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Der Lohn für Oko-Leistungen

dieFurche: Wird die Zahl der Bauern, der Vollerwerbsbetriebe weiter sinken?

Minister Wilhelm Molterer: Das läßt sich nicht beantworten. Die entscheidende Frage ist: Welche Landwirtschaft wollen wir? Und: Welche Maßnahmen sind notwendig, um diese gesellschaftlich gewünschte Landwirtschaft zu erhalten? Ich gehe davon aus, daß Osterreich auch in Zukunft die bäuerliche Landwirtschaft will.

dieFurche: Sind die Weichen in Richtung bäuerliche Wirtschaft gestellt?

Molterer: Derzeit gibt es ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite steht die Landwirtschaft im Wettbewerb. Auf der anderen Seite wächst der Anspruch auf Ökologie, Qualität und Naturnähe der Produkte der Landwirtschaft In diesem Spannungsfeld muß die Politik Grenzen des Wettbewerbes festlegen, um eine Landwirtschaft zu erhalten, die diese vielfältigen Funktionen erfüllt und die außerdem hochmodern und ökonomisch hoch effizient ist.

dieFurche: Derzeit fährt der Zug aber - glaubt man EU-Kommissar Franz Fischki— in Richtung Konkurrenz.

Molterer: Die Politik muß die Weichen eben in die andere Richtung stellen. Die Kräfte des Marktes sind stark genug, Um Sich durchzsetzen. Die Politik muß die geeigneten sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen definieren.

dieFurche: Teilen die EU-Agrarminister Ihre A nsichten?

Molterer: In der europäischen Landwirtschaft gibt es einen liberalistischen Flügel. In England sagt man: Wir wollen auf dem Weltmarkt unsere Position ausbauen. Rritische oder dänische Rauern würden nie vo/i Überschußverwertung, sondern von Exportchancen reden. Ein völlig anderer Zugang als bei uns. Die mitteleuropäischen Staaten sind sich der kulturellen und ökologischen Redeutung der Rauern bewußt. Allgemein konsensfähig wird die Frage der ländlichen Entwicklung. Denn ein Europa mit wachsender Disparität zwischen ländlichen und Ral-lungsräumen kann langfristig nicht friedlich bleiben. Man erkennt, daß die Landwirtschaft mehr Funktionen als nur das Produzieren hat.

dieFurche: Müßte nicht schon bald etwas geschehen, weil es so wenige Bauern gibt?

Molterer: as Problem ist nicht ausschließlich an den in der Landwirtschaft laugen festzumachen. Vorarlberg hat die niedrigste Quote und ist doch eine der gepflegtesten Regionen in Ruropa. Dennoch: Es gibt eine notwendige Mindeststruktur. Welchen Anteil an landwirtschaftlicher Bevölkerung das bedeutet, ist regional unterschiedlich.

dieFurche:: Ist diese Untergrenze noch nicht erreicht

Molterer: Würde ich sagen, es müssen ausschließlich Vollerwerbsbetriebe sein, dann haben wir noch einen intensiven Strukturwandel vor uns. Peilen wir aber eine vernünftige Mischung aus Voll-, Zu- und Nebenerwerbsbetrieben an (was stabiler ist), ändert sich die Lage. Dennoch gibt es Regionen, in denen kleine Betriebe besser unterstützt werden müssen. Daher wird der Sockelbetrag, eine Unterstützung unabhängig von - der Betriebsgröße, intensiv in der Bergbauernför-derung diskutiert. Auch vertreten wir in Kuropa massiv das Konzept „Ja zur Milchquote". Nur mit der Quote sichere ich die Milchproduktion in den Berggebieten. Wenn ein Bergbauer -weil seine Milch eben teurer ist als die im Flachland - nicht mehr produzieren kann, wird er nicht mehr seine Flächen bewirtschaften. Dazu müssen Ausgleichszahlungen kommen. Sie ist ein Lohn für erbrachte Öko-Leistungen.

dieFurche: Wird sich dieses Konzept in der EU durchsetzen?

Molterer: In der Reformdiskussion für die EU-Landwirtschaftspolitik rund um die Jahrtausendwende wird es um folgendes gehen: Auch nach dem Jahr 2000 wird es eine Milch-Marktordnung geben müssen. Das ist für die Grünland- und Berggebiete extrem wichtig. Auf dem Getreidesektor mag weniger Markt erforderlich sein. Weiterhin wird es auch Strukturmaßnahmen geben müssen: Bergbau-ernförderung, Unterstützungen für junge Bauern, Investitionsförderungen ... Diese Strukturpolitik wird sidh in Richtung Philosophie des ländlichen Raumes (Einbeziehung des kleinen Gewerbetreibenden, des Nahversorgers ...) entwickeln. Die dritte Schiene wird die Berücksichtigung der Umwelt sein: Gewässerschutz erfordert eine Ökologisierung der Landwirtschaft, Umweltleistungen wird man abgelten müssen.

dieFurche:: Wie sehen Sie die Situation der österreichischen Lebensmittelindustrie?

Molterer: Es macht mir große Sorgen, daß in Osterreich derzeit den Bauern für wichtige Produkte sehr niedrige Preise (im EU-Vergleich liegen wir im unteren Drittel) gezahlt werden. Eine Ursache ist die Wettbewerbsschwäche der verarbeitenden Industrie (die Milch- und Fleischverarbeitung, die Mühlenwirtschaft). Ich glaube, daß es für die Bauern schlecht ist, wenn sich zwei mittlere Milchwirtschaftsunternehmen in Osterreich zu Tode konkurrenzieren. Der Bauer zahlt mit schlechten Preisen die Zeche. Die Produktionswirtschaft muß dasselbe wie der Lebensmittelhandel machen, um der Macht des Handels eine Gegenmacht entgegenzusetzen.

dieFurche: Spielt die Qualität der Produkte auf dem Lebensmittelmarkt eine Rolle?

Molterer: Die berechtigte Hoffnung für die Landwirtschaft ist, daß österreichische Konsumenten sehr sensibel für die Qualität der Produkte und ihre Herkunft sind. Die Herkunft aus Österreich ist, besonders wenn es um Frische geht, das Argument beim Kauf.

dieFurche: Und der Export?

Molterer: Da wird es auch einer Konzentration bedürfen. Erfolgreich sind die steirischen Obstbetriebe. Da bietet ein Unternehmen im Export (in Deutschland, sogar in Griechenland) unter der Marke „frisch, saftig,- stei-risch" an. Ähnliches könnte ich mir in der Milchwirtschaft vorstellen. Beim Wein funktioniert das auch mit der „Wein Marketing". Erfolge haben wir auch beim Export von Rohprodukten nach Italien. Jedenfalls hat Österreich ein sehr gutes Image, was die Qualität der Produkte betrifft.

dieFurche: Lassen sich die guten Konzepte, die Sie erwähnen, überhaupt ver-wirkliclien?

Molterer: In der Frage biologische Landwirtschaft sind wir Europameister. Europaweit führen wir bei der Umsetzung des Umweltprogrammes. Gut funktioniert die Investitions- und die Jungübernehmerförderung, um Bauern zur Umstrukturierung ihrer Betriebe zu motivieren. Gut entwickelt sich auch die Kooperation zwischen Rauern und anderen Partnern ... diefurche Könnten Sie dafür Beispiele nennen?

Molterer: Etwa wenn die Land- und die regionale Tourismuswirtschaft eine gemeinsame Schnapsmarke entwickeln. Oder: Regionale Erzeugerbörsen in der Gastronomie. Oder: Die Revitalisierung von Almhütten. Da können Rauern dann ihre Produkte verkaufen. In diesem Rereich entwickelt sich sehr viel. Nicht so gut funktioniert die Marktpositionierung der österreichischen Produkte. Was das halten von Marktanteilen in Österreich und den Verkauf im Export betrifft, bin ich zufrieden. Nicht aber mit dem Preisniveau. Das muß verbessert werden. Gemeinsame Vermarktung lautet die Strategie: So haben Ober-und Niederösterreich zusammen eine Rinderbörse gegründet.

dieFurche: Wollen junge Leute überhaupt noch Bauern werden?

Molterer: Es gibt eine Gruppe von Bauern, denen die Politik zu langsam ist. Sie haben sich rasch auf die neuen Bedingungen eingestellt, arbeiten mit PC, sind in allen Formen der alternativen Vermarktung tätig... Eine zweite Gruppe ist nach 2,5 Jahren EU-Mitgliedschaft zur Überzeugung gekommen, es lohne sich doch, voranzugehen.

Zunächst skeptisch, haben sie gelernt, mit den neuen Umständen zurechtzukommen. Aber viele Betriebe machen mir Sorge: Sie sehen in der Preisentwicklung eine Geringschätzung ihrer Tätigkeit, haben den Eindruck, man brauche sie nicht, fühlen sich als Umweltsünder verunglimpft, hören, ihnen stünden Ausgleichszahlungen eigentlich nicht zu. Die Resignation dieser Leute, meist mittleren Alters macht mir Sorgen.

dieFurche: Sind die Bauern nicht total überfordert?

Molterer: Zum Teil schon. Zu reden wäre da von der Bäuerin. Sie hat sehr viel Arbeit. Probleme macht auch die Zusammenarbeit von Bauern. Andererseits gibt es auch Ermutigendes: So haben zwölf junge Winzer die tolle Idee gehabt, einen Doppeldeckerbus zur fahrenden Vinothek umzubauen. Eine anstrengende Sache. Trotzdem sagen sie: Es gibt nichts Schöneres, als für das eigene Produkt etwas zu tun.

Das Gespräch führte

Christof Gaspari

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