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Das Unbehagen der Mittelschicht

Job, Holzhaus mit Veranda, geräumiges Auto, am Wochenende Barbecue - der Durchschnittsamerikaner sieht seine Welt bedroht. Die Gesellschaft polarisiert sich, das Verschwinden der letzten Reste des (Sozial-)Staates ist angesagt.

In den letzten drei Jahrzehnten haben sich die Marginalisierungsprozesse der untersten zwanzig Prozent verstärkt; aber da sie sich oft an bestimmten Bevölkerungsgruppen - illegalen Immigranten, Minoritäten - festmachen lassen, kann man sie aus der Sicht der Eingesessenen ignorieren. Und es gibt Exklusionstendenzen: Ruhestörer wandern ins Gefängnis oder werden in den Slums sich selbst überlassen. Armut gibt es in beträchtlichem Maße.

Der stete Zuzug aus allen Teilen der Welt war für Amerika keine Belastung, sondern eine Entlastung. Denn die Immigranten haben jeweils die niedrigen Ränge der Gesellschaft aufgefüllt, haben die unqualifizierten, schlecht bezahlten und chancenlosen Jobs eingenommen. Für alle, die schon einige Zeit im Lande lebten, war also die Aufwärtsmobilität kein leeres Versprechen, sondern erlebte Wirklichkeit. Da waren immer noch einige "unterhalb" der eigenen Position.

Der Traum vom "guten Leben"

Europäer sehen Zuwanderer als Bedrohung. Aber "Unterschichtung" heißt, zynisch gesprochen: billige Arbeitskräfte (erfreulich für die Unternehmer, die gleichsam wieder eine "Reservearmee" von Arbeitnehmern erhalten); Schwarzmärkte (erfreulich für Konsumenten, die in einer verwöhnten Ökonomie von einheimischen Handwerkern nicht mehr zuverlässig versorgt werden); eine neue Dienstbotenökonomie (erfreulich für die berufstätigen Frauen, deren Haushaltsleistungen hinfort von billigen Immigrantinnen abgedeckt werden). Auch das ist Realität in Amerika und Zukunft in Europa.

Aber Marginalisierung ist nicht das eigentliche politisch-wirtschaftliche Stabilitätsproblem in den USA. Das Problem ist die Mittelschicht: dort, wo der Sitz des amerikanischen Traums ist. In den USA besteht eine klare Vorstellung vom "guten Leben": Man arbeitet hart, hat einen gesicherten Job, kauft sich ein weißgestrichenes Holzhaus mit Veranda in einem Vorort, parkt seinen geräumigen Wagen davor oder in der Garage, lässt seinen Kindern eine gute Erziehung angedeihen, geht mit dem Sohn angeln und brutzelt am Wochenende Barbecue. Dieses Leben kann immer weniger als "garantiert" angesehen werden.

Der Generationenvergleich ist ernüchternd: Die Kinder sind besser ausgebildet, und längst arbeiten beide Partner, anders als bei den Eltern. Dennoch können sie sich bei weitem nicht mehr das leisten, was für die Elterngeneration selbstverständlich war. Die Immobilienpreise sind stark gestiegen, sodass ein Haus in der Gemeinde der Eltern unerreichbar ist; die Gesundheitsausgaben steigen rasch und machen die Versicherungsverträge zu schweren Belastungen; die Bildungsausgaben für die Kinder sind beinahe nicht mehr zu finanzieren.

Die Einkommensstatistiken allein, die den USA eine Spitzenposition unter den Industrieländern einräumen, sagen nur die halbe Wahrheit. Das Pro-Kopf-Einkommen in den USA liegt, korrigiert um die höhere Erwerbsquote, ein Viertel über der EU. Aber in den europäischen Sozialstaaten werden viele Ausgaben öffentlich finanziert, die in den USA das Privatbudget belasten; diese Ausgaben (Bildung, Gesundheit, Pension) wären in vergleichbarem Maße vom Nettoeinkommen abzuziehen, und dann sieht die Situation ganz anders aus.

Abgeschirmte Reiche

Im Alltag zerfällt die Gesellschaft: in die verarmende "Masse", der die Slums bedrohlich nahe rücken, ohne dass sie ihnen durch Wohnmobilität noch ausweichen kann, und die abgeschirmten Wohnviertel der Reichen, die zuweilen durch Zäune umgeben sind und von security guards bewacht werden (gate communities). Die Reichen lassen ihre Kinder an privaten Schulen ausbilden und sich selbst in eigenen Krankenhäusern behandeln, und zuweilen fahren sie schon auf eigenen (gebührenpflichtigen) Straßen, um dem Stau zu entgehen. Gewalt findet an der Peripherie statt; denn sonderbarerweise wissen die "gefährlichen" Gruppen, wo sie (räumlich) hingehören, und bekämpfen sich vor allem wechselseitig. (Terrorismus stellt die erste wirkliche Gefährdung für die reicheren Viertel dar). Aber so hat man sich jene Gesellschaft, die Chancen für alle bieten sollte, im Grunde doch nicht vorgestellt.

Europäer haben den Sozialstaat bis in die jüngste Zeit für eine Selbstverständlichkeit gehalten. Für Amerikaner ist es unvorstellbar, dass man für beliebige Behandlungen und Operationen in einem Krankenhaus nichts zu bezahlen hat - ganz abgesehen vom ausgiebigen Urlaubsanspruch, Kündigungsschutz, Weihnachts- und Urlaubsgeld, Mutterschutz etc.

Verspäteter Sozialstaat

Amerika war immer ein verspäteter Sozialstaat: wenig, spät, löchrig. Dennoch stehen die Zeichen in der dritten Welle auf Abbau: Die erste Welle war Ronald Reagan, die zweite Newt Gingrich, der Führer der Republikaner, die dritte George II. Die Maßnahmen der letzten Jahre hatten eine klare Zielsetzung und waren dabei durchaus erfolgreich: Verschärfung der Situation für arbeitslose Transferbezieher, aber auch eine Verbesserung der Situation für Niedrigeinkommensbezieher, also die working poor. Die "Transferfalle" wurde dabei vermindert, sodass sich Arbeiten auch für Unqualifizierte lohnt. Neuerdings werden aber kräftige Schritte zur weitgehenden Privatisierung aller Wohlfahrtsprogramme getan; das allmähliche Verschwinden des Staates ist angesagt. Vertreter der republikanischen Partei wollen den Staatsanteil von derzeit einem Drittel auf ein Sechstel, also rund 17 Prozent, drücken. (Die europäischen Staaten geben sich bekanntlich Mühe, den Staatsanteil unterhalb der Hälfte des Sozialprodukts zu halten.)

Privatisierung, für welche Amerika als Vorbild gilt, ist oft mit Illusionen verbunden; es gibt gelingende und misslingende Fälle. Das Gesundheitssystem ist einer der wenigen Bereiche, wo direkte empirische Vergleiche möglich sind. Das amerikanische Gesundheitssystem ist in hohem Maße vermarktlicht, es ist teurer als die europäischen Systeme, es lässt viele Menschen außerhalb des Systems - und es ist deutlich schlechter. Bei aller Kritik an den europäischen Systemen - sie sind wesentlich effizienter. Aber die großen Herausforderungen in diesem Bereich kommen diesseits und jenseits des Atlantiks erst auf uns zu.

American Century

Die europäischen Wohlfahrtsstaaten - mit ihren sehr unterschiedlichen Ausformungen - stehen in diesen Jahren der finanziellen Dürre unter Anpassungsdruck; sie können die Reformfähigkeit an der einfacheren Pensionsfrage gleichsam "einüben", bevor die schwierigeren Gesundheitsprobleme kommen. Die europäischen Wohlfahrtsbürger setzen sich in ihrer paternalistischen Grundstimmung aber gerne über handfeste Zwänge hinweg, weil sie noch nicht begriffen haben, dass sie alles, was der Staat ausgibt, zuerst selbst abliefern müssen; als Meister des Schuldzuweisungsmanagements glauben sie, dass staatliche Transfers aus einem unerschöpflichen Fundus der Obrigkeit zu bestreiten sind.

Wir befinden uns im american century. Es ist ein verschobenes Jahrhundert: Es reicht von der Mitte des 20. bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts. Für das amerikanische Jahrhundert gilt, dass die Vereinigten Staaten der Hegemon sind. Ostasien ist zwar unübersichtlich, aber China ist jedenfalls im Aufstieg und für die USA entscheidend. Europa ist wichtig, wird aber auf absehbare Zeit in der zweiten Reihe sitzen. Es gibt Europäer, die sich vor der "amerikanischen Barbarei" ängstigen; aber auch solche, die mahnen: Europa und USA sind letztlich "siamesische Zwillinge" und auf Sicht aufeinander angewiesen. Vielleicht ist ja das amerikanische Imperium dem chinesischen doch vorzuziehen.

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