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DAS SPIEL VON WELTREICH UND EGO

1945 1960 1980 2000 2020

ZIA HAIDER RAHMANS ROMAN "SOWEIT WIR WISSEN" MACHT DEUTLICH, WIE WENIG WIR WISSEN.

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ZIA HAIDER RAHMANS ROMAN "SOWEIT WIR WISSEN" MACHT DEUTLICH, WIE WENIG WIR WISSEN.

Karten, so Zia Haider Rahman, tilgen Informationen, um überhaupt Informationen liefern zu können. Der in Bangladesch geborene Autor lässt einen Protagonisten seines Romans "Soweit wir wissen" das anhand der U-Bahn-Karte von London erläutern: "Die Karte hilft uns bei der Navigation durch die eigene schematische Welt und verlangt, dass wir die Realität von Asphalt, Gebäuden und Parks vergessen. Erst danach, beim Aussteigen, ist London wieder da." Ein Akt der Übersetzung ist nötig, und die Art der jeweiligen Kartenprojektion hat politischen Einfluss auf unsere Sicht der Welt, wie sich anhand unserer Atlanten zeigen lässt, in denen etwa Afrika ziemlich geschrumpft dargestellt wird. Eine Art Karte ist auch Zia Haider Rahmans Roman selbst. Auch er schematisiert die politische, ökonomische, soziale Welt, um uns damit durch sie navigieren zu können. Aus dem Roman ausgestiegen, ist die Welt wieder da - die Lektüre des Romans aber hat einige Schematisierungen durcheinandergerüttelt und Perspektiven vermehrt.

Pakistan und Bangladesch

Da ist der Ich-Erzähler, er stammt aus einer reichen pakistanischen Familie, die Kindheit hat er in Princeton verbracht, dann zog die Familie nach Oxford, wo der Vater einen Physik-Lehrstuhl innehat. Elite also. Der Ich-Erzähler landet im Finanzwesen und ist dort bis 2008 recht erfolgreich. Doch nun ist seine Ehe dabei zu zerbrechen, ebenso das Berufsleben, denn auch seine Firma sucht einen Schuldigen, um sich selbst reinwaschen zu können. Sein Leben empfindet er als bieder und langweilig.

Eines Tages steht Zafar vor seiner Tür, ein Studienfreund, den er viele Jahre nicht mehr gesehen hat und der ihm nun aus seinem Leben erzählt, wobei deutlich wird, wie wenig der Ich-Erzähler seinen Freund überhaupt kannte. Zafars Mutter wurde in Bangladesch von einem pakistanischen Soldaten vergewaltigt, Zafar wuchs beim Bruder der Mutter auf. Seine Ersatzeltern hatten nie Personal, sie waren das Personal. Das Gegenteil von Elite also. Niemand ist der Autor seines eigenen Lebens, ist der entwurzelte Anwalt überzeugt, der aber im Unterschied zu anderen, die nur Ansichten haben, zumindest klare Haltungen hat.

Indem der Autor mit dem Zuhörer und mit Zafar zwei Ich-Erzähler ins Spiel bringt, zeigt er zwei mögliche Perspektiven, die einander in Bezug auf dieselben Fakten durchaus widersprechen können. Fragen nach Wahrnehmung und Erkenntnis bilden denn auch den roten Faden dieses hochpolitischen Romans, der sowohl den englischen Titel "In the Light of What We Know" als auch den deutschen "Soweit wir wissen" folgendem Satz verdankt: "Alles Neue befindet sich am Rand unseres Gesichtsfelds, im Dunkel, hinter dem Horizont, sodass wir Neues nur im Lichte dessen sehen können, was wir bereits wissen. Soweit wir wissen." Und der Roman erzählt von der Erkenntnis, "zu wissen, wie sich die Dinge verhalten, bedeutet nicht, dass man sie richtig sieht, es bringt einen nicht davon ab, die Dinge falsch zu sehen".

Beides ist privat ebenso wie politisch von immenser Bedeutung. So wird nicht nur eine Liebessondern auch eine Schuldgeschichte erzählt, selbst der Ich-Erzähler wird nicht umhinkommen, mit eigener Schuld konfrontiert zu werden. Nebenbei werden drängende Fragen der globalisierten Welt auf hochreflexive Weise diskutiert. "Sie spielen das Spiel so, wie es schon immer gespielt wurde: das Spiel von Weltreich und Ego. Siehst du? Klingt doch schon wie der Name eines Brettspiels." Einige Einblicke in dieses komplexe Brettspiel erlaubt dieser Roman. Es ist anzunehmen, dass der Autor weiß, wovon er schreibt: in Bangladesch geboren, wuchs er (wie Zafar) in ärmlichen Verhältnissen in London auf, studierte in München, Oxford, Cambridge und Yale und arbeitete als Investmentbanker. Nun engagiert er sich als Anwalt für Menschenrechte etwa bei Transparency International.

Ökonomie und Politik

In den Gesprächen werden die Schattenseiten der NGOs und ihres gutgemeinten Wirkens in Ländern wie Afghanistan sichtbar, etwa dass sie Akademiker aus Unis und Politik holen und "für niedere Tätigkeiten im Dienst der Neuankömmlinge" rekrutieren. Kritische Blicke fallen auf den internationalen Immobilienmarkt: "Wo Blut durch die Straßen fließt, sollte man Immobilien kaufen", lautet ein Wall Street Sprichwort. Es wird von 1971 und dem Krieg in Bangladesch berichtet: 3 Millionen Tote, 10 Millionen flüchtende Menschen, 200.000 vergewaltigte Frauen und 25.000 daraus resultierende Schwangerschaften - ein solches Kind ist Zafar.

Hellhörig macht der Roman für den Unterschied zwischen Geschenk und Gefälligkeitsaustausch und die Verwobenheit von Politik, Ökonomie und Engagement. "Was ist denn davon zu halten, wenn die eine Hand nimmt, während die andre sich darauf vorbereitet zu geben? Und wer steht dann in wessen Diensten?" Immer wieder dient die Logik der Mathematik als Folie: "Politiker können nur deshalb aus falschen Prämissen Kapital schlagen, weil zu viele Leute bereit sind, sie als gegeben hinzunehmen."

Und trotz alledem leben noch Träume und Sehnsüchte: Der heimatlose Zafar, dessen Hass auf das britische Elite-Handeln und -Denken unheilvoll zunimmt, liebt an Amerika, "dass überlegt wird, wohin man geht, statt woher man kommt", und er hofft auf eine Willkommenskultur, die in den Sonett-Zeilen von Emma Lazarus auch der Freiheitsstatue eingeschrieben ist: "Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen".

Soweit wir wissen

Roman von Zia Haider Rahman

Deutsch von Sabine Hübner

Berlin Verlag 2017

704 S., geb., € 25,70