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Der Totentanz des globalen Wachstums

Wenn sich die Prognosen namhafter Ökonomen bewahrheiten, rutscht die Weltwirtschaft 2012 erneut in eine Rezession. Die Folgen könnten noch gravierender sein als 2008 - vor allem weil den westlichen Industriestaaten diesmal das Geld fehlt, mit dem sie die Krise eindämmen könnten.

In Zeiten florierender Konjunktur haben Analytiker der Aktienmärkte nicht sehr viel für Symbolik der frühen Neuzeit übrig. Doch in diesen Tagen greifen die Analysten zu immer drastischeren Mitteln, um ihre Besorgnis um die Weltwirtschaft zu verdeutlichen. Der Schweizer Analyst Marc Faber beispielsweise. Seine Internetfinanzplattform "GloomBoomDoom“ wird täglich von mehreren Tausend Investoren frequentiert. In diesen Tagen bekommen sie dort einen drastischen Rückgriff auf das frühe 17. Jahrhundert zu sehen - ein Bild des Malers Kaspar Meglinger aus Luzern: Der Tod bittet da die Menschheit zum letzten unausweichlichen Tanz.

Gerade so sieht Faber die aktuelle Lage der Weltwirtschaft: Die Krise hat die Rolle des Knochenmannes übernommen, der nun den Reichtum der Industriestaaten zum tödlichen Ringelreihen bittet.

Heraufdämmernde Rezession

Faber behauptet, unterfüttert mit umfangreichem Datenmaterial, dass die Wirtschaftsmacht Nummer Eins der Welt, die USA - und mit ihr die hoch entwickelten Industriestaaten in eine Rezession schlittern. "Ich sehe die gleichen Entwicklungen wie vor der großen Krise in den 30er-Jahren“, sagt Faber. Die Konjunktur stagniere, die Zahl der Arbeitsplätze sinke, die Vermögensverteilung sei zunehmend ungleich, die Preise steigen, die Nachfrage breche ein. Eine Trendwende sei nicht in Sicht. Im Gegenteil (siehe Daten unten).

Der Börsenexperte Peter Schiff geht da noch weiter. Die US-Regierung könne nur mehr kosmetisch vertuschen, was real längst da sei: "Die USA sind längst in der Rezession.“ Robert Kiyosaki von der Universität Phoenix sieht für die US-Wirtschaft nur noch zwei Möglichkeiten: "Depression oder Hyperinflation.“

Der bekannte US-Ökonom Nouriel Roubini taxiert eine Rezession der globalen Wirtschaft 2012 mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent. Der Grund für seinen Pessimismus: "Trends, die noch vor dem Sommer Aussichten auf eine positive Entwicklung hatten, haben sich negativ entwickelt.“ Konkret: Steigende Güterpreise weltweit, steigende Ölpreise, das Erdbeben in Japan, die nach wie vor ungelöste Schuldenkrise in Griechenland und der Konflikt um die Erhöhung des Schuldenlimits in den USA.

Im Sinkflug

Roubinis Ökonomenteam beschreibt die globale Wirtschaft als Flugzeug, das sich im Sinkflug befindet. Dass die Privatwirtschaft nicht in der Lage sei, die Konjunktur wieder auf Wachstumskurs zu bringen, hänge nicht so sehr mit der Leistungsfähigkeit der Unternehmen zusammen, sondern mit einem Vertrauensverlust der Investoren aufgrund der oben genannten Entwicklungen.

Die ökonomischen Konsequenzen daraus sind an allen Statistiken ablesbar: Sinkender Konsum, sinkende Investitionen, sinkende Produktion, sinkende Arbeitsplatzzahlen. Letzteres führt aufgrund der steigenden Konkurrenz um Arbeitsplätze zu tendenziell sinkenden Löhnen, was in weiterer Folge die Konsumbereitschaft dämpft. Ein ökonomischer Teufelskreis.

Tatsächlich sind die Aussichten auch deshalb so trübe, weil die Industriestaaten ihre Aktionsfähigkeit erschöpft zu haben scheinen, die Krise mit Steuergeldern zu bekämpfen.

Nur die US-Regierung versucht in diesen Tagen eine dritte Runde des "Quantitative Easing“. Begleitet wird dieses Anwerfen der Gelddruckmaschine allerdings durch massive Kritik an der Schuldenpolitik durch Ökonomen.

Gibt es noch Zeit und Wege, gegenzusteuern? Könnten Länder wie China die globale Wirtschaft erneut aus dem Keller ziehen? Diese Hoffnung ist trügerisch, meint der Ökonom Andrew Burns: "Diese Staaten sind insgesamt gesehen zu schwach. Selbst wenn sie über sechs Prozent Wirtschaftswachstum erreichen, können sie das Wachstum in den entwickelten Industrienationen nicht ersetzen.“ Vor allem wenn die Konjunktur in den USA fehlt, fehlt den BRICS-Staaten auch ihr Hauptabsatzmarkt.

Manch politisch Verantwortlicher scheint sich mit dem Schicksal bereits abgefunden zu haben. Angesichts fallender Börsenkurse und überschuldeter Staatshaushalte warnt Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble vor "sieben schlechten Jahren für die Weltwirtschaft“. Christine Lagarde, die Chefin des IWF, sieht eine "neue gefährliche Phase“ und der ehemalige Chef der US-Notenbank Alan Greenspan rechnet gleich mit dem "Auseinanderbrechen der Eurozone“.

Tatsächlich haben die meisten Analytiker US-amerikanischer Provenienz europäische Staatspapiere mit einem "Do not touch“ versehen, was sich vornehmlich in steigenden Risikozinsen für Italien, Spanien, Portugal aber auch Belgien und Frankreich auswirkt. Dahinter stehen auch die Sparprogramme der EU-Staaten, die - wie im Falle Griechenlands - zu einer weiteren Eintrübung des Wirtschaftswachstums führen. Die Konsequenzen sind in diesem Fall bereits ablesbar: Die Prognosen der Staatsverschuldung müssen nach oben und jene der Wirtschaftsleistung nach unten korrigiert werden. Immer plausibler erscheinen die Prognosen jenes ausgerechnet von der griechischen Regierung eingesetzten Expertenrates, der in der Vorwoche feststellte, dass die Verschuldung des Landes "außer Kontrolle“ geraten sei.

Börsen auf Talfahrt

Gegen die negativen Nachrichten, die zu Wochenbeginn die Börsen weltweit auf Talfahrt schickten, nehmen sich die etwas positiveren Szenarien äußerst bescheiden aus. Der OECD-Chefökonom Gurría Angel meint, dass Europa mit vermehrten Investitionen in Forschung und Bildung aus der Krise finden könnte. Doch versehen ist der gute Rat mit dem Nachsatz: "Die Konsolidierung der Staatshaushalte wird Generationen dauern.“

Dazu passt auch der derzeitige Buchbestseller in den USA, ein kaum 120-seitiges Essay des Ökonomen Tyler Cowen, in dem das Ende des Wachstums ausgerufen wird. Der Titel des Büchleins wirkt für Anhänger der Marktwirtschaft ebenso erschreckend wie der "Totentanz“ aus Luzern für den Nicht-Ökonomen: "The Great Stagnation“.

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