"Der Sturz der Illusion“

Der Ökonom Samir Amin im Gespräch über die Unmöglichkeiten Europas, die Krisedes wirtschaftlichen Denkens und die Demokratisierung der Gesellschaft.

Samir Amin ist einer der bekanntesten Entwicklungsökonomen. Er ist davon überzeugt, dass es den Euro und auch die Europäische Union nicht mehr lange geben wird. Amin war im Rahmen des 50 jahr-Jubiläums des Instituts für internationalen Dialog VIDC in Wien.

Die Furche: Ihr jüngster Essay handelt von der Zukunft Europas. Darin prophezeihen Sie den Zerfall Europas und des Euro und eine Zeit des Chaos. Trotzdem halten Sie sich nicht für einen Untergangspropheten.

Samir Amin: Nein, ich bin eigentlich ein Optimist, indem ich hoffe dass wir darüber zu einer besseren Ordnung kommen werden.

Die Furche: Beginnen wir einmal beim Ist-Zustand. Wie kommt es Ihrer Meinung nach zum Zusammenbruch?

Amin: Zunächst wird die Eurozone auseinanderbrechen. Sie tut das, weil die inneren Spannungen und Ungleichgewichte sie zerreißen. Die Entscheidung eine gemeinsame Währung auf Basis des Maastricht-Vertrages zu errichten, führt jetzt zu einem unausweichlichen Desaster. Ich habe das Jaques Delors schon 1992 gesagt, als der Plan für die Währungsunion gefasst wurde.

Die Furche: Wie wollten Sie ihn überzeugen?

Amin: Ich sagte ihm: Du kannst mich ja einen Marxisten schimpfen, aber ich bin sicher, dass man Staat und Geld nicht trennen kann. Staat und Geld halten die Gesellschaft zusammen. Wenn man das Geld dem freien Markt überlässt, überlässt man es der Unordnung. Eine Währung ohne Politik, das geht nicht. Außerdem sagte ich: Die großen Nationen Europas werden sich niemals von den anderen Staaten diktieren lassen, was sie zu tun haben. Wir sind nicht einmal in der Lage einander kulturell zu verstehen.

Die Furche: Und was hat Delors gesagt?

Amin: Er sagte, man müsse in diesem Fall den Karren vor das Pferd spannen und die Nationalstaaten zwingen einen supranationalen Staat zu akzeptieren. Ich sagte zu ihm, wenn dir das gelingt, hast du mehr Statuen in Europa verdient als Stalin in Russland hatte. Er sagte: Du bist zu pessimistisch.

Die Furche: Dann sind für Sie auch Eurobonds keine realistische Möglichkeit?

Amin: Nein, weil diese Bonds am Ende Inflation bedeuten und ich glaube nicht, dass alle Nationalstaaten und vor allem Deutschland aber auch andere reiche Staaten bereit sind, eine Teuerung aus Solidarität mit den schwachen Ländern zu akzeptieren.

Die Furche: Bleibt noch das Instrument des Sparens, das schon einige Erfolge zeigt.

Amin: Ja, aber in diesem Fall ist die gute Absicht der Freund des Verderbens. Ein rigider Sparkurs ist mit Eurobonds nicht vereinbar. Außerdem hat jede Form von Solidaritätsfonds das Problem, dass man versucht, das Problem innerhalb des Marktes zu lösen. Aber der Markt ist ein großer Teil des Problems. Wir vertrauen der Selbstregulierung der Märkte - das ist ein haarsträubender Unsinn, der eigentlich für jedes Individuum mit Hausverstand klar erkennbar ist. Aber die Ökonomen glauben es, weil es nur noch eine relevante ökonomische Schule gibt, die neoliberale. Dieser Zustand erlaubt Dummheit. Ökonomen sind nur dann gezwungen, klug zu sein, wenn sie Feinde haben, sie sind nicht klug, wenn sie keine haben.

Die Furche: Aber wo sehen Sie denn da die positive Zukunft?

Amin: Ich bin sicher, dass die Völker sehr rational sind und verstehen werden, dass es zu einer Veränderung kommen muss. Man sieht diesen Willen ja heute schon in manchen linken Bewegungen.

Die Furche: Sind das nicht mehrheitlich Bewegungen, die den Menschen die Illusion versprechen, das alles so wird wie vorher?

Amin: Natürlich gibt es eine Zeit der Illusionen links wie rechts. Diese Politiker sind Gefangene ihrer eigenen Geschichte. Sie haben momentan Zulauf, weil das System massiv nachgibt und der soziale Halt verloren geht. Aber sehr schnell wird die Einsicht kommen, dass es in der Geschichte kein Zurück gibt. Und dann wird es besser werden. Man wird aktiv einen positiven Ansatz suchen, das System zu ändern.

Die Furche: In welcher Form?

Amin: Es wird eine Zeit des Muts geben, indem wir jene Oligopole und Monopole, die heute weite Teile der Weltwirtschafts kontrollieren, verstaatlichen. Nicht im Sinne eines Staates, sondern im Sinne einer Vergemeinschaftung.

Die Furche: Stichwort Sozialismus?

Amin: Ich spreche von einer Sozialisierung. Der Rückübernahme von Verantwortung durch die Bürger. Ein Beispiel. Die Bauern Europas und der Welt werden derzeit zerrieben von einer monopolisierten Versorgungsstruktur auf der einen Seite, also Düngemittel-, Nutzfahrzeug- Saatgutindustrie und Banken. Auf der anderen Seite stehen Lieferketten, Lebensmittelkonzerne und Supermärkte. Heraus kommt, dass den Bauern nichts bleibt und sie durch Subventionen am Leben erhalten werden. Das ist Unsinn. Man müsste Vertreter von regionalen Lieferanten, Banken, Bauern und Konsumenten an einen Tisch bringen, um regional die Preise zu verhandeln.

Die Furche: Das geht nur über Enteignung und Zerschlagung vieler großer Unternehmen. Das wiederum wird sehr viele Arbeitsplätze kosten.

Amin: Nein, weil es statt dessen viele neue Jobs geben wird, um das neue System aufzubauen und zu erhalten. Dieses Jobsystem wird aber nicht mehr dem kapitalistischen Arbeitsmarkt entsprechen, sondern ein Aktivitätssystem für alle sein. Jemanden durch Arbeitslosigkeit aus dem System auszustoßen wäre dann nicht mehr möglich.

Die Furche: Dass klingt nach viel Subsidiarität. Welche Rolle hätte denn da noch die Politik?

Amin: Entscheidend ist die Demokratisierung der Demokratie und die Demokratisierung der wirtschaftlichen Strukturen. Noch sehen wir sie nicht. Aber das ist nicht verwunderlich. Antonio Gramcsi hat einmal gesagt, es gibt eine Zeit, in der eine Epoche zu Ende geht, die darauf folgende aber noch nicht begonnen hat. Es ist so wie der Übergang von Tag und Nacht. Es ist nicht mehr dunkel, aber auch noch nicht hell. In dieser Zeit der Dämmerung, sagt Gramcsi kommen die Gespenster. Wir sehen hier das Monster des Neoliberalismus und dort das Monster seiner Gegner - etwa des politischen Islamismus oder des Rechtsradikalismus, das ebenfalls überall in Europa aufsteht. Die Zukunft liegt aber in keinem dieser Schrecken. Die echte Alternative zum System ist die Pluralisierung der Gesellschaft in einem Bottom-up-Prozess, in unendlich vielen, kleinen und mittleren regionalen und nationalen sich selbst verwaltendene Einheiten.

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