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Die Natur als Lehrmeisterin

1945 1960 1980 2000 2020

Wirtschaft wird heute als Raubbau betrieben. Langfristig überlebt die Menschheit aber nur, wenn sie nachhaltig wirtschaftet, also mit Methoden, die ohne Substanzverlust beliebig lang anwendbar sind.

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Wirtschaft wird heute als Raubbau betrieben. Langfristig überlebt die Menschheit aber nur, wenn sie nachhaltig wirtschaftet, also mit Methoden, die ohne Substanzverlust beliebig lang anwendbar sind.

Die Prinzipien einer tragfähigen Wirtschaftsweise können aus den Ökosystemen der Natur abgeleitet werden. In erdgeschichtlichen Zeiträumen entfaltete sich das Leben auf der Erde zur heutigen Vielfalt und Komplexität (Komplexität ist hochgradige Verflechtung). Die Weltwirtschaft des Lebendigen hat sich 3,5 Milliarden Jahre verbessert und verfeinert, ohne bankrott zu gehen. Nachhaltigkeit ist nur in selbstregulierenden Systemen möglich.

Nur wenige Jahrzehnte brauchte die moderne technische Zivilisation der Menschheit, um den Naturhaushalt - jenes vernetzte Zusammenspiel von mehreren Millionen Tier- und Pflanzenarten - ernsthaft zu gefährden.

Von den Erfolgsgrundsätzen der Okosphäre zu lernen, ist ein Schlüssel zum Überleben. Sechs entscheidende Erfolgsprinzipien des Lebendigen können angegeben werden:

■ Bewährtes wird bewahrt: Das Leben ist konservativ im besten Sinn - es hält am Bewährten fest. Es experimentiert zwar ständig mit kleinen Neuerungen (Mutationen und Neukombinationen des Erbmaterials), doch überstehen nur ganz wenige Neuerungen die langwährende Erprobung (natürliche Auslese).

Die faszinierende Vielfalt des Lebendigen beweist: Traditionstreue ist kein Hindernis, sondern Ausgangsbasis echten Fortschritts.

Daher' dürfen Veränderungen nicht zu schnell vollzogen werden. Bevor Altbewährtes preisgegeben wird, ist eine ausreichend lange Erprobungsphase erforderlich. Das ist notwendig, um - wenn schon nicht in weiser Voraussicht, so doch wenigstens nach der Versuch-Irrtum-Methode - aus auftretenden Fehlern lernen zu können, bevor irreversible Schäden eingetreten sind. Auch die bereits eingetretenen Schäden sollten zumindest für Lernprozesse genutzt werden.

■ Geschlossene Kreisläufe: In natürlichen Ökosystemen gibt es letztlich keine Abfälle. Bei der großen Mannigfaltigkeit der in ihnen lebenden Organismen gibt es für alle anfallende Biomasse (Ausscheidungen, abgestorbene Pflanzen und Tiere) Verwerter, welche diese Stoffe wieder in den Stoffkreislauf zurückführen.

Die gegenwärtige Verschwen-dungs- und Verschleißwirtschaft, die unter enormem und ineffizientem Energieeinsatz immer größere Mengen von Rohstoffen in immer mehr Abfälle und Schadstoffe verwandelt, nähert sich den Grenzen der Möglichkeiten. Das Überleben garantiert nur eine Kreislaufwirtschaft, die schon bei der Herstellung neuer Güter die Möglichkeiten der Wiederverwertung einplant und Problemstoffe vermeidet. Für unvermeidbare Abfälle müssen Verwertungen gefunden werden.

■ Effiziente Energienutzung und verlustarme Energieumwandlung: Die Sonne ist fast die einzige Energiequelle allen Lebens auf der Erde. Die Sonnenenergie wird von den „Solarzellen ” der grünen Pflanzen eingefangen. Als „Motor” für eine Kreislaufwirtschaft steht aber nur die Exergiedifferenz -zwischen eingestrahlter Sonnenenergie und der Abstrahlung der Erde zur Verfügung. (Exergie: nutzbarer Energieanteil, Anm. d. Red.)

Die Höherentwicklung des Lebens fand zu immer wirksamerer Nutzung der begrenzt verfügbaren Energie. Die Warmblüter, als höchstorganisierte Lebensformen, können die Abwärme aus ihrem Stoffwechsel nutzen, um eine hohe, gleichbleibende Körpertemperatur aufrechtzuerhalten und so kalte Regionen erobern sowie in allen Jahreszeiten aktiv sein.

Auch der „homo technicus” muß lernen, die Sonnenenergie nach dem Vorbild der Natur optimal zu nutzen: Die Verluste bei den vielfältigen Energieumwandlungen sind zu minimieren. Die Nachfrage ist an das Potential erneuerbarer Energiedargebote anzupassen. Exergieströme sind kaskadisch - mit abnehmenden Exergiege-halt - zu nutzen, wobei der Exergiege-halt des eingesetzten Energieträgers möglichst nicht höher sein sollte, als zur Erbringung der angestrebten Energiedienstleistung erforderlich ist. (Die Direktheizung mit Strom etwa widerspricht diesem Prinzip diametral.)

■ Rechtzeitige Selbstbegrenzung: In natürlichen Ökosystemen gibt es verschiedene Mechanismen, die Phasen exponentiellen Wachstums und Massenvermehrung beenden, beziehungsweise zu hohe Besiedlungsdichten verhindern, bevor es infolge Übernutzung zu katastrophalen Folgen für den ganzen Lebensraum kommt: Territorialität bewirkt gleichmäßige Verteilung der Individuen über den verfügbaren Lebensraum. Dazu kommen Dichtestreß und erhöhte Seuchenanfälligkeit, arteigene Hemmstoffe, Freßfeinde und andere. Um dramatische Zusammenbrüche der menschlichen Bevölkerung - mit all ihren grausamen Begleitumständen - möglichst zu vermeiden, sind vertretbare Wege der Geburtenkontrolle zu propagieren.

Die Wirtschaft, die einige Parallelen zu einem biologischen Selbstregelsystem aufweist (Konkurrenz und Mechanismen zur Konkurrenzvermeidung), braucht Mechanismen der (Selbst)begrenzung. Sie ist in einen politischen Rahmen einzubinden, der der „Freiheit” der Marktwirtschaft Grenzen setzt. Gleich den Vorkehrungen gegen soziale Härten und Ausbeutung von Menschen („soziale Marktwirtschaft”) ist sicherzustellen, daß die Tragfähigkeit der Ökosysteme nicht untergraben beziehungsweise überschritten wird.

■ Vielfalt - Strategie zur Konkurrenzverminderung: Artenvielfalt stellt hochgradige Komplexität dar und bedeutet unter anderem gegenseitige Kontrolle und Ausweichmöglichkeit auf verschiedene Nahrungsquellen. „Schädlinge” wie etwa Pflanzenläuse werden von hunderten Gegenspielern wie Parasiten oder Räubern in ihrer Populationsdichte begrenzt. Vielfalt dämpft die Fluktuationen, sie stabilisiert das Gleichgewicht. Artenverarmung durch Monokulturen und Bio-zideinsatz erhöht daher die Anfälligkeit für Schädlingskalamitäten (Pestizidsyndrom).

Wie ein Lebensraum weniger störanfällig ist, je mehr ökologische Nischen vorhanden sind, so ist auch eine Volkswirtschaft krisenfester, je mehr Erwerbszweige und Berufe nebeneinander bestehen - sowohl solche, die mit extremer Spezialisierung flexibel bleiben, um sich neuen Marktlücken anpassen zu können, wie es die Stärke gewerblicher Klein- und Mittelbetriebe ist.

Auch bei seinen Eingriffen in die Natur sollte der Mensch - schon zum eigenen Nutzen - um Vielfalt bemüht sein. In der Land- und Forstwirtschaft wird sowohl die ökologische als auch die wirtschaftliche Stabilität durch Mischkulturen erhöht.

■ Regionalisierung, örtliche Anpassung: Ökosysteme funktionieren lokal. Die Lebensgemeinschaften sind optimal an örtliche, klimatische und biotische Bedingungen angepaßt. Rohstoffe werden in Kreisläufen geführt.

Traditionelle Formen der Landwirtschaft mit ihren alten Nutztierrassen und Kulturpflanzensorten sind ebenso Anpassungen an das örtliche Klima und Gelände wie regionale Bautraditionen und Wirtschaftsformen.

Dagegen benötigen standortunabhängige Lösungen ständigen Aufwand zur Stützung: standortunabhängige Bauten beispielsweise erfordern einen hohen Energieaufwand zur Klimatisierung; die Kultur nicht angepaßter Nutzpflanzen ist ohne chemische Krücken nicht möglich.

Die heutige Wirtschaft ist nicht tragfähig

■ Umweltkapazität: Im Laufe der kulturellen Entwicklung hat der Mensch seine Umweltkapazität zunächst wesentlich erweitert. Der Urmensch erreichte vermutlich mit einer Population von einigen Hunderttausend die Tragfähigkeit seiner afrikanischen Heimat. Vor rund 100.000 Jahren erlaubte die kulturelle Entwicklung -vor allem die Verwendung von Werkzeug und Feuer - den Menschen die ökologischen Grenzen ihres ursprünglichen Lebensraumes zu überschreiten und als Jäger und Sammler den gesamten Planeten zu besiedeln.

Vor etwa 10.000 Jahren erweiterten Ackerbau und Viehzucht nochmals wesentlich die menschliche Umweltkapazität. Inzwischen ist die Population weltweit auf über fünf Milliarden angewachsen und hat sich damit den Kapazitätsgrenzen angenähert.

Die Umweltkapazität hängt von der Produktivität eines Ökosystems ab: Nordamerikanische Prärieindianer etwa benötigen in einem vergleichsweise fruchtbaren Lebensraum 2,5 Quadratkilometer pro Person. In der arktischen Tundra dagegen brauchen Nomaden ein Jagdgebiet von nicht weniger als 1.000 Quadratkilometer. Der Durchschnittswert dürfte bei fünf Quadratkilometer liegen. Die Erde könnte maximal zehn Millionen Jäger und Sammler ernähren.

Bei nachhaltig betriebenem Ackerbau und bescheidenen Ansprüchen kann bereits ein tausendstel Quadratkilometer Anbaufläche einen Menschen ernähren. Wie nahe die Grenzen gerückt sind, zeigt, daß heute bereits 40 Prozent der globalen terrestrischen Netto-Primär-Produktion (pflanzlicher Biomasse) von Menschen genutzt werden.

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