Der Untergang der Planwirtschaft

Das ökonomische Desaster, das 60 Jahre Planwirtschaft angerichtet hatten, trug maßgeblich zum Fall des Kommunismus in Osteuropa bei. Ein historischer Streifzug in einem bisher wenig aufgearbeiteten Feld.

Märchenhaft schön ist die Vorstellung, die Welt ändere sich, wenn nur genug Menschen sich das Gute wünschen. In dieser Form wird die Geschichte des Jahres 1989 zumeist erzählt: Millionen von DDR-Bürgern fordern einen Regimewechsel – und der Kommunismus geht unter. Vielleicht um dieses monumentale Bild zu erhalten, ist das Interesse an den wirtschaftlichen Ursachen für den Niedergang des sozialistischen Imperiums so gering. Die ökonomische Situation – vor allem der Sowjetunion – trug jedenfalls entscheidend zum Erfolg der protestierenden Völker bei.

Die Erschaffung des Übels

Ökonomisch wurzeln die Ereignisse des Jahres 1989 im Mai 1929, als die Führung der Sowjetunion die Planwirtschaft als einzig zulässiges Wirtschaftssystem festschrieb und sich vom marktwirtschaftlichen Mischsystem Lenins, der „Neuen ökonomischen Politik“, verabschiedete. Weder Marx noch Engels hatten die Planwirtschaft je diskutiert. Sie entstand nach dem Vorbild der deutschen Kriegswirtschaft 1914 bis 1918. Industrie und Handel wurden unter staatliche Lenkung gesetzt, Märkte und Preispolitik unter Kuratel gestellt. Weiter war man in der Erfindung einer kommunistischen Wirtschaftsform nicht gekommen. Lenin selbst meinte, er habe „nicht einmal einen Zeh ins tiefe Wasser des Sozialismus gesetzt“. So betrachtet, beschreibt das Wort Planwirtschaft eigentlich nur, was die kommunistische Führung damals nicht hatte, nämlich einen Plan zum wirtschaftlichen Handeln. So entstand 1929 der erste Fünfjahresplan, dem zwölf weitere folgen sollten.

Über Jahrzehnte, solange unter enormen Opfern der Bevölkerung und abgeschottet von der Außenwelt die riesigen Energie- und Rohstoffvorkommen des Landes erschlossen wurden, konnte die Strategie staatlicher Lenkung sogar Erfolge erzielen, wie der österreichische Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel nachweist. Von 1950 bis 1973 verzeichneten die Sowjetunion und ihre Bruderstaaten demnach ein durchschnittliches Wachstum des Brutto-Inlandsproduktes von 3,4 Prozent. Allerdings stagnierte der Elan der Industrie mit zunehmender Differenzierung der Aufgabenstellungen und der Aufblähung der zentral gesteuerten Verwaltungs- und Kommandostruktur. Zudem wurde auch die UdSSR voll von der Energiekrise der 70er Jahre getroffen und erholte sich davon nie mehr: Zwischen 1973 und 1992 sank das BIP pro Einwohner und Jahr um 1,4 Prozent.

Nun rächte sich, dass die Planwirtschaft ein leistungsfeindliches und vor allem innovationsfeindliches System geschaffen hatte. Dieter Stiefel: „Die Funktionäre in den Fabriken taten also gerade soviel, um den Fünfjahres Plan zu erfüllen. Es gab keinen Anreiz eine Innovation zu versuchen, weil damit das Risiko des Scheiterns verbunden war und selbst im Erfolgsfall der persönliche Nutzen fehlte.“ Eine russische Sentenz fasst das System so zusammen: „Die Arbeiter tun so, als ob sie arbeiten, die Partei tut so, als ob sie die Arbeiter bezahlt.“

Tatsächlich, so der britische Historiker Eric Hobsbawm, überlebte das sowjetische Wirtschaftssystem, „weil es abseits der offiziellen Planwirtschaft ein System aus Deals, Tauschaktionen und gegenseitigen Gefälligkeiten zwischen Kadern gab.“ Doch auch diese „zweite Wirtschaft“ konnte den Untergang der ersten Wirtschaft nicht aufhalten. 1980 hatte die Sowjetunion noch 67 Prozent des Nationaleinkommens der USA erreicht, 1987 waren es gerade noch 22 Prozent. Demgegenüber verschlangen die Rüstungsausgaben gewaltige Summen, laut den Ökonomen Oleg Bogomolow und Wassilij Seljunin 25 Prozent (200 Mrd. Rubel) im Jahr 1990. Seljunin: „Eine solche Größenordnung gilt selbst für kriegsführende Länder als unzulässig.“

Der Untergang

Michail Gorbatschow sah sich bei seiner Ernennung im März 1985 also mit einem ineffizienten, überbürokratisierten, unhaltbar teuren System konfrontiert. Doch der Versuch, die Wirtschaft mittels Perestrojka zu retten, führte sie vollends in den Ruin. Die Marktwirtschafts-Initiativen wurden halbherzig durchgeführt, die dem militärischen Sektor zuarbeitende planwirtschaftliche Maschinenbau-Industrie besonders forciert, die Konsumgüterproduktion dagegen vernachlässigt.

Statt Innovation und Leistungsbereitschaft zu fördern, griff Gorbatschow zunehmend zu alten Rezepten der Planwirtschaft: Kontrolle, Bestrafung, Konzentration von Leitungsbefugnissen. Die wirtschaftliche Zwangslage brach zunehmend in das Leben der Sowjetbürger ein. Waren 1980 noch 90 Prozent der üblichen Grundnahrungsmittel in den Geschäften Moskaus erhältlich, so waren es 1987 nur noch 22 Prozent. Die Neuverschuldung des sowjetischen Staatshaushaltes stieg im Jahr der Revolution 1989 auf zwanzig Prozent. An diesem Punkt löste sich das alte Wirtschaftssystem auf, ohne dass Gorbatschow ein anderes Modell an seine Stelle setzen hätte können. Lokale, von Parteifunktionären geführte Einheiten übernahmen den Staat und seine Wirtschaft. Die Union zerfiel. Die Historikerin Rita Di Leo: „Partikularismus, Autarkie, Rückfälle in primitive Tauschpraktiken schienen das wirkliche Resultat der Gesetze zu sein, die die Ökonomie liberalisieren sollten.“

Ähnlich empfand das wohl auch die russische Bevölkerung. Bei einer Umfrage im August 1989 antworteten auf die Frage „Glauben Sie, dass die Veränderungen in den Jahren der Perestrojka zu einer fühlbaren Verbesserung der Lage im Land führen?“ 70 Prozent mit Nein.

Vor diesem Hintergrund empfing Michail Gorbatschow im November 1989 DDR-Chef Egon Krenz. Krenz war gekommen um sowjetische Hilfe zu erbitten. Doch Gorbatschow blieb kühl. Als Krenz verzweifelt ausrief, „aber wir sind doch die Kinder der Sowjetunion“, blaffte Gorbatschow zurück: „Irgendwann ist es Zeit, dass die Kinder das Haus verlassen.“ Zwei Jahre später war das „Kind“ DDR und das „Haus“ Sowjetunion zusammengebrochen, einem politischen Bankrott anheimgefallen, der mit dem ökonomischen Hand in Hand ging.

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