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"Die Kuh wird langsam zur ,Sau' gemacht ..."

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BSE, Maul- und Klauenseuche: Ist die Landwirtschaft zu Recht im Kreuzfeuer der Kritik? Gespräch mit einem Experten der Nutztierforschung.

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BSE, Maul- und Klauenseuche: Ist die Landwirtschaft zu Recht im Kreuzfeuer der Kritik? Gespräch mit einem Experten der Nutztierforschung.

die furche: BSE, Maul- und Klauenseuche: Wird das Rind zum Problemtier?

Alfred Haiger: Solche Schlagzeilen zeigen: Die Kuh - besser gesagt das Rind - ist ins Gerede gekommen. Ursache der schädlichen Folgen ist aber nicht das Tier an sich, sondern es liegt im widernatürlichen Handeln des gewinnmaximierenden Menschen. Die Krankheit hat ihren Ursprung im System der industriellen Landwirtschaft. Wer aber Kühe mag und sich 35 Berufsjahre mit ihrer naturgemäßen Zucht, Fütterung und Haltung beschäftigt hat wie ich, kann sich über die offensichtliche Verdrehung der "Täter-Opferrolle" nur wundern.

die furche: Ist nicht der Konsument das Opfer?

Haiger: Ein Opfer der Medien. Denn dass der Rindfleischkonsum in Österreich mindestens so stark zurückgegangen ist, wie in den Ländern, in denen es tatsächlich BSE-Fälle gab, ist vor allem ein Medien-Skandal. Die Wahrscheinlichkeit, dass in Österreich keine BSE-Fälle auftreten ist hoch.

die furche: Sie sprechen von Opferrolle: Wer ist nun eigentlich wessen Opfer?

Haiger: In den letzten vier Jahrzehnten hat sich am Prinzip der Landbewirtschaftung mehr geändert als in Jahrhunderten vorher. Die bäuerliche, humusvermehrende Kreislaufwirtschaft wurde von der humusverzehrenden, industriellen Landwirtschaft verdrängt. Das führt in den westlichen Industriestaaten zu enormen Nahrungsmittelüberschüssen, die den Eindruck erwecken könnten - und viele glauben es auch tatsächlich -, dass unser derzeitiges System der Landbewirtschaftung äußerst effektiv und rational sei. In Wirklichkeit basiert die moderne Landwirtschaft auf der Verfügbarkeit von billigem Erdöl. Und dieses wird es nicht für alle Zukunft geben. Darauf hat schon E.F. Schumacher 1980 hingewiesen.

die furche: In Österreich gibt es doch keine industrialisierten Landwirtschaft...

Haiger: Als EU-Mitglied ist für uns die Gemeinsame Agrapolitik der EU entscheidend. Sie schafft zwar Arbeitsplätze und Gewinne für Industrie und Handel mit Dünge-, Spritz- und Futtermitteln, Maschinen, Stalleinrichtungen, Saatgut oder Zuchttieren. Sie berücksichtigt aber den Boden nicht als "lebenden Organismus", das trinkbare Grundwasser nicht als unverzichtbare Voraussetzung menschlichen Lebens und das landwirtschaftliche Nutztier nicht als Geschöpf mit einem Recht auf artgemäße Haltung. Das hat Folgen etwa für den Nutztierschutz. So mussten etwa seit dem EU-Beitritt die Obergrenzen für Tierbestände pro Betrieb - sie wirken gegen Massentierhaltung - und die Besteuerung von Handelsdünger aufgegeben werden. Das vorbildliche österreichische Tiertransportgesetz (es sieht eine Beförderung während maximal sechs Stunden über höchtens 130 Kilometer vor) musste im Gefolge einer EU-Klage aufgegeben werden.

die furche: Wie wirken sich nun die Spielregeln der - wie Sie es nennen - industrialisierten Landwirtschaft beispielsweise auf die Rinderzucht aus?

Haiger: Sie ist auf höchste Individualleistungen ausgerichtet. Aus ökonomischer Sicht ist es daher angebracht, ein möglichst günstige Relation zwischen Leistung einerseits und Futter-, Arbeits- und Stallplatzkosten andererseits zu erzielen. Denn durch die Leistungssteigerung können Fixkosten drastisch reduziert werden. Daher ist es wirtschaftlich, die Leistung zu steigern - allerdings nicht unbegrenzt.

die furche: Wo liegt eine sinnvolle Grenze der Leistungssteigerung?

Haiger: Um diese Frage zu beantworten, muss ich auf folgendes hinweisen: Um höhere Leistungen zu erzielen, muss man den Anteil des Kraftfutters auf Kosten des Grundfutters steigern. Durch Kraftfutterzukauf wird aber mehr Stickstoff "importiert", als durch Milch- und Viehverkauf vom Hof "exportiert" wird. Und das ist schädlich, denn aus ökologischer Sicht ist da ein Gleichgewicht anzustreben. Und so gibt es aus ökologischer Sicht eine "verantwortbare Grenze" der Leistungssteigerung, die bei 6.000 bis 7.000 Kilo Milch je Kuh und Jahr liegt, für einzelne Kühe auch einmal 8.000. Darüber hinaus nimmt der Kraftfutterverbrauch progressiv zu und der Stickstoffeintrag ins Grundwasser beginnt auch in Grünlandgebieten bedenklich zu werden.

die furche: Wieviel Milch geben denn Kühe heute im Allgemeinen?

Haiger: In Österreich liegen die höchsten Stalldurchschnitte bei 10.000 Kilo. In Nordamerika - auch in Herden mit einigen Hundert Kühen - bei 12.000 Kilo. Und der Weltrekord beträgt bereits über 30.000 Kilo Milch pro Kuh und Jahr. Würden die Kühe statt wie derzeit in Österreich 4.500 Kilo auf eine Jahresleistung von 10.000 Kilo gebracht, bräuchte man um 60 Prozent weniger Kühe. Dann würde nur mehr ein Drittel der Grünlandfläche benötigt, aber die dreifache Menge an Kraftfutter. Damit würde die Kuh zur "Sau" gemacht werden und zwei Drittel der Erholungslandschaft würden verwildern ...

die furche: Was soll das bedeuten: "Die Kuh zur Sau machen"?

Haiger: Das Rind ist als Wiederkäuer in der Lage, rohfaserreiches Futter vom Grünland in die hochwertigen Lebensmittel Fleisch und Milch umzusetzen. Dabei ist die Kuh bei der Umwandlung von Futter in Milcheiweiß besonders effektiv. So gesehen ist die Milchwirtschaft und die Mutterkuhhaltung eine besonders ökologische Form der Landbewirtschaftung im Grünland. Werden nun Heu, Gras und Silage durch zugekauftes Getreide, also durch Kraftfutter, verdrängt, so wird die Kuh fütterungsmäßig zur Sau gemacht mit allen verdauungsphysiologischen Nachteilen für die Kuh aber auch mit ökologischen Folgen für das Grundwasser - den schon erwähnten Nitrateintrag - und die mangelnde Landschaftspflege. Es hängt also ganz davon ab, welche Art von Landwirtschaft wir betreiben. Und so gesehen ist der "Rinderwahn", von dem heute alles spricht, eigentlich ein "Menschenwahn", denn Kühe würden als Pflanzenfresser freiwillig nie Fleisch, das man ihnen in Form von Tiermehl als Eiweißfutter zugeführt hat, verzehren.

die furche: Für welche Alternative plädieren Sie?

Haiger: In der heutigen Situation ist der biologische Landbau schlechthin die Alternative zu diesem absurden, ökologisch ruinösen, gesundheitsgefährdeten und kostspieligen System. Der Biolandbau sollte im viel zitierten Ökoland Österreich nicht mit einem Sparpaket belastet werden. Denn er beruht auf der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, einer artgemäßen Viehwirtschaft und pflegt gleichzeitig die gewachsene Kulturlandschaft. Er hilft die wesentlichen Lebensgrundlagen: Boden, Wasser, Luft zu erhalten.

die furche: Man könnte ja die BSE-Ängste nutzen, um die Weichen in der Agrarpolitik neu zu stellen ...

Haiger: Das würde ein Bündel von Maßnahmen verlangten: eine rigorose Produktionsbeschränkung auf das Ausmaß der natürliche Bodenfruchtbarkeit, die Bindung der Tierhaltung an die Fläche, die Verringerung übergroßer Bestände gegen finanziellen Ausgleich oder durch Einhebung von Abgaben, einen Außenhandelsschutz. Gefördert werden sollten auch Alternativen wie Eiweißfutter, Ölsaaten, Mutterkuh- und Schafhaltung. Mittelfristig muss aber auch das Einkommen der ökologisch wirtschaftenden Bauern über entsprechende Produktpreise gesichert werden. Trotz bedeutender Ausgleichszahlungen ist nämlich das Einkommen der österreichischen Landwirtschaft seit dem EU-Beitritt um 20 Prozent gesunken.

die furche: Irgendwie klingt das trotzdem utopisch.

Haiger: Eine wirklich grundsätzliche Wende ist nur möglich, wenn * die Wissenschaftler sich an den Naturgesetzen orientieren und nicht am freien Markt, * die Politiker mehr auf die Ökologen hören als auf die Ökonomen, * aus Landwirten wieder Bauern werden, also Humusvermehrer und * die Konsumenten, also wir alle, durch ihr Kauf- und Stimmverhalten den notwendigen Druck erzeugen.

Das Gespräch mit Univ. Prof. Alfred Haiger, dem Vorstand des Institutes für Nutztierforschung an der Universität für Bodenkultur in Wien führte Christof Gaspari.

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