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Der Dialog ist überfällig

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Österreich überließ schon einmal aus falsch verstandener politischer Korrektheit ein wesentliches Thema den Populisten. Was als Fehler in der sogenannten Ausländer-Debatte unterlief, darf sich in der Islam-Debatte nicht wiederholen.

Je länger der Aufruhr in der islamischen Welt über Innocence of Muslims anhält, desto mehr wird der restlichen Gelassenheit abgenötig. Anders ist den an den Kampf der Kulturen heranreichenden gegenwärtigen Tumulten und Anschlägen nicht beizukommen. Was auch Österreich vor die Entscheidung stellt, einen bereits einmal gemachten Fehler nicht nur kein zweites Mal zu begehen, sondern in der Auseinandersetzung mit dem Islam Aufgeklärtheit und Souveranität zu zeigen. So schwer das manchen auch fallen mag.

Alleine das Video zu Innocence of Muslims entlarvt das filmische Projekt als ein unsachliches, auf Provokation angelegtes Machwerk. Nach Dutzenden Toten bei den dadurch in islamischen Ländern ausgelösten Protesten wird die Aufführung seitens des Internet-Unternehmens Google etwas eingeschränkt, in manchen Ländern Arabiens und Asiens schlicht verboten. Damit wird nicht die Sache geheilt, sondern erst die Wunde offengelegt.

Richtige Fragen durch die Richtigen stellen

Es wird geistlichen und weltlichen Führern der islamischen Welt nicht erspart bleiben, sich kritischen Anfragen zu stellen. Diese gelten der Freiheit der Meinungsäußerung und Religionsausübung sowie der Grundfrage danach, wie sie es mit der Kritik halten. Denn es zieht sich ein roter Faden an aggressiver Intoleranz durch einschlägige Aktionen und Reaktionen, von der Fatwa über Salman Rushdie über die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen bis zu den gewaltätigen Demonstrationen gegen das genannte Filmchen.

Jene, welche diese Anfragen stellen, haben dies freilich in einer Art vorzubringen, die sie beantwortbar macht. Gerade Österreich kann hiebei aus einem reichen Schatz an Selbsterfahrung mit Reflexen und Blockaden schöpfen, die sich stets hinter der Abwehr von Vergangsheitsbewältigung verbergen. Aber wesentlich wird sein, diese Themen auf die Agenda zu setzen, ehe es die Falschen tun.

Genau dieser Fehler unterlief Österreich, als die Freiheitlichen unter Jörg Haider in einer teils Menschen verachtenden, jedenfalls stets populistischen Art sich mit jenen Personen befasste, die zwar hier leben, aber als Ausländer bezeichnet werden.

Manchen der Zugewanderten wären kritische Fragen zu stellen gewesen, wie sie es denn mit hiesiger Sprache und Konvention so halten. Aber diese Anfragen unterblieben, teils, weil man sie für politisch inkorrekt hielt, teils, weil man damit nicht jene bestätigen wollte, die sie aufgeworfen hatten, nämlich die FPÖ.

Als unbeabsichtigte Nebenwirkung der Ignoranz gegenüber tatsächlicher Integrationsproblematik namentlich durch die SPÖ und die Grünen haben die Rechts-Populisten insbesondere in Wien erhebliche Wahlerfolge gefeiert.

Was das für heute bedeutet? Integration ist erwünscht, und die bedarf der Kommunkation. Das Gespräch über - etwas verallgemeinernd ausgedrückt - den Islam ist zu führen. Es ist zu wesentlich, zu entscheidend, um es den Falschen zu überlassen. Das sind jene, die Stimmung gegen Zuwanderer und Andersgläubige in Stimmen für sich umzumünzen versuchen.

Bilder, die trügen und den Blick verstellen

Will Österreich in dieser Welt bestehen, wird es sich etwas mehr mit dieser Welt zu befassen haben. Auch mit dem islamischen Anteil daran (siehe dazu Seite 10), aus dem durch Berichterstattung die Islamismus-Debatte importiert wurde, die es hier mangels Masse ansonsten nicht gäbe.

Zum Dialog der Gesellschaften und der Religionen gibt es keine wünschenswerte Alternative. Also hat man sich der Befassung und der Auseinandersetzung mit dem anderen zu stellen, ehe Dritte damit unter Verwendung verfälschter Bilder einerseits ein politisches Geschäft der Provokation, andererseits eine Strategie des Aufhetzens betreiben. Die Bilder, die heute so schnell um die Welt gehen, trügen oft und verstellen häufig den Blick auf die Wirklichkeit anstatt sie zu zeigen. Ein Verbot der Bilder gilt vor allem den falschen.

claus.reitan@furche.at