Das Geschäft mit Aids

Um der Immunschwäche Herr zu werden, benötigt man viel Geld. Die notwendigen Mittel werden aber dennoch nicht immer effizient eingesetzt.

Veruntreuung von Spendengeldern, eine todbringende Krankheit, sterbende Arme und mächtige Menschen, die daraus Profit schlagen. All dies wären brauchbare Ingredienzien für einen Hollywood-Streifen. Doch dies ist nicht ein erfolgversprechender Plot aus der Feder eines Drehbuchautors. Es spiegelt vielmehr den Alltag in Tansania im Kampf gegen Aids wider, berichtet der tansanische Journalist Muhingo Rweyemamu bei einem Besuch in Wien.

Muhingo schreibt seit elf Jahren über die Thematik HIV/Aids in Afrika, und das Problem der Korruption zieht sich wie ein roter Faden durch seine Geschichten. Unlängst wurde Bischof Shadrack Manyiewa aus der Region Makete abgesetzt, weil er Spendengelder in der Höhe von mehreren Hunderttausend Euro veruntreut hat. Dies war aber nur möglich, weil es in dieser Region eine Selbsthilfegruppe von HIV-Positiven gibt, die nicht länger schweigen. Die Menschen von PIUMA (eine Abkürzung für "Teste und lebe mit Hoffnung") nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und kämpfen für ihre Rechte (siehe auch Kasten links). Dies bedeutete im Falle des abgesetzten Bischofs, die richtigen Fragen zu stellen und diese auch an einen so respektierten Mann wie einen Bischof zu richten.

Einträgliche Geschäfte

Nicht nur die Veruntreuung von Spendengeldern durch einen Bischof verhindert, dass notleidende Menschen die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Korruption ist laut Muhingo auch im Bereich der Wirtschaft weit verbreitet, denn was für die einen ein Problem darstellt, ist für die anderen ein großes Geschäft. Mit Antikörpertest-Maschinen (CD4-Zähler), Aids-Tests und in weiterer Folge mit den Medikamenten für die aktuell angewendete Kombinationstherapie lässt sich ordentlich Geld machen. Somit kommt immer öfters Hilfe aus der Wirtschaft, während Spenden von Privatpersonen immer weniger werden. Die Spende einer Antikörpertest-Maschine eines namhaften Herstellers, die dazu führt, dass man die passenden teuren Teststreifen kaufen muss, um die Maschine überhaupt in Betrieb nehmen zu können, ist aber nur scheinbar eine effiziente Hilfe.

Aufbau eines Monopols

Laut Muhingo ist der US-amerikanische Hersteller Becton & Dickinson mit seinen CD4-Zählern in Tansania auf dem Vormarsch. CD4 ist ein Molekül, das zum Beispiel auf der Oberfläche von T-Helferzellen vorkommt. Mit dem Zählen dieses Proteins kann der Zustand des Immunsystems eines HIV-Patienten bestimmt werden. Sinkt der CD4-Wert unter eine bestimmte Grenze, muss mit der Medikamententherapie begonnen werden. Liegt der Wert allerdings noch über dieser Schwelle, kann mit der von vielen Nebenwirkungen begleiteten Therapie noch zugewartet werden. Tansania hat nicht genügend CD4-Zähler im Land, um flächendeckend diesen Test durchzuführen, das heißt es werden auch Patienten mit noch sehr hohen CD4-Werten auf eine Medikamententherapie gesetzt, obwohl diese vielleicht noch Jahre ohne Arzneimittel leben könnten. Dies kostet dem tansanischen Staat Spenden- und Steuergeld, das ohnehin nicht in ausreichendem Maße zur Bekämpfung von Aids vorhanden ist.

Ein CD4-Test mit einer Maschine von Becton & Dickinson verursacht laut Muhingo Kosten in der Höhe von 40 US-Dollar. Jener Test der Firma Partec (siehe Interview links) aus Deutschland, der auf einer anderen Technologie basiert, kostet jeweils nur zwei US-Dollar. Muhingo fragt sich deshalb, wie es möglich ist, dass der teureren Variante der Vorzug gegeben wurde, denn "entweder man ist sehr reich und kann sich deshalb diesen CD4-Zähler leisten, oder jene Experten, die den Einsatz des teureren Gerätes entscheiden sind nicht wirklich intelligent". In staatlichen tansanischen Spitälern kommen die teuren Becton & Dickinson-Geräte zum Einsatz, in privaten Krankenhäuser ist die Verwendung von Partec-Maschinen allerdings möglich, sagt Muhingo. Offiziell heißt es in Tansania, dass der Test für alle gratis ist, aber es wird kein Wort darüber verloren, wie viele Kosten sich der Staat aufbürdet, indem er auf die weit teurere Technologie setzt.

Importierte Korruption

Muhingo stellt die Vermutung auf, dass in Tansania von westlichen Firmen Druck aufgebaut wird, um Produkten zu einer Monopolstellung zu verhelfen, wodurch "Menschen aus dem Westen korrupte Vorgangsweisen nach Afrika" bringen. Und alles unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Aids. Diese Dinge bleiben aber nicht mehr unausgesprochen, Vertreter der Selbsthilfegruppe PIUMA konnten bereits bei den höchsten politischen Instanzen ihre Anliegen vorbringen. Und auch Journalisten greifen das Thema Korruption und Aids trotz massiver Repressalien immer wieder auf. Der Journalist, der den Skandal um den korrupten Bischof zur Sprache brachte, wurde kurzfristig festgenommen. Doch für Muhingo, der selbst eine Schwester und einen Bruder durch Aids verloren hat und der die Bilder der Aids-Waisen kennt, ist eines klar: "Es ist besser im Kampf zu sterben, als kampflos unterzugehen."

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