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Wirtschaft

Die Offline-Community

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Viele Regionen der Welt sind noch immer vom Internet abgeschnitten. Die Netzwerkriesen Google und Facebook versuchen sich an den unerschlossenen Märkten.

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Viele Regionen der Welt sind noch immer vom Internet abgeschnitten. Die Netzwerkriesen Google und Facebook versuchen sich an den unerschlossenen Märkten.

Wer durch die staubigen Pisten des Tschad oder durch das indische Hinterland fährt, dem kann es passieren, dass seine Social-Media-­Accounts nicht funktionieren. Nicht, weil die Regierung das Internet zensiert (das tut sie auch), sondern weil es in der Peripherie schlicht kein Internet gibt. Laut dem Bericht der Breitbandkommission für digitale Entwicklung 2016 von UNESCO und der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) haben 3,9 Milliarden Menschen, also gut die Hälfte der Weltbevölkerung, keinen Zugang zum Internet. Und das, obwohl der UN-Menschenrechtsrat das Internet zu einem Menschenrecht erklärt hat.

Während das Internet in den Industrienationen und großen Städten der Schwellen- und Entwicklungsländer zur Grundversorgung gehört, müssen in einigen Regionen Afrikas und Indiens die Menschen Dutzende Kilometer in die nächste Ortschaft fahren, um in einem Internet-­Café eine E-Mail zu schreiben. Zwar ist Indien aufgrund seiner hohen Bevölkerungszahl der weltweit zweitgrößte Smartphone- und Online-Markt. Doch noch immer sind fast drei Viertel der 1,3 Milliarden Bewohner offline. Auf der Landkarte der Internetdurchdringung sind ganze Teile Zentral­asiens und Subsahara-Afrikas weiß.

Flicken am Fleckerlteppich

Die Gründe für den digitalen Flickenteppich sind vielfältig. Die Telekommunikationsanbieter, die lange Zeit eine etwas zu komfortable Monopolstellung innehatten und für SMS, (Auslands-)Telefonie und Datenvolumen satte Gebühren erheben konnte, haben es versäumt, auf das geänderte Kommunikationsverhalten (Messengerdienste, Internet-Telefonie) zu reagieren und rechtzeitig mit dem Breitbandausbau zu beginnen. Ein Lehrbeispiel dafür, wie Monopole Innovationen hemmen können. Zudem sind die Kosten, die Daten per Satellit an Verteilknoten in der Fläche zu übertragen, sehr hoch, zumal in einigen entlegenen Regionen Strom durch Dieselgeneratoren erzeugt wird. Laut einem Bericht des Weltwirtschaftsforums verteuert diese Übertragungstechnik die Kosten in der Peripherie um das zweieinhalb bis Dreifache. Für Provider rentiert sich eine solche Netzabdeckung nur bei entsprechend höheren Gebühren, was bei der ärmlichen Landbevölkerung aber schwer durchsetzbar ist.

Weiteres Entwicklungshemmnis: die Sprache. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat 100.000 oder mehr Artikel in 55 Sprachen. Diese repräsentieren aber lediglich Muttersprachen von 58 Prozent der Weltbevölkerung. Nimmt man die Zweitsprache hinzu, fehlt einem Drittel der Weltbevölkerung der sprachliche Zugang zu dem Wissensschatz. In Tansania etwa, wo 98 Prozent der Bevölkerung Swahili sprechen, bedurfte es erst einer Übersetzung, ehe Facebook dort signifikante Wachstums­zahlen verzeichnen konnte. Hinzu kommen Lese- und Schreibschwächen: In Papua-Neuguinea etwa sind 35 Prozent der Menschen Analphabeten.

Auch die sozialen Netzwerkanbieter Wikipedia und Google haben Zero-Rating-Dienste aufgelegt. Das Modell ist nicht unumstritten.

Die digitale Ungleichheit (digital divide) ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch eine der ökonomischen Entwicklung. Ohne Internet geht in der Digitalökonomie nichts. Wer eine Bewerbung losschicken will, braucht dafür ebenso eine Internetverbindung wie ein lokaler Online-Shop. Das heißt: Milliarden Absolventen und Entrepreneure werden ihrer wirtschaftlichen Chancen beraubt. Laut dem Bericht der Breitbandkommission steigert eine fünfprozentige Erhöhung der WhatsApp-Nutzung das globale Bruttoinlandsprodukt um 22,9 Milliarden US-Dollar. Nun darf man nicht vergessen, dass in der Kommission auch Vertreter von Facebook sitzen und der Konzern ein Interesse daran hat, den 2014 für 19 Milliarden Dollar übernommenen Messengerdienst als Wachstumstreiber darzustellen.

Die große Marktlücke

Facebook sieht in der Offline-Community eine riesige Marktlücke. Der Tech-Konzern hat 2010 in Kooperation mit Mobilfunkanbietern eine Initiative (Facebook Zero) gestartet, bei der Nutzer eine Basisversion der mobilen Facebook-Seite aufrufen können – kostenlos. Wer darüber hinaus Bilder oder Videos herunterladen möchte, muss bezahlen. Zero Rating nennt sich dieser Tarif. Das Datenvolumen wird dabei von den Mobilfunkanbietern finanziert. Facebook kooperiert dazu mit Providern auf der ganzen Welt, von Albanien bis Zimbabwe. Auch Wikipedia und Google haben Zero-Rating-Dienste aufgelegt. Allerdings: Das Modell ist nicht unumstritten. In Indien ordnete die Regulierungsbehörde den Provider Reliance Communications 2015 an, Facebooks Dienst „Free Basics“ (nicht zu verwechseln mit Facebook Zero) einzustellen. Die Behörde sah darin einen Verstoß gegen das Prinzip der Netzneutralität. Über die Seite Internet.org hatten Nutzer einen beschränkten Zugriff auf das Netzangebot und konnten neben Facebook lediglich ein paar Seiten wie Wikipedia, Wetterberichte sowie regionale News abrufen. Kritiker sahen in der globalen Expansion von Facebook einen neuen Kolonialismus aufziehen. Und auch die Telekommunikationskonzerne fühlen sich ausgebeutet. Denis O’Brien, Vorsitzender der Digicel Group, einem Netzbetreiber in der Karibik und Zentralamerika, sagte: „Mark Zuckerberg ist der Typ, der auf deine Party kommt, deinen Champagner trinkt, deine Frauen küsst und nichts mitbringt.“

Bis zum Jahr 2025 sollen alle Menschen an das Internet angeschlossen sein – das haben die führenden Industrie- und Schwellenländer beim G20-Gipfel 2017 in Hamburg beschlossen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Facebook hat kürzlich sein Drohnenprojekt Aquila, das Regionen ohne Netzabdeckung aus der Stratosphäre mit High-Speed-Internet hätte versorgen sollen, nach technischen Problemen eingestellt. 2016 war eine Drohne bei einem Testflug in Arizona abgestürzt. Auch Google musste einen Crash seiner solarbetriebenen Internetdrohne hinnehmen. Die Mutterholding Alphabet forscht derweil weiter am Project Loon, bei dem Internetballons in 20 Kilometern Höhe als eine Art schwebender Hotspot fungieren. In Kooperation mit dem Telekommunikationsanbieter Telefónica ließ Google seine Ballons über Peru aufsteigen, um überflutete Regionen mit Internet zu versorgen. In Katastrophengebieten mag das temporär eine funktionale Maßnahme sein. Langfristig braucht es aber eine robuste Infrastruktur, um die weißen Flecken auf der Welt ans Netz zu nehmen.

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