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Wirtschaft

Deutsche Reisewarnung für Wien: Vom Reiseziel zum Risikogebiet.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Coronakrise hat den Städtetourismus hart getroffen. Ob Familienbetrieb, Szenehotel oder Luxusunterkunft – ohne staatliche Hilfen müssten die meisten zusperren. Die FURCHE hat sich in Wien ein Bild von der Lage gemacht.

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Die Coronakrise hat den Städtetourismus hart getroffen. Ob Familienbetrieb, Szenehotel oder Luxusunterkunft – ohne staatliche Hilfen müssten die meisten zusperren. Die FURCHE hat sich in Wien ein Bild von der Lage gemacht.

Vor zwölf Monaten hätte Benedikt Komarek eine Wahrsagerin gebrauchen können. Hätte er geahnt, was auf ihn und sein Hotel zukommt, er hätte sofort eine Versicherung abgeschlossen – eine gegen die Folgen einer weltweiten Pandemie. Die konnte man 2019 noch zum Schnäppchenpreis ergattern. Der Posten war
ungefähr so nachgefragt wie eine Versicherung gegen „Meteoritenschäden“, eine „Zombie-Invasion“ oder die „Entführung durch Aliens“. Das Blatt hat sich bekanntermaßen gewendet. „Eine Versicherung, die pandemiebedingte Ausfälle für Hotels abdeckt, ist mittlerweile unbezahlbar geworden“, sagt der Chef vom „Umwelt- hotel Gallitzinberg“ in Wien-Ottakring, ein
Familienbetrieb in dritter Generation. Jänner 2020. Die Familie Komarek beruft eine Krisensitzung ein. Corona und China stehen auf der Agenda. Die Unternehmer hatten eine Geschäftsreise in die Volksrepublik geplant, wollten sich über innovative Tourismuskonzepte informieren. Der Trip platzt. China befindet sich im Lockdown. Doch das ist nicht das eigentliche Thema der Besprechung. „Man musste nur eins und eins zusammenzählen. Dass mittelfristig der Tourismus in Europa, und damit auch in Wien, von den Entwicklungen betroffen sein würde, war nur eine Frage der Zeit“, sagt Komarek. „Deshalb schnürten wir ein Maßnahmenpaket.“ Gebracht hatte es freilich nicht viel.

Umsatzeinbruch

Selbst die erfahrensten Simulationsexperten waren vom Ausmaß der Krise überrumpelt worden. Am Ende verloren zwei der drei Angestellten ihre Anstellung, der Betrieb musste für mehrere Wochen schließen. Erst im Frühsommer schien sich die Buchungslage wieder zu stabilisieren. Ein Silberstreif am Horizont. Ein vermeintlicher. Am 14. September sprach die Schweiz eine Reisewarnung für Wien aus. Zwei Tage später folgte Deutschland. Und weil deutschsprachige Touristen seit jeher zur Hauptklientel der Unternehmerfamilie zählen, schlägt sich die politische Entscheidung der Nachbarländer in den Zahlen nieder.


„Während wir vor einem Jahr zu rund 90 Prozent ausgelastet waren, sind wir es jetzt zu zehn Prozent“. Ans Zusperren denkt Komarek trotzdem nicht. Die finanziellen Hilfen seitens des Bundes und der Stadt Wien - Notfallfonds, Stundung, Übernahme von Haftungen, Kurzarbeitsmodell – federten das Worst-Case-Szenario bis dato ab. Schauplatzwechsel. Das „Hotel am Brillantengrund“ im 7. Wiener Gemeinde- bezirk. „Shabby Chic“ und Vintage-Look sind die Markenzeichen des Szene-Quartiers. Jeder zweite Gast kommt aus dem Kulturbereich. Wer hier nächtigt, verweilt für Dreharbeiten in Wien, tritt bei Musik- festivals auf oder verdient sein Geld in der Theaterbranche. Aber auch Partygänger oder Modebegeisterte zählen zum Stammpublikum. Betrieben wir der Kreativ- Hotspot von einem Trio: Geschäftsführer Marvin Mangalino zeichnet für Design und Marketing verantwortlich, Roselle Stranzinger leitet Rezeption und Service und ihr Mann Wolfgang kümmert sich um die Finanzen. Gerade letzteres ist in den vergangenen Monaten zu einer Herkulesaufgabe geworden. Als Bundeskanzler Kurz im März der Lockdown ausgerufen hatte, setzte sich Stranzinger sofort an den Computer, um sämtliche Anträge für die angekündigten Unterstützungen auszufüllen.