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Die schleichende Katastrophe

Langsam aber unaufhaltsam dehnen sich die Wüsten der Erde aus. Diese Entwicklung ist Mensch und Klima geschuldet. Eine Bestandsaufnahme.

In den alten Zeiten, als der Regen noch häufiger war, und die Wüste Gobi noch in weiter Ferne, ist der "Gelbe Drache“ nur selten über Peking gekommen. Höchstens alle fünf Jahre, bestaunten die Bewohner der Stadt die schreckliche Naturgewalt der Sandstürme. Nun aber kommt der Drache schon jedes Jahr. Die Luft ist dann gelbrot vor Staub, Atmen nur unter Schutzmasken möglich, der Boden Millimeterhoch von Sand bedeckt. 300.000 Tonnen Sand, so berechnete die chinesische Akademie der Wissenschaften, werden jährlich in die Stadt geweht. Die Wüste selbst ist bis auf 75 Kilometer an Chinas Hauptstadt herangerückt. Langsam, aber unaufhaltsam.

Seit den 70er-Jahren hat sich die Wüstenfläche Chinas um 10.000 Quadratkilometer erhöht. Gleichzeitig gingen 7,8 Millionen Hektar fruchtbares Ackerland verloren oder degenerierten zu unfruchtbarem Steppenboden.

Weltweites Phänomen

China ist kein Einzelphänomen. Pro Jahr verliert der Planet Erde zwölf Millionen Hektar fruchtbares Land, Boden für mehr als 20 Millionen Tonnen Getreide. Der Anteil der von Aridisierung betroffenen Regionen an der Gesamtoberfläche hat sich seit 1990 von 15 auf 25 Prozent erhöht. Und dieser Verlust an Boden beschleunigt sich derzeit jährlich schon um ein Prozent. Ganz zu schweigen von dem Effekt den zerstörtes Ackerland auf die weltweite Lebensmittelversorgung hat. "Die Ausbreitung der Wüsten ist ein schleichender leiser Prozess - etwa mit Hautkrebs vergleichbar“, sagt Luc Gnacadja, der Leiter des UNO-Exekutiv-Sekretariats zur Bekämpfung der Desertifikation UNCCD), "dieser Prozess bedroht unser Leben.“

Überweidung, Abholzung, technische Eingriffe in das Ökosystem und die Verschmutzung durch Industrie, sowie landwirtschaftliche Übernutzung sind die Hauptzerstörungsfaktoren. Als "hochgefährdet“ bezeichnete 2009 eine globale Studie des US-Landwirtschaftsministerium den gesamten Nahen und Mittleren Ostens, Zentralasien, Zentralchina und die Mongolei, die Sahelzone am Südrand der Sahara, Die Südspitze Spaniens, Teile Marokkos, den Westabfall der Anden, Teile Ostafrikas und den Norden und Nordosten Australiens. 250 Millionen Menschen so die FAO sind von der Ausbreitung der Wüste direkt betroffen, 135 Millionen davon könnten dazu gezwungen sein, aus ihrer Heimat zu emigrieren.

Den Hauptanteil an der Bodenerosion besonders in steppenartigen Gebieten, welche die großen Wüstenflächen der Erde säumen, hat offenbar die intensive Weidebewirtschaftung. Allein in den 90er-Jahren verdoppelte China seinen Viehbestand.

Kleine Erfolge

Das Steppengras diente zur Ernährung der Tiere. China hat 400 Millionen Hektar Grasland. Durch Schafe und Vieh, so der Agrarentwicklungsexperte Guido Kuchelmeister, seien bereits 80 Prozent dieser Fläche degradiert oder versandet. Ein regionaler Weidebann in Nordchina hat in den vergangenen drei Jahren große Erfolge gezeigt. Denn das Grasland breitete sich ohne menschliches Zutun wieder aus: Die Vegetationsrate, also der Anteil des mit Gras bedeckten Bodens stieg in den betroffenen Gebieten von 20 auf 60 Prozent an.

Ein Allheilmittel ist das allerdings nicht. Denn was tun mit Chinas 157 Millionen Schafen und 192 Millionen Rindern? Ihre Zahl hat sich seit 1980 mehr als verdoppelt. Die Regierung scheint jedenfalls ratlos, denn bisherige Kampagnen, die Hirtenvölker des Landes zur Stallfütterung zu bewegen, scheiterten.

Ein anderer verzweifelter Versuch besteht in der Errichtung von Schutzwäldern am Rand von Wüsten. Auch hier nimmt China eine Vorreiterrolle ein. Ein Programm, das bis 2050 läuft, 4500 Kilometer langen Schutzwald entlang der chinesischen Mauer schaffen. Allein seit 2006 hat die Regierung in Peking über 2,6 Milliarden Euro in dieses Projekt investiert - mit bescheidenem Erfolg: Die meisten gepflanzten Bäume sterben in der Trockenheit schon nach wenigen Monaten ab.

Trotzdem versuchen nun auch Anrainerstaaten der Sahara, diesem Beispiel zu folgen. Zwischen Dakar und Dschibuti soll ein 7000 Kilometer langer, 500 Kilometer breiter Waldgürtel die Ausbreitung der Wüste eindämmen. Allerdings kritisieren Umweltschutzorganisationen, dass die bloße Pflanzung von Bäumen nichts an dem Grundproblem ändere. Haider El Ali von der Umweltschutzorganisation Oceanum fordert die Umstellung der Weidebewirtschaftung: "Die Aufforstung allein ändert nichts an der falschen Bewirtschaftung der Böden“, so El Ali. Zu den menschlichen Negativeinflüssen kommen noch die Folgen des Klimawandels, wie etwa lange Dürreperioden. Chinas Nachbarland Mongolei klagt über das Versiegen seiner Flüsse. Seit 2007 seien 1000 der 5000 fließenden Gewässer des Landes versiegt und von den ursprünglich 4000 Seen 1000 verschwunden.

Versagen internationaler Politik

Die Staatengemeinschaft müsste um die dramatischen Entwicklungen eigentlich Bescheid wissen. Tatsächlich verpflichteten sich die UNO-Mitgliedsländer schon 1995, alle notwendigen Maßnahmen zu setzen, um die Verwüstung des Planeten zu stoppen. Doch dem Versprechen folgten vor allem kaum finanzielle Taten. Die Autoren eines Berichtes der Universität der UN im kanadischen Hamilton, üben heftige Kritik, dass im Kampf gegen die Versteppung die Zusagen der Geberländer rund 30 Prozent unter dem eigentlichen Finanzbedarf lägen. Zafar Adeel, Hauptautor der Studie: "Die Politik ist sich über den Ernst der Lage nicht im Klaren.“

Dabei müssten sie aktuell nur einen Blick nach Afrika richten. Seit Monaten versuchen Hilfsorganisationen vergeblich, auf eine Dürrekatastrophe im Osten des Kontinents aufmerksam zu machen. Weitab von der internationalen Aufmerksamkeit sind dort Hunderttausende Hektar Grasland zur sonnenverbrannten Einöde verkommen. Der afrikanische "Gelbe Drache“ hat neue Opfer gefunden. Dieses Mal trifft er sechs Millionen Menschen am Horn von Afrika.

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