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Das Bauernsterben - ein Menetekel

1945 1960 1980 2000 2020

Nachhaltigkeit: So zu wirtschaften, daß man nicht von der Substanz lebt, ist das Uberlebensrezept für die Landwirtschaft, aber nicht nur für sie.

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Nachhaltigkeit: So zu wirtschaften, daß man nicht von der Substanz lebt, ist das Uberlebensrezept für die Landwirtschaft, aber nicht nur für sie.

Eigentlich ist es überrasehend, daß man überhaupt die Frage danach stellt, ob die Bauern überleben können. Niemand käme auf die Idee, nach dem Uberleben der Polizisten, Handelsangestellten oder Versicherungen zu fragen. Sind diese also für das Wohl unserer Gesellschaft wichtiger als die Bauern? Braucht Österreich etwa keine Bauern?

Glaubt man den offiziellen Feststellungen, so gibt es keine Zweifel daran, daß Osterreich auch in Zukunft auf eine funktionierende, bäuerliche Landwirtschaft angewiesen sein wird (Seite 14). Sieht man sich aber die Zahlen an, die die Entwicklung der Landwirtschaft beschreiben, so wird deutlich, daß man es mit einem seit Jahrzehnten enorm schrumpfenden Sektor zu tun hat: Lag der Anteil der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft 1951 noch bei 30 Prozent, so ist er mittlerweile auf unter fünf Prozent gesunken. Fallend ist auch der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt. Er liegt bei 2,5 Prozent. Nur etwa jeden achten Schilling seines Einkommens gibt der Konsument für Nahrungsmittel aus.

Worauf ist diese Entwicklung, die aus einer Säule der Wirtschaft eine bedrohte Randerscheinung gemacht hat, zurückzuführen? Auf den Erfolg der Landwirtschaft, ist die verblüffende Antwort. Seit Beginn der siebziger Jahre hat sich ihre Arbeitsproduktivität fast verdreifacht. Österreich, ehemals auf Nahrungsmittelimporte angewiesen, versorgt sich heute dank der „Industrialisierung" der Landwirtschaft in weiten Bereichen zu 100 Prozent, ja vielfach kommt es zu Überschüssen.

Nun ist Österreich da kein Einzelfall. In allen Industrieländern - und nicht nur dort - hatte der technische Fortschritt (Kunstdünger, Schädlingsbekämpfung, Maschinisierung, Züchtungserfolge, große Vertriebssysteme) eine enorme Steigerung der Agrarproduktion zur Folge. Agrarische Überschüsse sind Markenzeichen der Industriegesellschaft, der Preisdruck auf den internationalen Agrarmärkten ist enorm. Mit dem Eintritt in die EU und der Liberalisierung des Handels mit Agrarprodukten durch die letzte GATT-Runde wurde dieser Druck in den letzten Jahren auch für Österreichs Bauern immer spürbarer. Einkommenseinbußen sind die Folge (Seite 14).

Mit der Öffnung der Märkte muß unsere Landwirtschaft nun mit Produktionssystemen konkurrieren, die einerseits unter viel günstigeren geographischen Bedingungen produzieren, und die andererseits weitaus stärker industrialisiert sind als unsere überwiegend bäuerlichen Betriebe. Der durchschnittliche EU-Betrieb hat doppelt so viel Vieh im Stall stehen wie der österreichische Durchschnittsbetrieb (England zehnmal so viele Milchkühe, Dänemark 18mal so viele Schweine). Bayrische Agrarexperten rechnen damit, daß bei Marktfrüchten in der EU nur Betriebe mit mindestens 300 Hektar erfolgreich bestehen können. Und Schweinehaltung werde nur bei 1.000 Stück und mehr rentabel sein.

Sollte der Zug weiter in Richtung Regulierung des Agrarsektors durch den Markt fahren, dann ist das Aus für Österreichs Bauern vorprogrammiert. Damit die Bauern, die hierzulande im allgemeinen unter schwierigeren Bedingungen arbeiten als ihre ausländischen Konkurrenten, überleben, ist es notwendig eine Agrarpolitik zu betreiben, die die Marktkräfte bändigt, um den Bauern ein angemessenes Einkommen zu sichern. Nur Landschaftspfleger zu spielen, dafür sind die Bauern auf Dauer nicht zu haben. Man muß ihnen auch höhere Preise für ihre Produkte sichern.

Darf man denn das?, ist eine Frage, die sich einem im Zeitalter, in dem der liberale Kapitalismus triumphiert, geradezu aufdrängt. Darf man sich abschotten, die Preisbildung beeinflussen? Die Frage ist falsch gestellt. Es geht nicht ums Abschotten, sondern um'die Aufrechterhaltung nachhaltiger Produktions- und die Herstellung fairer Wettbewerbsbedingungen: Wer ökologisch produziert, muß vor dem unlauteren Wettbewerb von Ausbeutungswirtschaften geschützt werden.

Denn das ist in den letzten Jahjpn ebenfalls offenkundig geworden: Die industrialisierte Landwirtschaft betreibt Raubbau an den Ressourcen der Erde, sowohl in den Industrieländern wie in der Dritten Welt. Sie ist auf Dauer nicht durchzuhalten, zerstört die Lebensbasis für unsere Nachkommen.

Drei Gründe sprechen vor allem gegen die industrielle Landwirtschaft:

■ Sie führt zu Verlusten an wertvollen Flächen durch Bodendegradation. 1990 wurden weltweit 15 Prozent der Landfläche als degradiert - und zwar durch menschliche Einflüsse - eingeschätzt. Besonders problematisch ist die Situation in den USA. Jährlich gehen 16 Millionen Hektar Agrarfläche verloren.

■ Die Ernährungsprobleme der wachsenden Weltbevölkerung lassen sich nicht durch Ertragssteigerungen, sondern nur durch effizientere Formen des Konsums (weniger Fleisch, mehr pflanzliche Nahrung) lösen.

■ Fossile Energie (Lebensnerv der Agroindustrie) ist nur beschränkt verfügbar, ihr Einsatz bedroht das Klima.

Nach Meinung vieler Experten ist der Höhepunkt der Nahrungsmittelproduktion schon jetzt erreicht. Daher gilt es., alle Ressourcen - und das möglichst schonungsvoll - zu nutzen. Daraus leitet sich die Notwendigkeit ab, die landwirtschaftliche Produktionsbasis möglichst intakt zu erhalten, also auch Grenzertragsböden nicht aufzugeben. Derzeit aber gehen allein in Österreich jährlich 31 Quadratkilometer meist fruchtbaren Bodens für Sied-lungs- und Infrastrukturbauten verloren. Die Nutzung von Österreichs 14.000 km2 Acker- und 20.000 km2 Grünlandfläche sowie der 1.000 km2 Flächen für den Obst-, Wein- und Gemüsebau zu erhalten, ist ein Gebot der Stunde. Zwar können Einzelinitiativen vor-übergehend das Überleben einiger ökologisch wirtschaftender Betriebe sichern (Seiten 15 und 16), auf Dauer aber bedarf es einer grundsätzlichen Umorientierung der Wirtschaftspolitik - eine überfällige Korrektur. Sie muß an der Landwirtschaft ansetzen, cjarf sich aber nicht auf sie allein beschränken.

Sich für das Überleben der Bauern einzusetzen, ist nicht nostalgische Träumerei von einer heilen Welt von vorgestern. Da geht es um mehr: Um die Erhaltung von Substanzen, die bedroht, aber überlebensnotwendig sind, um die Erhaltung unseres natürlichen Lebensraumes, unserer Kulturlandschaft und auch um die Erhaltung eines Menschentyps, der um die Grenzen der Machbarkeit Bescheid weiß und einen Sinn für Kontinuität hat.

Eine Gesellschaft, die im Begriff steht, alles Gewachsene dem Gewinnstreben zu opfern und alles nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, ohne jede Ehrfurcht vor der Schöpfung, wäre gut beraten, das „Bauernsterben" als Anfrage an ihre eigene Überlebensfähigkeit zu begreifen.

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