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Der Weg aus der Misere ist oft lang

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Immer mehr Menschen kommen mit ihrem Alltag nicht mehr zurecht. Die Zahl der Hilf- und Obdachlosen steigt. Die Caritas versucht zu helfen ...

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Immer mehr Menschen kommen mit ihrem Alltag nicht mehr zurecht. Die Zahl der Hilf- und Obdachlosen steigt. Die Caritas versucht zu helfen ...

DIEFURCHE: Sie sindfür Offene Sozialarbeit zuständig. Was versteht man darunter?

Andreas Strom.: Da sind zunächst die Sozialberatungsstellen. Hier kommen Leute hin, die sich in einer Krisensituation befinden, sich plötzlich nicht heraussehen. Im Juni haben wir eine Erhebung in Wien gemacht: Zwei Drittel der Beratungen betreffen Frauen, viele davon Alleinerzieherinnen. Viele wissen nicht, daß für sie eigentlich das Sozialreferat zuständig wäre. Da geben wir die notwendige Information, leiten die Personen weiter. Bevor Spendenmittel eingesetzt werden, sollte zuerst die staatliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Wo das nicht reicht, springen wir mit Überbrückungshilfen ein. Der größte Posten ist die Lebensbedarfsabdeckung: Leute sagen uns: „Wenn wir Strom und Miete zahlen, bleibt uns nicht genug zum Leben.” Es ist besser, rückständige Mieten zu zahlen, als eine Delogierung mit darauf folgender Obdachlosigkeit in Kauf zu nehmen.

DIEFURCHE: Wie entstehen solche Notsituationen?

Strobl: Die Erhebung im Juni hat gezeigt, daß fast die Hälfte der Beratungsfälle Arbeitslose, vor allem Langzeit-Arbeitslose sind. Das war früher nicht so. Überhaupt steigt die Anzahl derer, die zu uns kommen: Von 95 auf 96 ein Anstieg von 20 Prozent. Und die Zahlen steigen weiter. Offensichtlich ist die Absicherung im Sozialstaat nicht ausreichend. Unsere Berater haben auch den Eindruck, daß seit dem Sparpaket der Druck größer geworden ist, und sie registrieren, daß Depressionen, Aggressionen und Angst zunehmen. Viele Menschen schaffen heute das Tempo nicht mehr.

DIEFURCHE: Sie helfen also vorübergehend in akuter Not? strobl: Etliche kommen mit einer total verworrenen finanziellen Situation. Oft ist ein Partner als Zahler ausgefallen, etwa bei Alleinerzieherinnen nach einer Scheidung. Sie haben das überschuldete Haus zugesprochen bekommen, finden keinen Teilzeitjob, den sie wegen der Kinder brauchen ... Dann geben wir Überbrückungshilfe.

DIEFURCHK: Gibt es andere Bereiche der offenen Sozialarbeit? strobl: Wir betreiben Obdachlosenheime. Bekannt ist die „Gruft”. Da kann jeder kommen. Sie ist - ebenso wie der Bahnhofsozialdienst - 24 Stunden offen. Im Winter sind dort oft 120 bis 130 Leute, schlafen auf Matten. Dort wird eine sehr qualifizierte Sozialarbeit geleistet. Oft ist die Gruft der Anfang einer Motivationsarbeit. Man versucht, die Dokumente des Klienten in Ordnung zu bringen, eine medizinische Erstversorgung anzubieten. Vielleicht erkennt man auch, daß jemand wieder auf die Beine kommen will. Es kann der Bqginn eines Weges sein, der den Klienten in eines der Öb-dachlosenhäuser und in ein Startprogramm führt. Außerdem wird „Nacht-Street-W7ork” angeboten ...

DIEFURCHE: Was geschieht dabei? strobl: In Wien werden Plätze angefahren, wo sich Obdachlose aufhalten, etwa öffentliche WC-Anlagen. Dort wird Erste Hilfe geleistet. Man nimmt die Leute mit, duscht sie oder versucht auch nur, sie aufzubauen. Da war ein Alkoholiker im Schottentor-WC. Er hat pro Tag fast sechs Liter Wein getrunken. Er wurde beharrlich aufgesucht. Heute ist der Mann „trocken” und in einer Gemeindewohnung ... Das beharrliche Nachgehen leisten auch der „Canisi”- und der „Francesco”-Bus. Sie fahren täglich neun Stationen in W7ien an, teilen Essen aus (im Jahr mehr als 70.000). Dabei ergeben sich Begegnungen. Dort wirken hauptsächlich ehrenamtliche Mitarbeiter mit. Es gibt auch einen medizinischen Betreuungsbus. Er behandelt mehrmals pro Woche an bestimmten Standplätzen Leute ohne Krankenschein.

DIEFURCHE: Die Obdachlosen sind aber nicht überwiegend Frauen ... SjROnL: Die Obdachlosen werden jünger, es überwiegen die Männer. Oft landen sie nach Scheidungen auf der Straße, wollen wegen der Alimente nicht mehr arbeiten, tauchen unter. Aber es kommen immer mehr Frauen dazu, mehr Leute aus der Mittelschicht. Frauen landen nicht so schnell auf der Straße, sondern ziehen von Mann zu Mann und werden dabei ausgenützt. Die Leute sind vermehrt psychisch „angeknackst”, total abgebaut durch das Leben auf der Straße.

DlEFuRCHE: Gibt es eigene Programme für Jugendliche?

STRORL: Wir überlegen uns derzeit Hilfen für Straßenkinder, einen Ort, wo diese hingehen und auch schlafen können. Jugendgerichtshof und Jugendämter sind mit uns einer Meinung, daß man in Wien so etwas brauchte. Diese Kinder haben teilweise mit Drogen zu tun. Im Winter treiben sie sich in Großkaufhäusern, im Sommer im Prater herum. dieFurche: Gibt es andere Heime? Strqbi,: Ein Mutter-Kind-Haus. Da helfen wir alleinerziehenden Müttern. Oft leisten wir da eine gewisse Grunderziehungsarbeit. Viele der Frauen haben selbst nie Geborgenheit 'erfahren, müssen also erst lernen, sie zu geben. Im Haus „Myriam” nehmen wir vorübergehend Frauen ohne Kinder auf, deren Lage in unterschiedlichster Weise zu stabilisieren ist. Im Haus „Bupert Mayer” wiederum bringen wir Personen auf Dauer unter, ältere, von denen nicht mehr anzunehmen ist, daß sie sich in den Ar-beitsrnarkt integrieren können. Im „Vinzenzhaus” arbeiten wir mit Alkoholikern, die willens sind, einen Entzug zu machen oder aus einem Entzug kommen. Dort herrscht die 0,0-Pro-mille-Grenze. W7ir haben eine sehr hohe Erfolgsquote.

DIEFURCHE: Ist die religiöse Betreuung Teil Ihres Angebotes? STROBL: Wir haben einen Priester, der sehr viel Erfahrung in der Arbeit mit Obdachlosen hat, auch eine eigene Caritas-Gemeinde, die sonntags Messe feiert. Jedes Haus hat eine Kapelle. Optimal wäre die Einbindung in die nächste Pfarre. Beligiöse Betreuung ist wichtig. Der erwähnte Priester sagt übrigens, daß die äußere Obdachlosigkeit mit einer inneren einhergeht.

DIEFURCHE: Gibt es noch Aktivitäten? STROBL: Arbeitsprojekte. Wir haben zwei Lager für gespendete Gegenstände: Möbel, Kleider, Hausrat ... Zum Teil verkauft sie die Caritas oder stellt sie Bedürftigen zur Verfügung. Diese Lager bieten aber auch Arbeitsplätze. In einem sind zwölf, im anderen sechs Langzeit-Arbeitslose beschäftigt. Auf diese Weise werden viele Menschen wieder befähigt, in eine andere Arbeit einzusteigen. Dann gibt es das Stadt-beisl „Inigo”. Dort arbeiten 17 Langzeit-Arbeitslose jeweils ein Jahr, die für eine Arbeit im Gastgewerbe angelernt werden. Immer wieder gelingt es, diesen Personen einen Arbeitsplatz zu vermitteln. Einer von ihnen arbeitet sogar in einem „Hauben”-Bestaurant.

DIEFURCHE: Gibt es bei dieser Arbeit nicht auch viel Mißerfolg? STROBL: Bei vielen ist der Weg in die Obdachlosigkeit sehr lang: Beziehungsprobleme, Arbeitsverlust, psy-schische Probleme ... Daher dauert auch der Weg heraus oft sehr lange. Das muß man jemandem zugestehen. Es gibt eben Versuche, die scheitern. W7enn es schief geht, zu sagen: „Du hast deine Chance gehabt, jetzt ist es aus”, ist unrecht. Wichtig ist, es wieder zu probieren. W7ir reichen den Leuten die Hände, verlangen aber, daß auch sie etwas zu tun bereit sind.

DIEFURCHE: Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie gemacht STROBL: Ich war sechs Jahre in der Beratung. Am Anfang habe ich schwer geschlafen. Man ist dauernd mit Problemen konfrontiert. Ein Sozialarbeiter wird ausgepowert. Es ist eine Tätigkeit, die einerseits sehr aufreibend ist, andererseits aber auch schöne Erfolgserlebnisse schenkt. Wichtig ist es, einen nicht verurteilenden Blick zu haben. Ich muß die Not und deren Geschichte kennenlernen. Daher würde ich jedem empfehlen: Bevor man abfällig urteilt, höre man sich zuerst die Geschichte an. Wir haben eine enorme Unkultur, was das Beden über andere Menschen anbelangt. Jeder soll sich fragen: Wie rede, wie denke ich über den anderen?

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