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Das „ IJmweltkrqftwerk"

1945 1960 1980 2000 2020

Vor fünf Jahren besetzten Demonstranten die Kraftwerksbaustelle Fisching. Heuer ging die Anlage in Betrieb.

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Vor fünf Jahren besetzten Demonstranten die Kraftwerksbaustelle Fisching. Heuer ging die Anlage in Betrieb.

Am 30. November 1989 wurde die Gegend zwischen Judenburg und Zeltweg - im Gemeindegebiet von Maria Buch/Feistritz — schlagartig bekannt. Demonstranten besetzten die Baustelle für das geplante Kraftwerk Fisching und erreichten - aus ihrer Sicht —, daß die steirische Landeselektrizitätsgesellschaft STEWEAG eine Nachdenkpause einlegte.

Die STEWEAG verfügte einen freiwilligen Baustopp und der steirische Umweltlandesrat Schaller beauftragte ein Schweizer Institut, ein Gesamtgutachten über die „Umweltverträglichkeit" des geplanten Murkraftwerks Fisching nach Schweizer Richtlinien zu erstellen. Die Schweizer dienten als Vorbild, ■ da ein adäquates Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) in Osterreich erst am 1. Juli 1994 in Kraft tritt.

Mitte Mai 1990 lag das Gutachten der Schweizer vor. Darin wird das Projekt mit gewissen Vorbehalten als „umweltverträglich" bezeichnet. Die Vorbehalte bezogen sich auf ergänzende Untersuchungen, die die Bereiche Wasser, Lebensraum und Energie betreffen. Bezüglich der Gewässergüte stellten die Gutachter fest, daß die künftig deutlich geringere Strömungsgeschwindigkeit „die Mur für die Auswirkungen von allfälligen Gewässerverschmutzungen empfindlicher" mache. Der Ausbau des ÄRA-Abfallverwertungsbetriebes in Judenburg soll jedoch das Risiko mindern. Auch etwaige Veränderungen im Bereich des Grundwassers, der Biosphäre und des Bodens wurden von den Gutachtern als eher geringfügig betrachtet. Es wurde jedoch gefordert, daß sämtliche umwelterhaltende Maßnahmen wie auch regelmäßige Untersuchungen von der STEWEAG eingehalten und durchgeführt werden.

Zur Umweltpflege wurde ein breiter Katalog von Begleitmaßnahmen vorgeschlagen. So überwachte eine ökologische Bauaufsicht die Anpassung der Maßnahmen an die örtlichen Verhältnisse und fischereilichen Belange. Im Bereich der Biosphäre wurden größere Mangelbiotope (seltene Binsen- und Seggenfluren) im Stauraum und Triebwassergerinne eingebaut. Die Artenvielfalt wurde durch die Schaffung von verschiedenen Standortangeboten und die Einbringung zahlreicher Pflanzungen in den Flachuferzonen erhöht.

Landschaftliche Pflegemaßnahmen wie Uferverengungen, Böschungsverfla-chungen, Schotterbänke und vegetative Maßnahmen entsprechen den Anforderungen des Landschaftsschutzes. Das Kraftwerksprojekt Fisching wird auch eingebunden in ein Freizeit- und Erholungskonzept der Region.

Daß 73 Millionen Kilowattstunden aus heimischer „hy-drosolarer" Energie zusätzlich ins „steirische" Stromnetz fließen können, ist der eigentliche Zweck der Errichtung des Kraftwerks Fisching. Ein kalorisches Kraftwerk, das diese Energiemenge zu erzeugen hätte, würde jährlich die Emission von 50.000 Tonnen Kohlendioxid und anderer Luftschadstoffe verursachen, argumentiert die STEWEAG. Die Kraftwerksbetreiber betonen, daß das Projekt Fisching mit anerkannten Zielen regionaler und internationaler Energieprogramme im Einklang stünde. Begründet wird dies damit, daß der Strom dezentral erzeugt und ohne Leitungsbau in der Region eingesetzt wft-d. Das Kraftwerk bringe 25 bis 30 Prozent des jährlichen Strombedarfs des Bezirks Judenburg auf, 18.000 Haushalte können seit März 1994 mit Strom versorgt werden. Der Vorteil der heimischen Wasserkraft gegenüber fossilen Brennstoffen wird auch damit begründet, daß die Verbrennung von 1.300 Tankwagen Öl (16 Millionen Liter) im Jahr vermieden werden kann.

Letztlich widersprechen sich Energiesparen und Strom nicht, betont die STEWEAG: Denn nur 20 Prozent der Energie in Österreich ist Strom, über 75 Prozent werden durch die Verbrennung von Ol, Gas und Kohle gewonnen. Der Zuwachs des Stromverbrauchs könne auch bei verstärkten Bemühungen nicht aufgefangen werden. Der in Fisching erzeugte Strom bedeute für das Strom-Importland Österreich jährliche Einsparungen von rund 30 Millionen Schilling, die sonst ins Ausland fließen würden.

Auch von einem „Ausverkauf" der Mur könne nicht die Bede sein, da die steirische Mur erst zu 36 Prozent ausgebaut sei. Wasserkraft sei eine krisensichere Energie, erklärt die STEWEAG, die vorhandenen Anlagen seien nur vom Wasserkreislauf und von keinen anderen Betriebsstoffen abhängig. Auch sei die „Energie-Ernte" konkurrenzlos hoch, argumentiert die E-Wirtschaft: das Kraftwerk erzeugt die zu seiner Errichtung eingesetzte Energie in längstens einem Jahr.

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