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Das Tempo wird rasanter

1945 1960 1980 2000 2020

Nach wie vor ist die Industrie die wichtigste Säule der Wirtschaft. Sie hat auch Chancen, es zu bleiben.

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Nach wie vor ist die Industrie die wichtigste Säule der Wirtschaft. Sie hat auch Chancen, es zu bleiben.

Der Aderlaß, den die Industrie in jüngster Zeit erlitten hat, ist stark spürbar: Die Beschäftigung ist mit rund 500.000 Mitarbeitern um 15 Prozent geringer als vor zehn Jahren, die Erträge sind 1993 auf das niedrigste Niveau seit Anfang der achtziger Jahre abgefallen, die Zahl der Insolvenzen und Betriebsschließungen übersteigt bei vireitern die der Neugründungen. Aber Österreich ist nach wie vor in erster Linie ein Industrieland, denn der Anteil dieses Wirtschaftszweiges am Brut-to-Inlandsprodukt (BIP) beträgt 31 Prozent, wogegen etwa der mit Recht als wichtig angesehene Fremdenverkehr nur auf fünf bis sechs Prozent kommt. Und auch als Devisenbringer steht die Industrie weitaus an der Spitze.

Selbst in den Bundesländern, in denen der Fremdenverkehr eine besonders wichtige Rolle spielt, hat die Industrie großes Gewicht. In Vorarl: berg haben Metallverarbeitung und Maschinenbau der früher vorherrschenden lextilindustrie den Rang abgelaufen. In Salzburg und Oberösterreich wurde, trotz einiger schwerwiegender Krisenfälle, der Aufbau moderner Industriebetriebe geschafft oder eingeleitet - zum Teil mit Hilfe von Technologieparks, wie überhaupt Industrie und Technologie heute ein eng verbundenes Begriffspaar bilden. Niederösterreich und die Steiermark konnten den Ballast alter Unternehmen der Schwerindustrie zu einem guten Teil abwerfen und neue Strukturen, oft in traditionsreichen Unternehmen, bilden, obwohl es auch in diesen beiden Bundesländern noch Sorgenkinder gibt. Was in Salzburg durch geschickte Wahrnehmung der Umlandfunktion für den Münchener Raum gelungen ist, hat Kärnten in Richtung Oberitalien erst vereinzelt erreicht.

Für ganz Österreich gilt freilich, daß Grundstoffindustrien den international erkennbaren Schrumpfungsprozeß noch nicht im gleichen Ausmaß mitgemacht haben wie einige Länder im westlichen Europa. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil es in diesem Bereich besonders viele verstaatlichte Betriebe gibt. Gerade bei Grundstoffen wird aber die osteuropäische Konkurrenz immer stärker fühlbar werden, womit sich die Problematik der verstaatlichten Industrie bald zwangsläufig von selbst auflösen wird, sinnvollerweise durch intensive Strukturerneuerung und Hinwendung zu höherwertiger Verarbeitung (wofür der Anlagenbau der Voest-Alpine ein gutes Beispiel sein kann).

UNIVERSITÄTEN FORSCHEN MIT

Wo liegen die Zukunftschancen unserer Industrie? Die technische Entwicklung vollzieht sich in überaus schnellem Tempo. Da mitzuhelfen, sogar hier und dort Führungspositionen zu erringen, erfordert einen höheren Forschungs- und Entwicklungsaufwand als bisher, denn mit 1,6 Prozent vom BIP liegen wir noch weiter unter vergleichbaren Ländern (Deutschland und die Schweiz 2,8 Prozent, Schweden 2,6 Prozent, von Japan ganz zu schweigen). Die staatliche Forschungsförderung ist zweifellos hilfreich, aber es geht um mehr.

Die Zusammenarbeit der Industrie mit den Universitäten hat sichtbar zugenommen; der Forschungs-förderungsfonds verzeichnet jetzt bei seinen Projekten etwa doppelt so viel Fälle von Kooperation dieser Art wie noch vor zehn Jahren, nämlich an die zwanzig Prozent. Selbst große Industriefirmen können den Forschungsaufwand oft nicht mehr aus In Österreich hat sich die Grundstoffindustrie im Vergleich zu anderen Ländern noch nicht gesundgeschrumpft.

eigenem finanzieren; vorausblickende Unternehmen haben sich nicht zuletzt aus diesem Grunde mit ausländischen Pertnern zusammengetan (in letzter Zeit zum Beispiel Ley-kam mit der Benelux-Gruppe KNP, wobei aber mehrere Überlegungen maßgebend waren).

Die Umwelttechnik bietet interessante Möglichkeiten, für Maschinenbauer, die Chemiewirtschaft, aber auch für die Elektro-, die Kunststoff-und die Papier- und Verpackungsindustrie. Dal3 österreichische Firmen sich als wettbewerbsstarke Zulieferer nicht nur für die Autoindustrie und den Flugzeugbau, sondern sogar für die Raumfahrt erwiesen haben, läßt erkennen, welch weites Feld aufgrund unserer hohen industriellen Qualitätsstandards erfolgreich bearbeitet werden kann. Wobei aber nicht nur an die Hochtechnologie wie etwa bei medizinischen Geräten zu denken ist, denn österreichische Unternehmen haben sich auch mit scheinbar so einfachen Erzeugnissen wie Unterwäsche oder Uhrarmbändern international durchgesetzt. Gutes Marketing ist nun einmal ebenso wichtig wie tadellose Erzeugung.

Das hat freilich ein hohes Niveau an „Humankapital" zur Voraussetzung. Die Bildungspolitik darf sich dabei nicht mit dem anerkannten Standard unserer meist guten l>ehr-lings- und Facharbeiterausbildung zufriedengeben. Große Erwartungen setzt die Industrie in die neuen Fachhochschulen, bei denen freilich die Finanzierung noch nicht genügend geklärt ist und auch eine etwas raschere Umsetzung der gesetzlichen Möglichkeiten zu erwarten wäre. Die von der Industrie oft beklagte Kompliziertheit und Schwerfälligkeit vieler Verwaltungsvorgänge scheint auch hier erkennbar zu sein.

Mehr Flexibilität im Umfeld des industriellen Wirkens ist überhaupt eine der Forderungen, die aus Gesprächen mit Industriellen immer wieder herauszuhören ist. Betriebsanlagegenehmigungen dauern oft Jahre, wodurch den Betreibern mitunter Mut und Geld ausgehen, bevor ein endgültiger Bescheid da ist. Ebenso könnte durch vernünftige Jahreszeitregelungen mehr Spielraum für den Ausgleich von Saisonoder Auftragsschwankungen erreicht werden. Immerhin bietet die neue Umweltverträglichkeitsprüfung jetzt mehr Entscheidungssicherheit. Die sogenannte „Öffnungsklausel" in der Lohnpolitik wird als erster Schritt in Richtung auf eine flexiblere Lohngestaltung angesehen.

RATIONELLERE AUSLASTUNG

Auch in den Unternehmen selbst wird Flexibilität immer größer geschrieben, weil technische Neuerungen und häufige Veränderungen auf den Märkten immer raschere Anpassung und dringende Entscheidungen erfordern. Die Auslagerung industrienaher Dienstleistungen folgt einer seit einigen Jahren erkennbaren Tendenz. Bestimmte Vorgänge -von der Werbung und dem Marketing über Aufgaben des Rechnungswesens, die Datenverarbeitung bis hin zu Montageleistungen, Teilefertigung und auch zur Forschung -werden spezialisierten Firmen übertragen, die ihre Dienste, der Nachfrage angepaßt, auch anderen Partnern anbieten können, was eine rationellere Auslastung möglich macht.

Davon abgesehen werden aus reinen Kostengründen immer häufiger bestimmte, meist einfachere Produktionen in Niedriglohn-Länder, vorwiegend in Osteuropa, verlagert - mit der Konsequenz, daß die österreichischen Betriebe sich umso mehr auf hochwertige Fertigungsprozesse konzentrieren können.

Maßgebende Vertreter der österreichischen Industrie sind der Ansicht, daß die Wirtschafskrise der letzten Jahre mit ihrem oft dramatischen Preisverfall dazu beigetragen hat, die Unternehmer und Manager von der Notwendigkeit unverzüglicher Strukturverbesserungen zu überzeugen. Daß damit auch die Problematik der schwachen Eigenkapitalausstattung und somit der Appell an die Kapitalmarkt- und die Steuerpolitik angeschnitten ist, liegt auf der Hand. VJS gibt jedoch, nimmt man alles in allem, gute Anzeichen dafür, daß das Gros der Verantwortlichen diesen Herausforderungen gewachsen ist und daß damit Österreich als Industrieland auch weiterhin seinen Platz behaupten wird.

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