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Die Angst vor Souveränitätsverlusten sowie vor dem Bauernsterben überwiegt bei den Beitrittsgegnern.Bauern, Neutralität, Nettozahler

Franz Haidegger, Beamter der heeresverwaltung:

Drei Schwerpunkte - die EU betreffend stimmen mich nachdenklich. Erstens: einseitige Berichterstattung. Es wurden nie ernsthaft Alternativen überlegt, nie Konzepte entwickelt, wie es mit Osterreich weitergeht, wenn wir nicht dazugehen. Es wird gesagt durch den EWR-

Vertrag sind wir ohnehin schon zu 80 Prozent bei der EU! - Warum dann die Volksabstimmung? Nur wegen der verfassungsrechtlichen Bestimmungen? Zweitens: Sicherheitspolitische Überlegungen werden nur ausgerichtet nach der korrektiven Konfliktlösung und nicht nach der präventiven. Daher werden Konflikte heraufbeschworen, beziehungsweise provoziert, und die Sicherheit wird in vielen Bereichen besonders dann für ein Grenzland - das Österreich in Zukunft sein wird - in Frage gestellt. Drittens: Ausgrenzung der übrigen Europastaaten. Ein vereinigtes Europa soll allen Staaten die Möglichkeit zum Beitritt geben und nicht nur privilegierten Staaten, das heißt: ein Konzept für ganz Europa oder auch darüber hinaus wäre zu erarbeiten. Soll die Souveränität nur wegen einiger Länder, die der EU angehören, aufgegeben werden, und sollen dafür einige Berufsgruppen, etwa die Bauern und Volksgruppen geopfert werden? Aus diesen Gründen werde ich dagegen stimmen.

Leo Altmann, Bauer und Student: Sowohl als Bauer als auch als Student stimme ich gegen die EU. Denn für mich stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, Lebensmittel, die in großen Lebensmittelfabriken produziert werden, durch ganz Europa zu transportieren und danach den vorherrschenden Markt anhand von Förderungen zu unterbieten, und damit den einheimischen Markt zu ruinieren. Es werden durch den Apparat EU einige Arbeitsplätze geschaffen, jedoch gehen einige auch verloren, mit dem Ergebnis, daß es nur zu einer Umverteilung bei den Arbeitsplätzen kommt. Am Umweltschutzsektor ist Österreich sicher eines der fortschrittlichsten Länder am Europäischen Markt. Nun ist es fraglich, ob Neuerungen und Gesetze so schnell durchgesetzt werden können. Auch ist zu berücksichtigen, daß Österreich ein „Nettozahler” ist, wir werden in den EU-Topf viel einzahlen, und wenn es Brüssel gefällt, bekommen wir auch etwas zurück. Wir müssen über einen Markt abstimmen, der sich in den nächsten Jahren noch stark ändern wird, etwa durch den Beitritt Norwegens, Schwedens, ehemalige Ostblockstaaten und anderer. Wenn die Schnellen die Langsamen fressen, wie ein Werbeslogan lautet, heißt das, daß wir in dieser schnellebigen Zeit noch schneller die Kleinen „fressen” müssen.

Rudolf Halbmayr, Landwirt: Als Bauer mit Pflichtschulbildung und gesundem Hausverstand verstehe ich unsere Herren Politiker und zum Teil auch hohen Würdenträger der Kirche nicht, daß sie in ungebremster Eile und ohne „Wenn und Aber” in den großen Ozean der EU hineinwollen. Man gibt den Bauern ganz deutlich zu verstehen, daß sie vier Jahre lang künstlich am Leben erhalten werden, nachher aber neun von zehn landwirtschaftliche Betriebe „wohl oder übel” dem Tod entgegensteuern. Ich frage mich, wie es dann in zehn Jahren mit unserer bäuerlichen Kultur und Landschaft bestellt sein wird? Auch Bauern sind Menschen und werden auf Dauer keine billigen Landschaftspfleger abgeben. Ich möchte da ein altes Sprichwort in Erinnerung bringen, das nicht ganz von der Hand zu weisen ist: „Stirbt der Bauernstand, stirbt das ganze Land”. Man kann nur hoffen und beten, daß dies nicht Realität wird. Wenn man als Konsument anstatt landwirtschaftlicher Produkte, nur mehr von der Agrar-industrie erzeugte, zum Teil manipulierte Lebensmittel vorfindet, so werden diese aber kaum nennenswert billiger sein. Anstelle von Bauern wird es Agrarriesen geben, Klein-und Mittelbetriebe werden untergehen, die Armen ärmer, die Reichen reicher. Im Hinblick auf Außenschutz möchte ich unsere mit viel Glück erworbene Neutralität nicht außer acht lassen. Würde in Österreich, so wie in Ex-Jugoslawien eine Raubrittermethode ausbrechen, würden wir mit und ohne EU im Stich gelassen werden. Daher stehen den katastrophalen Auswirkungen eines EU-Beitritts kaum nennenswerte Vorteile gegenüber. Ich verlasse mich auf meinen Hausverstand.

Franz Forster, Publizist: Europa sollte ein Zusammenwirken nicht nur in den Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, sondern auch auf anderen Gebieten aufweisen (Wissenschaft, Kultur, Weltbild, Religionen, Mannigfaltigkeit in der Einigkeit, Minoritätenfrage, Friedensicherung, Einstellung der übrigen Welt gegenüber...). Davon ist noch kaum die Rede. Nach wie vor befürchte ich, daß nicht nur kleinere Staaten wie Österreich, sondern insgesamt die Teilnehmerstaaten von Majoritäten beziehungsweise dahinterstehenden Interessen einfach überfahren werden. Ich befürchte eine starke

Verschlechterung der sozialen, arbeitsrechtlichen und Umwelt-Standards. Ich kann nicht verstehen, weshalb nun die Prinzipien der industriellen Wirtschaft, des Wachstums, Verkehrs und der Gigantoma-nie, die schon so viel Schaden über Menschen und Umwelt gebracht haben, problemlösend sein sollen. Mir kommt vor, daß bei den Beitrittsverhandlungen viel mehr herauszuholen gewesen wäre. Nicht im Sinn eines individuellstaatlichen Egoismus, sondern eine Gewinnung konstruktiver Kriterien des Zusammenlebens von Staaten und Völkern. Tiefe Skepsis erfüllt mich, wie Regierung und Medien die EU-Frage behandeln. Hier wird vielfach zugunsten eines EU-Beitritts rücksichtslose Meinungsmache - mit Druck, Diffamierung, Ängsten, Versprechung eines goldenen Zeitalters - betrieben. Deshalb werde ich, im ernstlichen Zweifelsfall - mit „Nein” stimmen.

Heidi Tomasch, Lehrerin: Ich werde gegen den EU-Beitritt stimmen, weil wir Netto-Zahler sein würden und keiner sagen kann, wieviel wir an Förderungen wirklich bekommen könnten. Wir würden bei EURATOM dabei sein und die Entwicklung von Atomkraftprojekten mitfinanzieren, obwohl wir nicht auf die Kernkraft setzen. Sicherheitspolitisch käme es früher oder später zu einer Aufgabe der Neutralität. Und der freie Grund verkehr würde zu einem Ausverkauf an Ausländer und zu Bodenspekulationen führen, wobei die Österreicher die hohen Preise nicht zahlen könnten.

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