Die Stärke der Gemeinsamkeit neu entdecken

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Die Bauern: Ein Berufsstand gerät ins Abseits. Aber es gibt Auswege aus der schwierigen Situation: Eine Analyse und mögliche Perspektiven.

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Die Bauern: Ein Berufsstand gerät ins Abseits. Aber es gibt Auswege aus der schwierigen Situation: Eine Analyse und mögliche Perspektiven.

Wenn man die derzeitige Situation in der Landwirtschaft betrachtet, kann man es verstehen, daß sich viele Bauern in einer wirtschaftlich bedrängten Lage fühlen.

* Eine neuerliche Kürzung der Garantiepreise für Getreide, Rindfleisch und Milch steht im Zusammenhang mit der EU-Agrarrefom bevor. Das bedingt eine noch verstärktere und von den Bauern nicht geschätzte Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln als zumindest teilweiser Ersatz für die Preisrücknahmen.

* Daß die Milchquotenregelung über das Jahr 2000 hinaus halten wird, ist noch keineswegs sicher. Der Wegfall der derzeit bestehenden Produktionsbeschränkung bei der Milch hätte für einen großen Teil der klein- und mittelbäuerlichen Betriebe im Berg- und Grünland schwerwiegende Folgen.

* Immer deutlicher wird bewußt, daß die Erfolge des biologisch technischen Fortschrittes in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten, soweit es echte Erfolge und nicht solche zu Lasten der Umwelt waren, zum überwiegenden Teil nicht den Bauern zugute gekommen sind. Von diesen Entwicklungen haben vor allem die Konsumenten, der Handel und die Agrarindustrie profitiert. Zehntausende von Bauern mußten aufgeben. Für die verbleibenden ist die Arbeit nicht weniger geworden, auch wenn ihnen die Maschinen die schwere körperliche Arbeit weitgehend abgenommen haben.

* Das Bedrückendste von allem ist aber wohl, daß die Bauern in Europa selbst die Ursache dafür sind, daß die Situation der Landwirtschaft heute für sie so unerfreulich ist.

Für den einzelnen Bauern in Österreich und in Europa stellt sich die Sache natürlich anders dar. Er sieht sich niedrigen Preisen gegenüber und versucht deshalb aus ökonomischen Gründen, diese durch größere Produktionsmengen, unter Ausnutzung des biologisch-technischen Fortschrittes, wettzumachen. Damit produzieren aber die EU-Bauern als Ganzes am Markt vorbei.

Bei gesättigten Märkten führt jede weitere Produktionssteigerung zu einem neuerlichen Druck auf die Preise (siehe die bevorstehenden Preiskürzungen). Mit der ständigen Überschußproduktion zerstören sich die Bauern dadurch ihre Preise selbst.

Dieses System hat natürlich seine großen Nutznießer: Es ist die Agrarindustrie als Erzeuger von produktionssteigernden Betriebsmitteln, es ist die lebensmittelverarbeitende Industrie, es sind vor allem aber die Konsumenten und nicht zuletzt ist es die ganze gewerbliche Wirtschaft. Je weniger die Lebensmittel kosten, umso mehr Geld bleibt für gewerblich-industrielle Güter und Dienstleistungen. Dies alles dürfte denn wohl auch der entscheidende Grund für die mangelnde politische Bereitschaft sein, den Teufelskreis, in dem sich die Bauern befinden: niedrige Preise - Flucht in die Massenproduktion - niedrige Preise zu durchbrechen.

Wie soll man auf diese Situation reagieren? Mit Resignation? Oder sollte man sie als Anlaß zur Neubesinnung nehmen?

So sehr die eben geschilderte Lage der Landwirtschaft vielleicht auch Anlaß zur Resignation geben könnte, so sehr sollte sie zum Anlaß zu einer grundsätzlichen Neubesinnung in der Landwirtschaft genutzt werden. Letztere muß mit dem Erkennen der Ursachen der heutigen Probleme, aber auch mit dem Erkennen der eigenen Vorteile und Stärken beginnen.

Landwirtschaft ist ein Schlüsselsektor * Die Landwirtschaft ist nach wie vor die wichtigste Wirtschaftssparte. Die Sicherung einer ausreichenden Lebensmittelversorgung zählt nach wie vor zu den wichtigsten Staatsaufgaben. Natürlich ist heute in unseren Breiten das Zuviel eher ein Problem als das Zuwenig.

Welchen, auch wirtschaftlichen, Stellenwert die Lebensmittelversorgung in der Gesellschaft hat, ersieht man daraus, daß heute ganze Industriezweige, angefangen von der Agrar- über die Lebensmittelindustrie und den Lebensmittelhandel versuchen, sich der Vorrangstellung in der Lebensmittelversorgung zu bemächtigen und die Landwirtschaft zu einem, wenn auch unverzichtbaren, aber von ihnen beherrschbaren "Anhängsel" zu machen. Die Agrarindustrie versucht es beispielsweise in der Form, in dem sie sich des Saatgutmarktes bemächtigt und mit der Gentechnik die Landwirte in ihre Abhängigkeit zu bringen versucht.

* Die Landwirtschaft ist sodann nach wie vor auch die wichtigste "Lebens"-Sparte, wenn man das so sagen darf. Nicht nur ausreichende, sondern auch gesunde Nahrung, die Erhaltung gesunder Böden, sauberen Wassers, guter Luft, die Erhaltung der Pflanzen- und Tierarten, die Erhaltung und Gestaltung der Kultur- und Erholungslandschaften zählt zu den unverzichtbaren natürlichen Lebensgrundlagen der Gesellschaft.

* Die Landwirtschaft besitzt für jene, die einen Hof besitzen bzw. hier tätig sind, sodann noch eine Reihe anderer Vorzüge, die auch ihren großen Lebenswert besitzen.

Entscheidende Punkte für die gute Zukunftsbewältigung in der Landwirtschaft werden unter anderem folgende sein: * Es gilt, den Bauernhof als Lebensbasis, der im Prinzip sehr vielseitige Möglichkeiten der Lebensmittelverarbeitung und -vermarktung und zum Teil auch in anderen Bereichen bietet, verstärkt zu schätzen und besser zu nutzen.

* Weiters ist das Bemühen zu verstärken, sich im Rahmen der landwirtschaftlichen Produktion wieder ein größeres Stück Unabhängigkeit zurückzuerobern. Das heißt konkret: So wenig wie möglich Geld und Arbeit (die dann am Hof fehlen) in die der Landwirtschaft vorgelagerten Bereiche, das heißt in käufliche Vorleistungen, auszulagern. Das erfordert, die hofeigene Produktionsbasis zu stärken und die innerlandwirtschaftlichen Ressourcen besser zu nutzen.

* Sodann ist es ganz entscheidend, sich der Stärke der Gemeinsamkeit wieder ganz neu zu besinnen. Vieles und Entscheidendes für eine gute bäuerliche Zukunftsbewältigung wird nur durch verstärkte und neue Formen der bäuerlichen Zusammenarbeit, durch mehr Solidarität zu schaffen sein. Das fängt bei der Arbeits- und Kosteneinsparung an, geht über die Lebensmittelverarbeitung und -vermarktung und reicht bis zum Bemühen, sich verstärkt mit den Konsumenten zusammenzuschließen und zu verbünden.

* Es gilt, die aus öffentlichen Mitteln gewährten Abgeltungen für Umweltleistungen als echtes Leistungsentgelt und nicht als Subvention zu sehen. Darüberhinaus wäre durch die schon genannte verstärkte bäuerliche Zusammenarbeit dafür zu sorgen, daß die EU-Mittel für den ländlichen Raum (soweit sie reichen) durch Entwicklung gemeinsamer Programme optimal genutzt werden können.

* Letztlich entscheidend wird es dann noch sein, von welchen Wertvorstellungen das Leben der Bauern und Bäuerinnen getragen sein werden und wie gut es dadurch auch gelingt, Berufs- und Lebensfreude zu erhalten und zu entwickeln.

Der Autor ist Geschäftsführer des Studienzentrums für Agrarökologie an der Universität Innsbruck.

Infotip Das "Studienzentrum für Agrarökologie am Agrarinstitut der Universität Innsbruck" veranstaltet in Zusammenarbeit mit örtlichen Bildungsträgern in diesem Monat in jedem Bundesland für Bauern und Bäuerinnen eine Tagung zum Thema "Die gute Zukunftsbewältigung in der Landwirtschaft - eine große Aufgabe". Das Motiv für diese Tagungen, bei denen größtenteils Bauern und Bäuerinnen, die sich in ihrem Lebensbereich verstärkt engagiert haben, zu Wort kommen sollen, ist es, die Teilnehmer trotz der bedrängten Lage der Landwirtschaft zu ermutigen, sich der eigenen Stärken und Vorteile zu besinnen und zu versuchen, ihre berufliche Zukunft verstärkt in die Hand zu nehmen.

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