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Wirtschaft

Die Arbeit am großen Forst

1945 1960 1980 2000 2020
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Für mehr als 145.000 Österreicher ist Wald eine zumeist spärliche Einkunftsquelle. Doch der Wert der Forstarbeit ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Für manch einen ist der Wald zum Sinn und Inhalt geworden. Eine Reportage.

"So ein großer Liebling“, sagt Hans Lennkh und umschlingt eine 30 Meter hohe Buche, 120 Jahre alt und damit doppelt so lange auf der Welt wie er. Die Buche steht inmitten seines Waldes, genauer gesagt seines Schutzwaldes, der rund die Hälfte des 250 Hektar umfassenden Forstbetriebes im oberösterreichischen Weyregg einnimmt. Und sie steht gefährlich, denn das Gelände hat eine Hangneigung von bis zu 80 Prozent, der Boden besteht großteils aus Flysch, einem sehr rutschfreudigen Sedimentgestein. Als ob das nicht schon genügen würde, verläuft direkt unterhalb des Waldes eine Bundesstraße, die vor allem im Sommer häufig befahren wird - immerhin führt sie direkt am Attersee entlang.

Viel Zeit für Naturgenuss bleibt dem Waldbesitzer aber nicht. Zu groß ist die Verantwortung seiner Arbeit, denn wenn sich die Buche und damit zehn Tonnen Gewicht Richtung Tal aufmachen, weiß Lennkh: "Da gibt es nichts, was den Baum hält.“ Je älter der Baum, desto wahrscheinlicher wird ein derartiges Horrorszenario. "Mein Ziel ist ja letztendlich, keine Bestände über 100 Jahre zu haben. Das sind noch alte Reserven, aber je schwieriger das Gelände ist, desto schwerer und später kommt man zur Nutzung.“ Hangrutschung, Schneeschub und Steinschlag sind nur einige der Gefährdungen im Schutzwald.

Zum Schutz vor Erdrutschen setzt Lennkh auf Vielfalt und Tiefwurzler: "Die Lärche mit ihren Pfahlwurzeln wirkt in den Beständen stabilisierend. Die Fichte, ein Flachwurzler, ist hier weniger interessant. Die Buche hat Herzwurzeln, ist ebenfalls tiefwurzelnd“, zählt Lennkh auf. Gesetzt wird nach dem Grundsatz: "Wir fördern hier, was die Natur am besten bringt, das ist etwa die Buche, die hier beste Bedingungen vorfindet.“ Ein "Buchenoptimum“ nennt Lennkh den Fachbegriff dafür. Etwa die Hälfte seiner Holzvorräte ist Buchenholz.

Holz als Gewinnbranche

Weniger optimal schneidet das Holz ab, wenn es um den Ertrag geht: "Als Bestpreis bekomme ich für Buche 54 Euro je Festmeter. Bei Nadelholz liegt der Durchschnittspreis etwa bei rund 70 Euro, noch dazu wächst es schneller, ist leichter zu bewirtschaften.“ Kein Wunder also, dass der österreichische Holzvorrat zu 80 Prozent aus Nadelbäumen besteht. Die Land und Forst Betriebe Österreich bejubeln 2010 als Gewinnjahr aufgrund höherer Holzpreise. Lennkh stellt dagegen ernüchternd fest: "Die Preise sind zwar besser als in den vergangenen Jahren, befinden sich aber generell auf dem Niveau der 90er Jahre, mit dem Unterschied, dass die Bewirtschaftungskosten seither gestiegen sind.“ Er hat nach Jahren der Verluste zu seiner Freude 2009 ein positives Ergebnis erwirtschaftet: "Weil ich mit beiden Füßen auf der ausgabenseitigen Bremse gestanden bin“, erklärt er und fügt an: "Wenn man permanent rote Zahlen schreibt, läuft man Gefahr, dass das Finanzamt den Betrieb als Voluptuar, als Liebhaberei, einstuft. Ich lege aber Wert darauf, zu wirtschaften.“

Lennkh ist, was seine Waldbewirtschaftung betrifft, zweigeteilt, denn sein Schutz- und sein Wirtschaftswald benötigen jeweils andere Arbeitsstrategien: "Nicht mehr der wirtschaftliche Erfolg von der nächsten Generation ist maßgeblich, sondern der Schutz der untenliegenden Bundesstraße“, erklärt Lennkh das Schutzwaldprinzip. Nur, wenn aus dem Schutzwald kein Ertrag erwirtschaftet werden kann, woher soll dann das Geld genommen werden für die Pflegemaßnahmen? Eine Frage, die auch Lennkh bisweilen Kopfzerbrechen schafft und ihn zum Entschluss veranlasst hat, den Schutzwald unter Bann legen zu lassen. Der Bannwald hat den Vorteil, dass ein Begünstigter - in dem Fall die Straße und damit das Land Oberösterreich - Kosten, die über dem Ertrag liegen, übernimmt. Einen Strich durch die Rechnung macht ihm derzeit eine Pflanze, die prächtig gedeiht und die Kronen der zehn- bis 20-jährigen Mischwaldbestände am Waldhang überwuchert. Waldrebe nennt sich besagte Pflanze, auch bekannt unter dem Stichwort "Ich Tarzan, du Jane“, wie Lennkh lachend erklärt: "eine Liane“.

Pflege und Schutzwald

Das Lachen kann ihm bisweilen vergehen, derzeit versucht ein Arbeitstrupp aus Deutschland, das Gewächs zu minimieren. In bisher mehr als 500 Stunden haben Arbeiter im steilen Gelände die Waldrebe Strang für Strang von der Krone auf den Boden geholt und dort zu Lianenknäuel verwickelt. "Einfach nur abschneiden geht leider nicht, da die Liane dann nur umso schneller wieder austreibt“, weiß Lennkh aus Erfahrung. Stattdessen sollen die Waldrebenknäuel unter dem baldigen Blätterdach ein Schattendasein fristen.

In Österreich fallen mehr als 20 Prozent der Waldfläche unter die Kategorie Schutzwald. Ohne sie müssten jährlich rund 600 Millionen Euro zusätzlich für technische Verbauungen ausgegeben werden. Insgesamt besteht nahezu die Hälfte der Staatsfläche aus Wald, 80 Prozent davon sind in privaten Händen. Zu den 145.000 privaten Waldbesitzern zählen neben Hans Lennkh auch der Präsident der Land und Forst Betriebe Österreich, Felix Montecuccoli (siehe unten). Beide sind Großwaldbesitzer, mit mehr als 200 Hektar. Mehr als die Hälfte der Waldeigentümer sind jedoch sogenannte Kleinwaldbesitzer, bewirtschaften unter 200 Hektar, oft im Nebenerwerb, oder nur wenige Hektar Wald als aussetzender Betrieb, also etwa nur alle zehn Jahre.

Für Montecuccoli ist Österreichs Waldstruktur geprägt von "traditionsreichen Familienbesitzen“, Eigentum das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Rechtzeitig zu übergeben, sei ein wesentlicher Teil einer "gelebten Nachhaltigkeit“: "Waldbewirtschafter haben die einmalige Gelegenheit, sich ein eigenes Denkmal zu schaffen. Wir haben es selbst in der Hand, ob unser Enkel einmal im Wald stehen wird, sich den Wald ansieht und begeistert sagen wird: Ja, das war der Opa.“

Die größten Familienbetriebe in Österreich tragen Namen wie Mayr-Melnhof oder Esterházy, mit Bewirtschaftungsflächen von mehr als 20.000 Hektar. Der allergrößte Forstbetrieb, die Österreichischen Bundesforste, hat eine halbe Million Hektar Wald. Hans Lennkh hat mit seinen 250 Hektar schon genug zu tun: An der Kuppe seines Waldberges, mitten im Wirtschaftswald, hat der Wind in den vergangenen Jahren nach und nach den Bestand der Fichtenmonokultur umgefegt, Bäume im Alter von 40 bis 60 Jahren. Eine "alte Sünde“, beschreibt Lennkh den Bestand: "In den 50er bis 70er Jahren hat man einfach nach der Ertragslehre gesetzt: Fichte bringt am schnellsten die erwünschte Holzmasse und den höchsten Ertrag.“ Mit dem Ertrag der umgefegten, daher minderwertigeren Fichtenholzteile finanzierte Lennkh die Aufräumarbeiten - ein Nullsummenspiel.

Wieso er trotzdem weitermacht? "Auf der einen Seite Idealismus, auf der anderen Seite in der Familie fortgeführte Tradition.“ Ende 2012 wird er den Waldbesitz seiner 34-jährigen Tochter Cordula übergeben, die derzeit an der Universität für Bodenkultur ihr Doktorrat in tropischer Forstwirtschaft macht. Aber auch dann wird der passionierte Forstbetreiber noch seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: "Man muss das tun, was man gerne macht. Am liebsten bin ich jeden Tag im Wald.“

Für mehr als 145.000 Österreicher ist Wald eine zumeist spärliche Einkunftsquelle. Doch der Wert der Forstarbeit ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Für manch einen ist der Wald zum Sinn und Inhalt geworden. Eine Reportage.

"So ein großer Liebling“, sagt Hans Lennkh und umschlingt eine 30 Meter hohe Buche, 120 Jahre alt und damit doppelt so lange auf der Welt wie er. Die Buche steht inmitten seines Waldes, genauer gesagt seines Schutzwaldes, der rund die Hälfte des 250 Hektar umfassenden Forstbetriebes im oberösterreichischen Weyregg einnimmt. Und sie steht gefährlich, denn das Gelände hat eine Hangneigung von bis zu 80 Prozent, der Boden besteht großteils aus Flysch, einem sehr rutschfreudigen Sedimentgestein. Als ob das nicht schon genügen würde, verläuft direkt unterhalb des Waldes eine Bundesstraße, die vor allem im Sommer häufig befahren wird - immerhin führt sie direkt am Attersee entlang.

Viel Zeit für Naturgenuss bleibt dem Waldbesitzer aber nicht. Zu groß ist die Verantwortung seiner Arbeit, denn wenn sich die Buche und damit zehn Tonnen Gewicht Richtung Tal aufmachen, weiß Lennkh: "Da gibt es nichts, was den Baum hält.“ Je älter der Baum, desto wahrscheinlicher wird ein derartiges Horrorszenario. "Mein Ziel ist ja letztendlich, keine Bestände über 100 Jahre zu haben. Das sind noch alte Reserven, aber je schwieriger das Gelände ist, desto schwerer und später kommt man zur Nutzung.“ Hangrutschung, Schneeschub und Steinschlag sind nur einige der Gefährdungen im Schutzwald.

Zum Schutz vor Erdrutschen setzt Lennkh auf Vielfalt und Tiefwurzler: "Die Lärche mit ihren Pfahlwurzeln wirkt in den Beständen stabilisierend. Die Fichte, ein Flachwurzler, ist hier weniger interessant. Die Buche hat Herzwurzeln, ist ebenfalls tiefwurzelnd“, zählt Lennkh auf. Gesetzt wird nach dem Grundsatz: "Wir fördern hier, was die Natur am besten bringt, das ist etwa die Buche, die hier beste Bedingungen vorfindet.“ Ein "Buchenoptimum“ nennt Lennkh den Fachbegriff dafür. Etwa die Hälfte seiner Holzvorräte ist Buchenholz.

Holz als Gewinnbranche

Weniger optimal schneidet das Holz ab, wenn es um den Ertrag geht: "Als Bestpreis bekomme ich für Buche 54 Euro je Festmeter. Bei Nadelholz liegt der Durchschnittspreis etwa bei rund 70 Euro, noch dazu wächst es schneller, ist leichter zu bewirtschaften.“ Kein Wunder also, dass der österreichische Holzvorrat zu 80 Prozent aus Nadelbäumen besteht. Die Land und Forst Betriebe Österreich bejubeln 2010 als Gewinnjahr aufgrund höherer Holzpreise. Lennkh stellt dagegen ernüchternd fest: "Die Preise sind zwar besser als in den vergangenen Jahren, befinden sich aber generell auf dem Niveau der 90er Jahre, mit dem Unterschied, dass die Bewirtschaftungskosten seither gestiegen sind.“ Er hat nach Jahren der Verluste zu seiner Freude 2009 ein positives Ergebnis erwirtschaftet: "Weil ich mit beiden Füßen auf der ausgabenseitigen Bremse gestanden bin“, erklärt er und fügt an: "Wenn man permanent rote Zahlen schreibt, läuft man Gefahr, dass das Finanzamt den Betrieb als Voluptuar, als Liebhaberei, einstuft. Ich lege aber Wert darauf, zu wirtschaften.“

Lennkh ist, was seine Waldbewirtschaftung betrifft, zweigeteilt, denn sein Schutz- und sein Wirtschaftswald benötigen jeweils andere Arbeitsstrategien: "Nicht mehr der wirtschaftliche Erfolg von der nächsten Generation ist maßgeblich, sondern der Schutz der untenliegenden Bundesstraße“, erklärt Lennkh das Schutzwaldprinzip. Nur, wenn aus dem Schutzwald kein Ertrag erwirtschaftet werden kann, woher soll dann das Geld genommen werden für die Pflegemaßnahmen? Eine Frage, die auch Lennkh bisweilen Kopfzerbrechen schafft und ihn zum Entschluss veranlasst hat, den Schutzwald unter Bann legen zu lassen. Der Bannwald hat den Vorteil, dass ein Begünstigter - in dem Fall die Straße und damit das Land Oberösterreich - Kosten, die über dem Ertrag liegen, übernimmt. Einen Strich durch die Rechnung macht ihm derzeit eine Pflanze, die prächtig gedeiht und die Kronen der zehn- bis 20-jährigen Mischwaldbestände am Waldhang überwuchert. Waldrebe nennt sich besagte Pflanze, auch bekannt unter dem Stichwort "Ich Tarzan, du Jane“, wie Lennkh lachend erklärt: "eine Liane“.

Pflege und Schutzwald

Das Lachen kann ihm bisweilen vergehen, derzeit versucht ein Arbeitstrupp aus Deutschland, das Gewächs zu minimieren. In bisher mehr als 500 Stunden haben Arbeiter im steilen Gelände die Waldrebe Strang für Strang von der Krone auf den Boden geholt und dort zu Lianenknäuel verwickelt. "Einfach nur abschneiden geht leider nicht, da die Liane dann nur umso schneller wieder austreibt“, weiß Lennkh aus Erfahrung. Stattdessen sollen die Waldrebenknäuel unter dem baldigen Blätterdach ein Schattendasein fristen.

In Österreich fallen mehr als 20 Prozent der Waldfläche unter die Kategorie Schutzwald. Ohne sie müssten jährlich rund 600 Millionen Euro zusätzlich für technische Verbauungen ausgegeben werden. Insgesamt besteht nahezu die Hälfte der Staatsfläche aus Wald, 80 Prozent davon sind in privaten Händen. Zu den 145.000 privaten Waldbesitzern zählen neben Hans Lennkh auch der Präsident der Land und Forst Betriebe Österreich, Felix Montecuccoli (siehe unten). Beide sind Großwaldbesitzer, mit mehr als 200 Hektar. Mehr als die Hälfte der Waldeigentümer sind jedoch sogenannte Kleinwaldbesitzer, bewirtschaften unter 200 Hektar, oft im Nebenerwerb, oder nur wenige Hektar Wald als aussetzender Betrieb, also etwa nur alle zehn Jahre.

Für Montecuccoli ist Österreichs Waldstruktur geprägt von "traditionsreichen Familienbesitzen“, Eigentum das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Rechtzeitig zu übergeben, sei ein wesentlicher Teil einer "gelebten Nachhaltigkeit“: "Waldbewirtschafter haben die einmalige Gelegenheit, sich ein eigenes Denkmal zu schaffen. Wir haben es selbst in der Hand, ob unser Enkel einmal im Wald stehen wird, sich den Wald ansieht und begeistert sagen wird: Ja, das war der Opa.“

Die größten Familienbetriebe in Österreich tragen Namen wie Mayr-Melnhof oder Esterházy, mit Bewirtschaftungsflächen von mehr als 20.000 Hektar. Der allergrößte Forstbetrieb, die Österreichischen Bundesforste, hat eine halbe Million Hektar Wald. Hans Lennkh hat mit seinen 250 Hektar schon genug zu tun: An der Kuppe seines Waldberges, mitten im Wirtschaftswald, hat der Wind in den vergangenen Jahren nach und nach den Bestand der Fichtenmonokultur umgefegt, Bäume im Alter von 40 bis 60 Jahren. Eine "alte Sünde“, beschreibt Lennkh den Bestand: "In den 50er bis 70er Jahren hat man einfach nach der Ertragslehre gesetzt: Fichte bringt am schnellsten die erwünschte Holzmasse und den höchsten Ertrag.“ Mit dem Ertrag der umgefegten, daher minderwertigeren Fichtenholzteile finanzierte Lennkh die Aufräumarbeiten - ein Nullsummenspiel.

Wieso er trotzdem weitermacht? "Auf der einen Seite Idealismus, auf der anderen Seite in der Familie fortgeführte Tradition.“ Ende 2012 wird er den Waldbesitz seiner 34-jährigen Tochter Cordula übergeben, die derzeit an der Universität für Bodenkultur ihr Doktorrat in tropischer Forstwirtschaft macht. Aber auch dann wird der passionierte Forstbetreiber noch seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: "Man muss das tun, was man gerne macht. Am liebsten bin ich jeden Tag im Wald.“