-branche mehr umgesetzt, als etwa in der Industrie.

Die Beisefreudigkeit hat fatale Auswirkungen auf den ökologischen Haushalt sowohl der Erde insgesamt, wie auf den der bereisten Gebiete im speziellen. Auf der ITB wurden ein paar besonders bedenkliche Beispiele bald zu Stehsätzen in jedem Vortrag:

Ein einzelner Flugreisender benötigt für seinen Weg nach Amerika etwa soviel Energie, wie in einem Vier-Personenhaushalt im Laufe eines ganzen Jahres. An der Costa de Caparica (der „Hausstrand” von Lissabon, Portugal) ruinieren jährlich auf nur 42 Kilometer Länge 1,2 Millionen Besucher die natürliche

Dünenlandschaft durch illegale Be-fahrung, Abfall und Zerstörung der befestigenden Vegetation. Errosion und Dünenwanderung sind die Folge. Auf einigen Mittelmeerinseln ist der Ausbau touristischer Großanlagen soweit fortgeschritten, daß die Wasserversorgung der Bevölkerung und der Gäste nur mehr per Schiff aufrecht zu erhalten ist.

Seitdem allerdings die ökologischen Auswirkungen des Massentourismus auch an der wirtschaftlichen Sicherheit der großen Reiseveranstalter rütteln - wer fährt schon gerne in ökologische Notstandsgebiete -werden die jahrelangen Experten-Warnungen auch in den Chefetagen von Neckermann und Co. gehört. So hatte die Touristik Union International (TUI), Deutschlands größter Reiseveranstalter, der sein Engagement in Österreich (Feriendörfer) mit einer eigenen Reisebürokette demnächst erweitern will, vor vier Jahren einen eigenen Umweltbeauftragten in den Vorstand geholt. Wolf Michael Iwand erkennt ganz klar: „Wenn sich der ,Tourismus der großen Zahlen' zudem in geographischen Regionen abspielt, die neben ihren natürlichen Schönheiten meist sensible ökologische Systeme darstellen, muß es beinahe zwangsläufig zu irreversiblen Umweltschäden kommen.”

Doch Iwands Resümee seiner vierjährigen Anstrengungen, bei dem Reiseriesen grüne Aspekte einfließen zu lassen, ist desillusionierend. Sein vielbeachteter Vortrag bei der ITB in Berlin war ein Rückzugsgefecht. Vor allem mangelndes Interesse seitens der Urlauber vereitelte bisher eine stärkere ökologische Orientierung der Reiseveranstalter. Immer noch - wie an der Entwicklung der den Flugpreise zu sehen - spielt der Preis die größte Rolle im Buchungsverhalten. Damit beschränkte sich auch das Ergebnis von Iwands Tätigkeiten bei der TUI auf einige kosmetische Rahmenbedingungen für Vertraghotels. Nur in kleinem Rahmen - wenn sich die bereiste Bevölkerung wehrt - konnten gemeinsam mit den Kommunen Bebauungsbeschränkungen durchgesetzt, die Abwasserreinigung oder eine geregelte Müllentsorgung finanziert werden.

Nach Ansicht von Experten ist es allerdings nicht unbedingt der herdenweise einfallende Pauschalreisende, der die größten sozialen und ökologischen Irritationen auslöst. Sogenannte sanft reisende Einzeltouristen sind nämlich noch viel schwerer zu kontrollieren, der Trend zur Individualität der Reiseroute läßt zudem viele Veranstalter immer extremere Gebiete mit immer größerem Aufwand erschließen. Stichworte dazu sind: Abenteuerreisen, Trekkingtou-ren, Aktivurlaub. Die sozialen und umweltschädigenden Auswirkungen stehen hier in noch schlechterem Verhältnis zum Reisebedürfnis der wenigen Touristen.

Im wirtschaftlich zu guten Teilen von Tourismus abhängigen Österreich werden Selbstbeschränkungen im Hinblick auf eine Nachhaltigkeit der Fremdenverkehrsentwicklung langsam häufiger. So wurde etwa das Lesachtal in Kärnten, mit 1.700 Einwohnern und 120.000 Übernachtungen eines der extensivsten Tourismusgemeinden Österreichs, wegen eines Stopp-Programms von der internationalen Naturfreunde-Verei -nigung zur „Ökologische Musterge-•meinde Europas des Jahres 1995/96” gewählt. Es gibt keine Seilbahnen, keine Großbauten über 80 Betten, die Bauern werden in die Vermarktung eingebunden.

Doch der reale Druck im Tourismussektor läßt meist nicht soviel zu. Im Gegenteil: Zumeist geht die erste Forderung der Hoteliers nach näch-tigungsschwachen Saisonen immer nach einem Ausbau der Kapazitäten, sei es von Seilbahnen, Hotels oder Subventionen. Wenige Schiorte haben sich etwa zu einer spürbaren Begrenzung der Liftkarten durchgerungen, Salzburg rückt immer weiter von einem zunächst rigide geplanten Busfahrverbot ab. Und gar Umweltverträglichkeitsprüfungen für Hotelprojekte gibt es auch erst in der Phantasie der Ökologen.

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