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Die Mafia im Anmarsch

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Sind wir bedroht von der Organisierten Kriminalität? Der Generaldirektor für Öffentliche Sicherheit, Michael Sika, warnt vor den Anfangen.

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Sind wir bedroht von der Organisierten Kriminalität? Der Generaldirektor für Öffentliche Sicherheit, Michael Sika, warnt vor den Anfangen.

dieFurche: Von welcher Art Organisierter Kriminalität (OK) ist Österreich besonders betroffen?

Michaelsika: Ich sehe die größte Gefahr durch die Wirtschaftskriminalität. Für viele Gruppen von Kriminellen erscheinen wir als ideales Land, um die Profite, die sie in allen Bereichen der Kriminalität machen, anzulegen und eventuell auch zu waschen.

dieFurche: Inwiefern ideales Land?

Sika: Es erscheint diesen Leuten so. Neben der Schweiz, Deutschland und Luxemburg sind wir das Land, wo vor allem die mafiosen Gruppierungen aus dem Osten Firmen gründen, Firmen verschachteln, nur zu dem Zweck, um die horrenden Profite im Westen anzulegen oder zu parken -die werden dann in andere Länder transferiert. Die Gefahr ist die, daß diese Firmen, die ja zum größten Teil' nur Scheinfirmen sind, versuchen, sich in Branchen einzukaufen, was gut gelingt, weil sie große Geldmengen haben, weil sie im Wettbewerb mit legalen Firmen jeden Vorteil haben. Es besteht die Gefahr, daß ganze Branchen langsam von illegalen Firmen aufgekauft werden. Und das ist für die Volkswirtschaft von Schaden.

dieFurche: Aus welchen Bereichen stammen die horrenden Gewinne, wer sind die Leute, die dahinterstehen?

Sika: Wir haben große Schwierigkeiten, festzustellen, woher die Gelder kommen. Wir wissen, daß immer wieder prominente Russen sich in Osterreich oder auch in Wien ansiedeln, mit Geld um sich schmeißen. Wir können eigentlich im Grunde nur raten, woher das Geld kommt. Wir haben nahezu keine Unterstützung durch die russischen oder ukrainischen Behörden, die sehr stark der Korruption ausgesetzt sind, vielfach mit den mafiosen Gruppierungen zusammenarbeiten und daher an uns kaum brauchbares Material liefern.

dieFurche: Müssen wir Österreicher beunruhigt sein?

Sika: Große Spuren hinterläßt das noch nicht in Österreich. Wir sind zum Beispiel zweifellos das Land mit den wenigsten Autodiebstählen. Wir halten da bei jährlich rund 3.000 Diebstählen. Das ist geradezu lächerlich im Vergleich zu Italien oder Deutschland, wo 300.000 beziehungsweise 130.000 Autos pro Jahr gestohlen werden. Selbst in der Schweiz ist es noch zehnmal so viel wie bei uns. Das heißt, wir sind ein Land, in dem die mafiosen Gruppierungen aus West und Ost im wesentlichen nicht operieren, nicht die Grundgeschäfte machen, aus denen sie ihre Profite ziehen. Natürlich gibt es bei uns ein Botlichtmilieu, natürlich gibt es bei uns auch den Drogenhandel, aber nur in einem relativ bescheidenen Ausmaß.

Was uns tatsächlich trifft und wirklich gefährlich ist, ist der Umstand, daß die Profite vielfach nach Österreich gelangen oder über Österreich in den Westen. Da stehen wir in einer Entwicklung, die in Amerika schon weitgehend abgeschlossen ist. In Amerika war man nicht imstande, die Organisierte Kriminalität abzuhalten, halblegal zu werden - und wir sind auf dem besten Weg dazu. In der Vermischung zwischen Legalen und Illegalen ist die Ermittlungsbehörde mehr oder minder machtlos.

dieFurche: In welche Branchen fließen Mafiagelder, gibt es bei uns ei-ne AufnahmebereiXschaft von Firmen?

Sika: Das richtet sich nach dem Markt. Es geht relativ weit in den Immobilienbereich hinein, in den Bereich der Restaurants, aber auch andere Geschäftsbereiche sind betroffen. Die mafiosen Gruppierungen sind wesentlich flexibler als die Bürokratie, die das abwehren soll. Die Gefahr liegt dann nicht nur in der Wettbewerbsverzerrung, darin, daß es eine Verschiebung des Kapitalbestandes der Volkswirtschaft kommt, sondern auch in den Begleiterscheinugen dieser Entwicklung, daß nämlich Bestechung und Korruption zu Selbstverständlichkeiten werden.

dieFurche: Gibt es bei uns schon solche Fälle?

Sika: Im großen Ausmaß nicht.

dieFurche: Aber es gibt sie?

Sika: Diese Gefahr droht auch. Wir brauchen nur nach Italien zu schauen. Dort gehört das einfach dazu, niemand findet mehr etwas daran. Da ist dann eine Gesellschaft vom Zerfall bedroht. Bei uns ist es natürlich noch nicht so weit, aber wenn wir nicht gegensteuern, sind auch wir in diesem Bereich auf dem besten Weg, uns aufzugeben. Ich glaube, da haben wir vor allem einen Handlungsbedarf was unsere Jugend anbelangt. Ich fordere immer wieder, man möge in den Bereichen Familie und Schule etwas unternehmen. Über die§e beiden Standbeine muß man eine Gesundung der Gesellschaft einleiten. Die Drogenproblematik ist überhaupt nur über Schule und Familie lösbar, nicht über die Polizei. Wir können zwar den einen oder anderen Händler unschädlich machen, aber nicht verhindern, daß sich 14-, 15jährige in Drogenabhängigkeit begeben. Derzeit gibt es viele Einzelinitiativen, wir brauchen aber die Zusammenarbeit, eine einheitliche Linie.

dieFurche: Zur Drogenproblematik. Ist Wien hier schon eine Drehscheibe geworden?

Sika: Nein. Die berühmte Balkanroute ist durch den Jugoslawienkrieg ein bißchen verschoben worden. Auf Seiten der Dealer hat man überhaupt zu einer neuen Strategie gefunden, indem man die an uns grenzenden Oststaaten zu Depotländern gemacht hat. Dort sind die Möglichkeiten der Polizei nicht so groß, die Behörden noch nicht so gefestigt wie bei uns: Dort werden also Drogen in großer Menge gehortet und dann nach Bedarf in kleinen Mengen, so in Form des Ameisenhandels, nach Westeuropa gebracht und dort abgesetzt. Wir sind daher nicht mehr in der Lage, Großangriffe zu machen wie früher, wo wir einmal 20 Tonnen beschlagnahmt haben, das ist vorbei. Wir erwischen nur mehr kleine Dealer, die dann natürlich nur kleine Strafen bekommen.

An die großen Händler kommen wir nicht heran. Diese Strategie kann man nur durchbrechen, wenn man wirklich gut mit den Nachbarländern kooperiert. Die Slowakei ist da die große Schwachstelle, Ungarn und die Tschechei sind wesentlich gefestigter, wobei man sagen muß, daß die organisierte Kriminalität in Budapest und in Prag schon ungleich besser Fuß gefaßt hat als in Wien; allerdings sind auch in Wien die Zeichen nicht zu übersehen. Wir stehen am Beginn einer Entwicklung, die uns noch sehr fordern wird.

Mit dem Generaldirektor

für Öffentliche Sicherheit, Mag. Michael Sika, sprach Franz Gansrigler. Fortsetzung auf Seite 15.

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