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Die Dioxin-Mahlzeit

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Dioxin in der Nahrung - kurzes Erschrecken. Nun holt uns der Alltag wieder ein. Welche Lehren wären aus der Affäre zu ziehen?

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Dioxin in der Nahrung - kurzes Erschrecken. Nun holt uns der Alltag wieder ein. Welche Lehren wären aus der Affäre zu ziehen?

Die Fakten sind mittlerweile bekannt: Im Norden Belgiens erkrankten zunächst die Hühner und legten kaum mehr Eier. Untersuchungen ergaben: Das verwendete Mischfutter wies hohe Dioxinwerte auf. Seit Mitte März waren die belgischen Behörden mit der Hiobsbotschaft konfrontiert, verständigten die EU-Kommission jedoch erst Ende Mai. Diese reagierte rasch, verhängte Verkaufsverbote auf eine breite Palette belgischer Produkte: Geflügel, Schweine, Rinder, Milchprodukte, Eier, Fette ...

Ein schwerer Rückschlag für das Land: Exportverbote, Tierschlachtungen (allein rund 8,5 Millionen Hühner). Für Belgiens Agrar- und Lebensmittelerzeugung ein geschätzter täglicher Schaden von 140 Millionen Schilling, mehr als zehn Milliarden bisher. Ein Rückgang des Wachstums (um mindestens drei Prozentpunkte) wird vorhergesagt, Stornos gibt es im Fremdenverkehr ...

Wie das Dioxin in das Futter gelangen konnte, ist nicht restlos geklärt. Die EU-Ermittler halten fest: Das Handling des dem Futter zugesetzten wiederaufbereiteten Altspeiseöls sei mangelhaft gewesen, verschmutzte Fässer seien ins heiße Öl getaucht, nicht gereinigte Transportmittel verwendet worden. Aber was genau geschah, weiß man nicht. Klar ist auch: Die Behörden haben die Sache verschleppt, und die EU-Kommission viel zu spät verständigt - erst nachdem eine Journalistin die Angelegenheit aufgedeckt hatte.

Nun spricht man von der größten Lebensmittelkrise aller Zeiten in der EU. Österreichs Landwirtschaftsminister fordert strengere Kontrollen. Der Ruf nach Errichtung einer EU-Lebensmittelbehörde wird laut. Doch langsam klingt das Interesse am Thema ab. Die Konsumenten haben es satt, vor leeren Regalen zu stehen, die Schlagzeilen wenden sich anderen Themen zu, die Kommentatoren haben ihre Analysen deponiert, die Lobbys drängen auf Normalisierung ...

War alles also nur eine einmalige Panne, wie es die belgischen Behörden darzustellen versuchen? Nein, wie die Probleme der belgischen Coca-Cola-Abfüllung in Dünnkirchen zeigen: 300 Konsumenten von Getränken des Konzerns erkrankten in Belgien und Frankreich. Schuld daran dürften Fungizide sein, die mit dem Kohlendioxid in die Getränke gelangten. Auch wird man nur schwer dem Versagen belgischer Einrichtungen alle Schuld zuschieben können. Denn noch sind die Erinnerungen an den BSE-Skandal, der seinen Ausgang in Großbritannien nahm, wach - oder an den Skandal mit gepanschtem Olivenöl in Spanien. Dieser forderte sogar Todesopfer.

Man wird auch nicht nur einige schwarze Schafe in der Branche verantwortlich machen können. Denn trotz aller Gaunereien und allem Versagen der Behörden ist grundsätzlich festzustellen: Es geht um das System der industriellen Lebensmittelherstellung zu Dumpingpreisen. Dieses führt nicht nur Gauner in Versuchung, sondern verführt auch die Redlichen zur Fahrlässigkeit.

Man muß den Nahrungsmittelherstellern gar keinen bösen Willen unterstellen. Im Gegenteil: Weltfirmen wie Coca-Cola haben jedes Interesse daran, daß ihre Produkte nur ja nicht in ein schiefes Licht geraten. Aber durch die Rahmenbedingungen des Wirtschaftens sind Pannen vorprogrammiert. Kosten-, Preis- und Zeitdruck begünstigen nun einmal weder eine gediegene Herstellung der Waren noch besondere Sorgfalt bei deren Transport und Lagerung.

Zu niedrige Preise Das Angebot an Nahrungsmitteln richtet sich vor allem nach den Erfordernissen der großen Einkaufssysteme. Und diese sind auf Schleuderpreise und große Haltbarkeit ausgerichtet. Niedrige Preise erzielt die industriell betriebene Landwirtschaft, die mit Bioziden, Kunstdünger, Medikamenten und Hormonen großzügig umgeht. Und all das geht an den Produkten nicht spurlos vorüber. Die Debatten über das Dioxin in belgischen Produkten sollten uns nicht übersehen lassen, daß unsere Lebensmittel nicht primär durch dieses Ultragift bedroht sind. Stärker ins Gewicht fällt all das, was zur billigen Herstellung und Haltbarmachung der Waren, für deren weite Reisen und langen Aufenthalt in den Regalen eingesetzt wird. Denn von Natur aus bringen sie diese Eigenschaften nur beschränkt mit. Wer sich über den Inhalt so mancher Produkte informiert, lernt das Gruseln.

Über die Gefahren des Dioxins sind wir seit der Seveso-Katastrophe informiert. Aber bei wievielen Stoffen, die unsere Lebensmittel haltbar machen oder verschönern, steht so eine Erfahrung noch aus?

Die Dioxin-Krise hat auch ihr Gutes, wenn sie uns, den Konsumenten, sowie den politischen Entscheidungsträgern in Erinnerung ruft, daß die Lebensmittelproduktion vom Weg abgewichen ist, nämlich "Lebens-Mittel" herzustellen. Diese sind nun einmal nicht Produkte wie Autos, Computer oder Glühbirnen, deren industrielle Erzeugung nichts an deren Qualität ändert. Es ist einfach ein Unsinn, alles, was wirtschaftlichen Ertrag abzuwerfen vermag, nach denselben Spielregeln und nur nach dem Kriterium der Gewinnträchtigkeit zu behandeln.

Nach mehr Kontrolle, höheren Strafen für Vergehen, noch genaueren Analysen zu rufen, ist naheliegend, löst das eigentliche Problem aber nicht. Denn letztlich geht es um eine Änderung der wirtschaftlichen Spielregeln, die dazu führt, daß Nahrungsmittel nicht durch die ganze Welt gekarrt oder geflogen, sondern in der Nachbarschaft der Konsumenten erzeugt werden. Das fördert das Verantwortungsbewußtsein der Erzeuger, verringert die Notwendigkeit der künstlichen Präparierung der Produkte, es erleichtert die Kontrollen, das Erkennen von Schäden und reduziert deren Ausmaß. Dann leidet eben nicht mehr die Landwirtschaft mehrerer Länder an den Folgen der Nachlässigkeit einzelner.

Die nächste Welthandelsrunde, in der es um eine weitere Liberalisierung der Agrarmärkte geht, wäre eine Gelegenheit zu zeigen, daß man aus der BSE- und Dioxin-Affäre gelernt hat. Wetten, daß bis dahin alles wieder vergessen ist!

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