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Bio plus Qualität

Der Vorarlberger Werner Lampert ist eine fixe Größe in der heimischen Lebensmittel-Szene. Der einstmalige Bio-Pionier setzt sich heute vorrangig für die alpine Landwirtschaft ein.

Bio-Pionier, Qualitätsverfechter und Enfant terrible der Bio-Szene sind nur einige Bezeichnungen von Werner Lampert. Bekannt wurde er einer breiten Masse durch die Einführung der über Billa vertriebenen Bio-Produkte-Marke "Ja! Natürlich". Lampert hat sich vor rund vier Jahren von "Ja! Natürlich" verabschiedet und steht nun hinter der Marke "Zurück zum Ursprung", die über den Diskonter Hofer vertrieben wird. Ziel ist, eine ursprüngliche Landwirtschaft zu fördern, der Bio-Faktor kommt heuer zu hundert Prozent in das Sortiment zurück. So kehrt Lampert zurück zu seinen Ursprüngen.

Die Furche: Steht für Sie als Bio-Pionier die Bio-Landwirtschaft an erster Stelle …

Werner Lampert: Wenn man sich die Entwicklung der biologischen Landwirtschaft ansieht, von den ersten Wachstumsschüben in den 1960er Jahren, wo auf einmal mehr als eine Hand voll Spinner sich dafür interessiert hat, so war immer klar, dass es sich um eine sehr regionale und hoch spezialisierte Angelegenheit handelt. Die vermehrte Nachfrage und der lockere Umgang mit dem, was als "biologisch produziert" bezeichnet wird, hat zu einem regelrechten Bio-Boom geführt. Heute läuft die biologische Landwirtschaft Gefahr, das Feigenblatt für eine global agierende Agrarwirtschaft zu werden, und das spricht jedem Bio-Gedanken Hohn. Ich war immer der Meinung, dass Bio-Landwirtschaft etwas mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Die Nachhaltigkeit wurde aber durch die zunehmend internationalisierten Bio-Verordnungen sowie durch die EU-Bioverordnung aus den Augen verloren. Was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun, wenn man die Fleischerträge mit der Gabe von Soja-Futtermitteln - die beispielsweise aus Brasilien importiert werden - steigern will? In Brasilien muss für den Soja-Anbau Urwald gerodet werden, was hat das mit Umweltschutz zu tun? Ich halte das für eine Katastrophe. Wenn die Bio-Landwirtschaft zu einer soften Variante der konventionellen Landwirtschaft wird, dann ist das zugleich das Totenglöckchen der Bio-Idee. Man muss Bio-Konzepte grundsätzlich neu denken, und diese müssen Nachhaltigkeit und Umweltschutz miteinbeziehen.

Die Furche: War das einer der Hauptgründe für die Gründung der Hofer-Marke "Zurück zum Ursprung"?

Lampert: Ich bin der Meinung, man muss neu beginnen. Für mich ist die Regionalität sehr wichtig, das ist ein zentraler Punkt meines Tuns. Genauer gesagt, die alpine Landwirtschaft. Doch diese läuft Gefahr, dass sie in der aktuellen landwirtschaftlichen Entwicklung auf der Strecke bleibt, da sie mit Aufwänden betrieben werden muss, die ja in Gunstlagen nicht notwendig sind. Die Bauern aus der alpinen Landwirtschaft müssen zu anderen Preisen liefern und ihre Produkte haben eine ganz besondere Qualität. Das hängt mit der Luftqualität, der Sonneneinstrahlungs-Intensität und der Biodiversität dieser Räume zusammen. Mir war wichtig, eine Schneise zu hauen für diese Schätze, die wir im Land haben.

Die Furche: Aber gibt es einen Absatz für diese Schätze?

Lampert: Es wäre eine vollkommene Illusion zu glauben, man könne von hundert Prozent der Konsumenten ausgehen. Es gibt einfach Konsumenten, die keine besonderen Ansprüche haben. Die sagen, es muss billig sein und dem Preis entsprechend schmecken. Das ist in Ordnung so. Wir sind ja keine Oberlehrer, wir sagen nicht, was falsch und was richtig ist. Aber gerade in Österreich gibt es laut Untersuchungen ein Quantum an Konsumenten, die höhere Ansprüche haben - rund vierzig Prozent.

Die Furche: In den vergangenen Jahren gab es aber einen Bruch: Denn selbst in Zeiten der Hochkonjunktur wurde Geiz "geil" …

Lampert: Geiz existiert ja seit dem Sündenfall, wenn man so will. Das ist etwas Wesentliches in unserem Menschsein. Geiz entspringt der Quelle der Destruktivität. Diese destruktiven Kräfte nicht nur in sich selbst, sondern auch in der Gesellschaft, in unserem Zusammenleben zu überwinden, darauf kommt es an. Am Ende zählt, ob es uns gelungen ist, das Destruktive zu überwinden und in etwas Lebendiges und Positives zu verwandeln. In den vergangenen Jahren wurde sehr viel Geld für Bio-Werbung ausgegeben, aber es wurden nicht die Transparenz und nicht die Inhalte gelebt. Wäre dem so gewesen, würden jetzt im Zuge der Wirtschaftskrise nicht so schnell und nahtlos die Bio-Umsätze zusammenbrechen.

Die Furche: Wenn man Ihr Buch liest, hat man manchmal das Gefühl, Sie schweben über den Dingen …

Lampert: Das ist mir neu, denn ich habe ja in der realen Welt einiges zustandegebracht, und dafür braucht es ja zwei Beine, die auf der Erde stehen. Das Buch und meine Erfahrungen erzählen ja davon, wie ich im Realen verwurzelt bin.

Die Furche: Erreichen Sie ebenso jene, die keine Beziehung mehr zu dem haben, was sie essen?

Lampert: Das Kunststück besteht darin, nicht nur über den Weg zu philosophieren, sondern die Ideen in die Wirklichkeit zu bringen, indem man sie in die Tat umsetzt. Sei es in einem ganz banalen Joghurt oder in einem Stück Brot. So lange es nur Papier ist und eine Spinnerei, ist es uninteressant, das nutzt niemandem. Nur wenn es uns gelingt, viele von den Ideen in konkrete Lebensmittel umzusetzen, beginnt es interessant zu werden.

Die Furche: Bei Ihrer Marke "Zurück zum Ursprung" stellen Sie jetzt auf hundert Prozent bio um. Jetzt kehren Sie also zu Ihren Ursprüngen zurück, bleiben aber gleichzeitig ein Kritiker der Bio-Szene …

Lampert: Am Beispiel der Milch weiß man durch Untersuchungen in Deutschland, dass eine Bio-Silage-Milch, die von Kühen stammt, die mit sehr viel Mais-Silage gefüttert wurden, in der Qualität der konventionell erzeugten Silage-Milch entspricht. Dass es hierbei also kaum zu Qualitäts-Unterschieden kommt. Im Gegensatz dazu ist das Positive an der Heumilch, dass sie eine vollkommen andere Qualität von Milch darstellt. Ich habe immer davon geträumt, ein Heumilch-Projekt zu machen. Europaweit gibt es aber nur noch zwei Prozent Heumilch. Es ist die Milch des alpinen Raumes und für dieses Produkt wollte ich etwas tun. Das ist mir bei meinen Bio-Projekten bis dato nie geglückt. Da wir aber so hohe Qualitäts-Ansätze haben, die wir streng kontrollieren, hat man uns eines Tages gefragt, warum das Ganze nicht obendrein noch bio ist? Wenn ich von vornherein gesagt hätte, ich ziehe das Heumilch-Projekt bio auf, wäre das Projekt nie zustandegekommen. Es war richtig diesen Weg zu gehen, jetzt können wir einen großen Teil unserer Produzenten in den Bio-Bereich übernehmen.

Die Furche: "Zurück zum Ursprung" ist also erst in zweiter Linie ein Bio-Projekt geworden …

Lampert: Ja, es ist eigentlich bio plus Qualität plus Nachhaltigkeit plus Naturschutz plus Ernsthaftigkeit. In meinen Projekten wird kein Gramm Soja verfüttert. Für uns muss kein Schiff aus Südamerika mit Futtermitteln kommen, und es ist ebenso kein einziger Quadratmeter Urwald abgebrannt worden. Das alles ist für mich undenkbar. Mir war auch immer die Weidehaltung ganz wichtig. Nicht nur, weil es den Kühen gut tut, sondern weil wissenschaftliche Untersuchungen bewiesen haben, dass Kühe, die auf der Weide stehen, eine ganz andere Milch-Qualität geben. Heumilch hat ein anderes Fettsäure-Muster mit Omega-3-Fettsäuren und konjugierter Linolsäure. Da sind ganz einfach andere Inhaltsstoffe drinnen. Milch ist nicht nur weiß, es gibt gravierende Qualitäts-Unterschiede. Und das höchste, was es in der Milchwirtschaft gibt, ist die Almwirtschaft. Da kommt einfach die beste Milch Europas her.

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