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Der Beruhigungstunnel

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Jetzt wird sie also gebaut, die zweite Tunnelröhre. Aber ist sie mehr als eine Beruhigungspille für aufgeschreckte Autofahrer?

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Jetzt wird sie also gebaut, die zweite Tunnelröhre. Aber ist sie mehr als eine Beruhigungspille für aufgeschreckte Autofahrer?

Zwei Monate nach der schrecklichen Katastrophe im Montblanc-Tunnel, bei der 42 Menschen ums Leben kamen, ereignete sich nun in Österreich ein ähnlicher Unfall im 6,4 Kilometer langen Tauerntunnel. Es gibt einige Parallelen zwischen den Ereignissen: In beiden Fällen ein Tunnel mit Gegenverkehr, ein katastrophaler, durch einen Lkw ausgelöster Brand, Temperaturen bis zu 1.000 Grad, lebensbedrohende Rauchgase, schwere Schäden am Tunnel und monatelange Unterbrechung einer wichtigen europäischen Verkehrsverbindung.

Aber es gibt auch beachtenswerte Unterschiede zwischen den Ereignissen: ein erheblich besseres Krisenmanagement, eine effizientere Brandbekämpfung und eine viel geringere - wenn auch mit bisher fünf Toten und zwei Vermißten äußerst hohe - Opferbilanz beim Unfall in Österreich. Im politischen Hickhack, in der Fülle von Analysen und Kritiken geht dies allzu leicht unter.

Nach dem Unfall scheint der Bau der zweiten Tunnelröhre durch die Tauern eine beschlossene Sache zu sein. Die zuständigen Politiker wetteifern mit Hinweisen darauf, daß sie deren Bau schon längst gefordert hätten. Wirtschaftsminister Johannes Farnleitner kann für sich verbuchen, schon bisher für den Ausbau eingetreten zu sein. Die Salzburger Landesregierung und Verkehrsminister Caspar Einem müssen sich gegen den Vorwurf verteidigen, dieses plötzlich so offensichtliche Erfordernis nicht erkannt, ja sogar verhindert zu haben. So ist die zweite Tunnelröhre nicht einmal im "Masterplan" für den Ausbau des Verkehrssystems bis 2015 vorgesehen.

Hat die österreichische Verkehrspolitik also eine auf der Hand liegende Notwendigkeit total verschlafen? Ganz so einfach, wie dies heute, in den Tagen unmittelbar nach dem Unfall, erscheint, ist die Antwort auf diese Frage auch wieder nicht. Zugegeben: Die Verkehrsbelastung des Tauerntunnels war beachtlich. Zu Spitzenzeiten fuhren 3.000 Fahrzeuge pro Stunde durch die Röhre. Im Vorjahr waren es insgesamt rund 5,5 Millionen Fahrzeuge, davon eine Million Lastkraftwagen. Verkehrsmeldungen von Staus und Blockabfertigungen vor dem Tunnel sind Radiohörern geläufig. Nicht nur aus Sicherheits-, auch aus Kapazitätsgründen lag also ein Ausbau der zweiten Röhre nahe. Dementsprechend plante man schon vor zehn Jahren deren Bau, was allerdings an massiven Protesten der Umweltschützer und Anrainergemeinden scheiterte. Tragen sie also die Schuld an der Katastrophe?

Schwer zu beantworten. Denn der Ausbau des Tunnels - so plausibel er erscheinen mag, erleichtert er doch bei Unfällen die Hilfeleistung - ist nicht wirklich der Weisheit letzter Schluß. Denn was für den Tauerntunnel gut ist, müßte folgerichtig für andere Tunnels mit nur einer Röhre gelten. Daher fordert jetzt der Tiroler Landeshauptmann Wendelin Weingartner auch sofort den Ausbau des Roppener Tunnels der A1.

Frage: Sollen also auch Arlberg-, Bosruck-, Gräbertunnel unter der Pack, Karawankentunnel, und, und ... ausgebaut werden? Von den 75 österreichischen Straßentunnels mit einer Länge von 230 Kilometern insgesamt sind immerhin 17 einröhrig. Wollte man sie alle ausbauen - was für eine Investition! Würde doch allein die weitgehend fertiggeplante zweite Röhre des Tauerntunnels zwei Milliarden Schilling verschlingen.

Wo es um Menschenleben geht, dürfe man nicht knausrig sein, wird man mir entgegenhalten. Zu Recht. Fragt sich nur: Wie groß ist sonst die Bereitschaft, Geld für die Verkehrssicherheit aufzuwenden? Das Kuratorium für Verkehrssicherheit jedenfalls beklagt, daß seine sehr konkreten Vorschläge für mehr Verkehrssicherheit in Österreich oft mit dem Argument: "Kein Geld!" abgeschmettert werden. Bis zu 50 Verkehrstote weniger pro Jahr könnte es bei deren Umsetzung geben, schätzt Othmar Thann.

Eines sei nämlich im Zusammenhang mit dem derzeitigen Entsetzen über die Katastrophe im Tauerntunnel schon in Erinnerung gerufen. Mit dem alltäglichen Tod auf den Straßen finden wir uns recht gleichmütig ab. Wo bleibt der Aufschrei über die 963 Verkehrstoten des Vorjahres? Wo der Ruf nach Maßnahmen, um die elf Verkehrstoten zu verhindern, die am Pfingstwochenende zu beklagen waren - immerhin doppelt so viele wie beim Unfall im Tauerntunnel?

Anmerkung: Mir ist bewußt, daß man nicht Tote gegen Tote aufrechnen darf. Aber eines wird man doch festhalten dürfen: So zu tun, als würde man durch den Tunnelausbau Wesentliches zur Verkehrssicherheit beitragen, verzerrt die Optik.

Unzutreffend ist es auch zu behaupten, mit der Verdoppelung der Kapazität des Tauerntunnels werde die Verkehrssituation wesentlich verbessert. Längst ist doch nachgewiesen, daß leistungsfähigere Straßen einen Anreiz zur Motorisierung bieten, vor allem auch des Lastverkehrs, von dem dauernd behauptet wird, man möchte ihn lieber heute als morgen auf die Bahn verlagern. Die Geschichte des Ausbaus der 26.000 Kilometer Transitrouten durch die Alpen ist auch die Geschichte der Explosion des Straßengüterverkehrs in Europa.

Staus lassen sich nicht durch den Ausbau der Straßeninfrastruktur vermeiden, sondern nur durch eine Politik, die auf verkehrsdämpfende, statt auf verkehrserregende Maßnahmen setzt und für Kostenwahrheit im Verkehr sorgt. Es gibt kaum einen Sektor, der so stark subventioniert wird wie der Straßengüterverkehr. Von ihm aber gehen die größten Gefahren aus. Lkw-Transporte müssen also teurer werden. Die Lkw-Maut auf Autobahnen wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Zu begrüßen ist auch, daß Verkehrsminister Einem jetzt alle Möglichkeiten ausschöpfen will, um den Transport gefährlicher Güter von der Straße wegzubringen.

Es ist nur zu befürchten, daß wir das eigentliche Thema, die Gestaltung unseres Verkehrssystems, nach einer kurzfristig aufwallenden Gemütsbewegung nach der Tunnelkatastrophe bald wieder ad acta legen. Das Thema wurde dann von allen Seiten des langen und breiten in den Medien ausgewalzt, das eine oder andere Tunnelprojekt in Angriff genommen - und dann geht man zur Tagesordnung über. Bis zum nächsten Unfall - in einem zweiröhrigen Tunnel oder auf einer Brücke oder sonstwo...

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