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Die Lehrwerkstatt der letzten Chance

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Die Wirtschaftskrise trifft vor allem Jugendliche mit niedrigem Bildungsniveau. Ihre letzte Chance auf ein normales Berufsleben liegt in Lehrwerkstätten. Eine Reportage.

In der Motoren-Halle der Kfz-Techniker ist Boban M. in seinem Element. Während er sonst stockend und mühsam seine Sätze hervorwürgt, entströmt ihm angesichts eines aus Zylindern, Pumpen und Ventilen gefertigten Werkstücks aus Stahl ein munterer Wortschwall: "Bei klassischen Einspritzpumpen ist die Einspritzmenge vom Kolbenhub abhängig. Mit der Common Rail-Technik ist es uns möglich, diese Menge unabhängig vom Kurbelwinkel zu gestalten." Boban spricht nicht nur, er doziert. Denn in der Lehrwerkstätte des Berufsförderungsinstituts ist er der Tutor für seine jungen Kollegen. Darum kann er bei den Umstehenden auch strenger nachfragen: "Was ist eine VP-44-Radialkolbenpumpe?" Maria, Pavel und Cem sind angesprochen - und ein wenig betreten. "Verteilereinspritzpumpe", stößt Cem schließlich hervor. "Gut", sagt Boban und zieht dabei hätschelnd das U in die Länge, "da haben wir wieder was gelernt."

Boban und seine Schützlinge sind die Vorzeigegruppe der bfi-Lehrwerkstätte in der Göllnergasse in Wien-Landstraße. Jugendliche, die im sonst mit dem Stempel "unvermittelbar" auf der sozialen Müllhalde der modernen Gesellschaft landen, bekommen hier noch eine Chance. Die allerletzte. 180 Lehrlinge aus ganz Wien werden derzeit in der Lehrwerkstätte ausgebildet. Die meisten von ihnen haben sich davor über 30 Mal bei Betrieben beworben - und wurden ausnahmslos abgelehnt.

Die Gründe für die Zurückweisung sind vielfältig. Es beginnt bei der Unfähigkeit, sinnerfassend lesen und einfachste Rechenaufgaben lösen zu können, und endet bei sozial auffälligem Verhalten, ungebremsten Aggressionen, Straffälligkeit und lädierten Familiengeschichten. Die Hauptgemeinsamkeit ist aber, dass sie von dem vielgelobten österreichischen Bildungssystem ungebildet und hoffnungslos wieder ausgespuckt wurden.

"Die meisten haben große Schwierigkeiten, wenn sie hier anfangen", sagt Wolfgang Dikovics, Abteilungsleiter des bfi, zuständig für Bildungs- und Schulungsmaßnahmen für Arbeitssuchende im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Er steht mit sorgenvoller Miene in der über 1000 Quadratmeter großen Halle, in der - durch angepinselte Betonparavants voneinander getrennt - Karosseriebautechniker, Kfz-Techniker, Maschinenbauer und Elektroinstallateure ausgebildet werden. Während in der Halle noch fleißig die Trennscheiben- und Schweißgeräte brummen, spricht Dikovics von der lähmenden Abwärtsbewegung auf dem Arbeitsmarkt: "Die Jugendlichen spüren es zuerst. Sie kriegen keine Lehrstellen mehr und später keine Arbeitsplätze."

"Wenn du rausfliegst, ist es vorbei"

Laut aktueller Dezemberstatistik des AMS stieg die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen im Dezember gegenüber 2007 um 16,5 Prozent auf 46.498, während die Zahl der angebotenen Lehrstellen zurückging. Allein in Wien sind derzeit 10.938 Menschen unter 25 Jahren arbeitslos gemeldet. Als erste trifft es jene, die mangels Bildung auch schon in Zeiten der Hochkonjunktur Schwierigkeiten hatten.

Boban M., Sohn eines alleinstehenden serbischen Fernfahrers, machte mit 16 Schluss mit seiner HTL-Ausbildung - besser gesagt: Sie machte Schluss mit ihm. 365 Fehlstunden in einem Schuljahr waren selbst der nachsichtigen Schulleitung zu viel. Da half es auch nicht, dass Boban zwei Ärzte bei der Hand hatte, die ihn fleißig krank schrieben. Nun hieß es Arbeit suchen. Boban: "Aber wer braucht schon jemanden, der nur gut Playstation spielen und lang schlafen kann?" Niemand.

Nach etlichen misslungenen Bewerbungsgesprächen und Monaten der Arbeitslosigkeit landete Boban in der bfi-Lehrwerkstätte. Auch dort schrammte er nur hauchdünn am Rauswurf vorbei. "Er war ganz knapp dran", erinnert sich Thomas Stifter, ein Sozial-Betreuer der Werkstätte. "Irgendwann bin ich zu ihm hin und hab ihm gesagt: Wenn du hier rausfliegst, ist es für dich vorbei." Das wirkte. Boban steht seit zwei Jahren pünktlich um sieben Uhr auf und ist um 8.00 Uhr in der Arbeit. Fehlstunden: keine mehr.

Eine solche Karriere gelingt bei weitem nicht allen in der Göllnergasse. Von den Beginnern verbschieden sich 30 Prozent während des ersten Jahres. Was aus ihnen wird? Abteilungsleiter Dikovics antwortet mit einem Schulterzucken: "Entweder sie gehen zurück zum AMS oder sie steigen ganz aus".

Auch bundesweit zeichnet sich eine bedenkliche Entwicklung ab. Zehn Prozent aller österreichischen Schüler haben laut Bildungsministerium weder einen Pflichtschul- noch einen Lehrabschluss. Der Bildungsexperte Bernd Schilcher spricht in diesem Zusammenhang von einer "sozialen Bombe". Erst in der Vorwoche appellierte AK-Präsident Herbert Tumpel dringend an die Regierung, gerade die Jugend bei den Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise nicht zu vernachlässigen: "Für alle Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden, müssen genug Ausbildungsplätze in überbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt werden."

Ein frommer Wunsch angesichts einer gegenläufigen Wirklichkeit: Jede dritte österreichische Familie (51.000 von 150.000) findet keinen Lehrplatz für ihre Kinder oder hat dabei größte Schwierigkeiten.

Notprogramm Pflichtschulabschluss

So bleibt es oft beim Notprogramm: dem Pflichtschulabschluss. Die dramatischen Konsequenzen dieser Entwicklung schlagen besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten in der Arbeitslosenstatistik zu Buche. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitslosen rekrutiert sich nämlich aus dem Reservoir der Pflichtschulabsolventen - 47 Prozent der Arbeitslosen haben höchstens einen Hauptschulabschluss. Daraus lassen sich zwei Konstanten ableiten. Erstens: Je niedriger der Bildungsabschluss, desto höher die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden. Faktum zwei: Weniger Qualifizierte verlieren in Wirtschaftskrisen als erste ihren Arbeitsplatz. Laut AMS hat jeder siebente österreichische Jugendliche, insgesamt 150.000 Menschen, "akuten Qualifikationsbedarf", befinden sich also in Gefahr, aus dem Erwerbsleben zu fallen.

Boban M. weiß, dass er selbst einer dieser Akutfälle war, als er 2006 in der Göllnergasse aufgenommen wurde. Nun hat er seine knapp dreijährige Lehrzeit bald hinter sich. Was er danach machen will? Boban blickt angestrengt auf seine Motoren, ehe sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen verzieht: "Ich bleibe hier - als Ausbildner."