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Der gemeine Finanzschreck

Eigenkapitalgeber frönen seit längerem dem weltweiten Firmen-Schlussverkauf.

Bis vor kurzem wurde wie im Rausch gekauft. Es wurden aber keine Textilien oder Sportartikel erstanden, sondern Unternehmen mit tausenden Mitarbeitern. Um 18 Milliarden Euro übernahm der amerikanische Finanzinvestor Blackstone Anfang Juli die Nobelhotelkette Hilton. Im April dieses Jahres schluckte ein anderer amerikanischer Finanzinvestor, Kohlberg Kravis Roberts & Co (KKR), die britischen Pharma- und Apothekenkette Alliance Boots um 16 Milliarden Euro. Und vor einem Jahr erwarb KKR gemeinsam mit der Investmentbank Merrill Lynch um 33 Milliarden Dollar den US-Klinikbetreiber HCA. Die Käufer waren in allen Fällen Private-Equity-Gesellschaften. Solche privaten Beteiligungsgesellschaften agieren abseits der Börse (daher "Private Equity") und bringen Eigenkapital in Unternehmen ein.

400 Milliarden weltweit

Die Aufkäufer wollen den Verkaufswert der erworbenen Unternehmen möglichst schnell in die Höhe treiben, um sie nach ein paar Jahren - meist sind es fünf bis sieben - mit einem kräftigen Profit wieder abzustoßen. Die Gewinne der Firmenfresser sind enorm. Als untere Grenze gelten jährliche Renditen von 20 Prozent auf das eingebrachte Kapital. Und genau das macht die Branche für Anleger so begehrenswert, dass sie den Finanzinvestoren im Jahr 2006 weltweit mehr als 400 Milliarden Dollar zur Verfügung stellten. Das Kapital kommt von superreichen Einzelpersonen und institutionellen Anlegern wie Pensionsfonds und Versicherungen. Die Private-Equity-Gesellschaften jonglieren aber nicht nur mit dem Geld der Anleger. Bereitwillig legen die Banken in Form von günstigen Krediten noch etwas darauf. Damit können die Fonds riesige Summen mobilisieren, sodass auch Großkonzerne vor einer Übernahme nicht sicher sind.

In Österreich gerieten die weltweit agierenden Finanzfirmen im heurigen Frühjahr in die Schlagzeilen. Damals interessierte sich der britische Finanzinvestor CVC für eine Übernahme des heimischen Edelstahlkonzerns Böhler-Uddeholm. Der Verkauf kam nicht zustande, weil das Böhler-Management und die Politik einen Verkauf von Böhler an die VOEST vorzogen. Erfolgreicher war der amerikanische Beteiligungsfonds Cerberus, der die schwer angeschlagene BAWAG in seinen Besitz brachte.

Bawag war größter Fisch

Abgesehen vom BAWAG-Verkauf muss sich die heimische Private-Equity-Branche aber mit wesentlich kleineren Brötchen begnügen. So wurden im Jahr 2006 für direkte Unternehmensbeteiligungen gerade einmal 279 Millionen Euro aufgebracht. Jürgen Marchart, der Geschäftsführer der AVCO (Vereinigung österreichischer Risikokapitalgesellschaften und Förderer von Risikokapital), ist trotzdem optimistisch: "Das ist mehr als je zuvor. Die junge Private-Equity-Industrie verzeichnet bei uns einen starken Aufwärtstrend."

Beweis für die steigende Attraktivität von Private Equity in Österreich ist auch der erst vor wenigen Wochen aus der Taufe gehobene Beteiligungsfonds "Buy-Out Central Europa". Der Fonds hat ein Volumen von 100 Millionen Euro und soll in mittelständische Unternehmen investieren. Mitbeteiligt an der Entwicklung des Fonds war auch Michael Tojner, Vorstand der größten österreichischen Private-Equity-Gesellschaft GEP. Dieser Investor versteht sich einerseits als Wachstumsfinanzierer, der Wagniskapital (Venture Capital) für die Erweiterung von zukunftsträchtigen Unternehmen zur Verfügung stellt. Zum anderen werden Beteiligungen an etablierten mittelständischen Industriebetrieben erworben. In beiden Fällen geht es aber um die Teilhabe an der Wertsteigerung eines Unternehmens. Die soll dann beim Verkauf (Exit) realisiert werden.

Aus sechs mach elf

Die dabei möglichen Gewinne sind gewaltig: "Wir kaufen ein Unternehmen zum sechsfachen EBIT (Gewinn vor Steuern und Zinsen) und verkaufen es zum elffachen weiter", beschreibt GEP-Chef Tojner seine Erwartungen.

Es sind aber nicht nur die Aussichten auf Supergewinne, welche das Übernahmefieber in die Höhe treiben. "Weiterentwicklung und Forschung in einem Unternehmen sind heute enorm kapitalintensiv. Diese Mittel sind über Bankkredite nicht mehr aufzutreiben", erläutert der Vermögensberater Rudolf Mittendorfer: "Die Finanzierung hat sich völlig verändert. Vor 30 Jahren haben die Banken die Unternehmen regiert." Das habe dazu geführt, dass Entscheidungen sehr defensiv gefällt wurden, weil die Banken bei anstehenden Investitionen immer mehr auf die Absicherung der bestehenden Kredite schielten. "Daher sind Unternehmensgründungen und Expansionen heute eher über das Einbringen von Beteiligungskapital zu bewerkstelligen."

Dazu kommt, so Mittendorfer, dass die europäischen Unternehmen durch die Übernahme amerikanischer Buchhaltungsprinzipien buchmäßig auf einmal viel besser aussehen als früher, "obwohl sich an den realen Gegebenheiten überhaupt nichts geändert hat." Und die von den attraktiven Zahlen angelockten global agierenden Finanzinvestoren haben mehr Geld als je zuvor. "Das Geldkapital ist so rasant gewachsen, weil Geldentwicklung und reale Wirtschaftsentwicklung immer mehr auseinander streben", so Thomas Zotter von der Arbeiterkammer. Diese hohe Liquidität sei einer der treibenden Faktoren des sich immer schneller drehenden Übernahmekarussells.

Dieses Finanzringelspiel hat große Gefahren. Die neuen Investoren wollen möglichst schnell Geld sehen. Daher verrechnen sie beträchtliche Gebühren (Fees) für die Bereitstellung von Kapital. Zusätzlich verlangen sie hohe Dividenden und hängen dem Unternehmen, an dem sie sich beteiligen, nicht selten neue Schulden um. Natürlich geht dieses Aussaugen an die Substanz. "Renditeerwartungen von 15 bis 40 Prozent sind mit normalen Mitteln nicht mehr zu erreichen. Dies schafft man nur mit Umstrukturierungen, die zu Lasten der Beschäftigten gehen", kritisiert David Mum von der Gewerkschaft der Privatangestellten. Um schnell Geld in die Kasse zu bekommen, werden dann oft Teile von gesunden, florierenden Unternehmen verkauft und Arbeitskräfte entlassen. Entwicklungsbudgets werden zusammengestrichen und kostspielige Innovationen werden vermieden. Das erhöht kurzfristig den Gewinn, untergräbt aber die Zukunft von Unternehmen.

Der Fall Grohe

Dass solche Befürchtungen keineswegs grundlos sind, bestätigt der Fall Grohe. Der deutsche Weltmarkführer bei Badezimmer- und Küchenarmaturen wurde 2005 von einem Konsortium zweier Private Equity Fonds (TPG und Credit Suisse First Boston Private Equity) erworben.

Die Übernahme erfolgte zu einem überhöhten Preis und wurde zu zwei Drittel kreditfinanziert. Die Rückzahlung der Zinsen erdrückte das Unternehmen. Sanierungspläne und der Verlust von 500 Arbeitsplätzen in Deutschland waren die Folge. Der SPD-Politiker Franz Müntefering sprach damals von "den Heuschrecken, die ein Unternehmen kahl fressen und dann weiterziehen." AVCO-Geschäftsführer Marchart glaubt, dass diese Kritik an den Tatsachen vorbei geht: "Private Equity-Gesellschaften wollen, dass es ihren Unternehmen nachhaltig gut geht. Schließlich müssen sie ja auch nach dem Exit eines Unternehmens anderswo wieder Kapital veranlagen."

Überhitzung droht

Risiken bestehen aber nicht nur für die Arbeitskräfte. Die immer gewagteren Übernahmen machen die Wirtschaft instabiler. "Die Beteiligungsfonds haben meist ähnliche Strategien, das führt zu einer Kumulation der Risiken", meint Arbeiterkammer-Experte Zotter. Auch Bankenvertreter wiesen schon vor einigen Wochen auf die Gefahr einer Überhitzung hin. Dass diese Warnungen vor den Risiken des Übernahmefiebers keineswegs aus der Luft gegriffen sind, macht nun die aktuelle Krise auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt deutlich. Die hat zu einem kompletten Stimmungswechsel auf den Finanzmärkten geführt. Weil die Banken und Geldgeber auf einmal viel vorsichtiger sind, ist es für Private-Equity-Gesellschaften schwieriger geworden, Kredite für neue Beteiligungen zu bekommen und Anleihen zu platzieren. Das wird auch die Unternehmen, in denen Private-Equity-Kapital steckt, treffen. Die müssen dann nämlich noch mehr Geld an die Fonds für die Refinanzierung der eingesetzten Kredite abliefern.

In einem weitgehend unregulierten Kapitalismus ist es schwer, gegen diese Entwicklungen etwas zu unternehmen, meint Gewerkschaftsvertreter Mum. Trotzdem verlangt er Maßnahmen: "Man wird um Regulierungen nicht herumkommen. Ein brauchbares Mittel wäre, den Kauf von Unternehmen auf Kredit zu verbieten." Und außerdem sei es nötig, in Übernahmesituationen die Rechte der Mitarbeiter zu stärken.

Transparenz und länderübergreifende Zusammenarbeit der Aufsichtsbehörden schlägt auch Zotter vor. Für Globalisierungskritiker Christian Felber sind hingegen die Forderungen nach Regulierung und Transparenz "bloße Symptombekämpfung. Entscheidend ist die Umleitung der Finanzströme von den Finanzmärkten in die Realwirtschaft". Ein Schritt dazu ist seiner Meinung nach die "lückenlose Besteuerung von Finanzerträgen und-transaktionen."

Der Autor ist freier Publizist.

Finanzsprech

Private Equity: Eigenkapitalfinanzierungen, die auf Firmen in reifen Märkten in einer Veränderungs-oder Wachstumsphase ausgerichtet sind.

Venture Capital: Bezeichnung für Wagniskapital, das wachstumsträchtigen, mittelständischen Unternehmen, die in innovative Technologien investieren, gegen Firmenanteile auf Zeit zur Verfügung gestellt wird.

EBIT: Earnings Before Interest and Tax, oder Gewinn vor Zinsen und Steuern.

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