Digital In Arbeit

Die Vermittlung der CO2-BILANZ

1945 1960 1980 2000 2020

Dass der Klimawandel ein globales Problem ist, das auch persönliches Engagement erfordert, ist wohl bekannt. Aber was ist wie sinnvoll?

1945 1960 1980 2000 2020

Dass der Klimawandel ein globales Problem ist, das auch persönliches Engagement erfordert, ist wohl bekannt. Aber was ist wie sinnvoll?

Ist es wirklich so schlimm, wenn ich fünf Mal in der Woche eine Viertelstunde in die Arbeit fahre und wieder zurück? Darf ich noch Milch trinken, wenn angeblich Kühe so viel Methan ausgasen? Und verursacht das Mineralwasser aus der PET-Flasche oder jenes aus der Mehrweg-Glasflasche mehr Kohlendioxid? Die kann zwar mehrfach verwendet werden, ist aber weit schwerer und verbraucht damit mehr Energie für den Transport.

Um den Menschen derartige Alltagsentscheidungen zu erleichtern, haben das interdisziplinäre Atelier Integral Ruedi Baur aus Zürich und die Kairos Wirkungsforschung und Entwicklung gGmbH aus Bregenz vor mehr als vier Jahren ein einfaches System entwickelt. Sie haben ausgerechnet, dass jeder Mensch ungefähr 6,8 Kilogramm Kohlendioxid pro Tag durch seine Handlungen ausstoßen darf, um unsere Welt und unser Klima im Gleichgewicht zu halten. Diese Menge, die wir uns als Laien nicht vorstellen können, haben sie in 100 Punkte umgerechnet. Daraus ist ihre Kampagne "Ein guter Tag hat 100 Punkte" entstanden, mit der sich jeder und jede ausrechnen kann, wieviel CO2 er und sie jeden Tag verursacht.

Immer schneller, höher, weiter?

In Mitteleuropa lebt der Großteil der Menschen weit über das verträgliche Maß und verbraucht nach diesem System täglich 450 statt 100 Punkte. Bei "Ein guter Tag hat 100 Punkte" geht es aber nicht darum, alle zum Verzicht zu zwingen, sondern Alternativen aufzuzeigen, die unser Leben nicht nur klimaverträglicher und global gerechter, sondern auch schöner machen. Denn immer schneller, immer höher, immer weiter, immer mehr macht uns in Wahrheit nicht glücklicher, sondern gestresst, einsam und krank, argumentieren die Ideengeber.

Zur leichteren Vermittlung des Punktesystems haben sie einen Punkterechner, ein Memo-Spiel und ein Online-Spiel entwickelt. Der Journalist und Zeitschriften-Herausgeber Thomas Weber hat mit dem Buch "Ein guter Tag hat 100 Punkte"(2014) "alltagstaugliche Ideen für eine bessere Welt" publiziert. Nun hat Weber eine Fortsetzung geschrieben: "100 Punkte Tag für Tag". Die Vorschläge für einen durchwegs urbanen Lifestyle, der auf nichts verzichten will und trotzdem der Umwelt dienen soll, reichen buchstäblich vom "Coffee to go" im Mehrweg-Becher bis zur letzten Ruhestätte im Waldfriedhof. Das Buch ist, wie sein Vorläufer und auch die Website www.eingutertag. org, in roter Schrift mit wenigen blaßgrünen Elementen auf weißem Grund gehalten. Das ist anfangs etwas ungewohnt für die Augen, aufgrund der locker-flockigen Sprache hat man das Buch aber schnell gelesen.

Die Punkte, der Kern des Berechnungssystems, sind vereinzelt in der Marginalspalte mit Symbolen und Zahlen angeführt. So erfährt man zum Beispiel am Rande des Kapitels "Kauf bio, nicht regional", dass 250 Gramm Erdbeeren im Winter 26 Punkte verbrauchen, konventionell gezüchtet in der Saison zwei Punkte und aus Bio-Anbau nur 0,7 Punkte. Eine übersichtliche Tabelle, welche Lebensmittel, Transportmittel, Hygieneprodukte, Vergnügungen oder Verhaltensweisen wie viele Punkte kosten, sucht man aber vergeblich. Die muss man sich auf der Website, auf die im Vorwort des Buches verwiesen wird, unter der Rubrik "Punkterechner" zusammensuchen und -rechnen.

Kaffee trinken wie die Italiener

Wer sich eine kritische Auseinandersetzung mit einem gewissen Lifestyle erwartet, wird enttäuscht. Wie die Zeitschrift Biorama, die Thomas Weber herausgibt, wendet sich auch sein Buch "100 Punkte Tag für Tag" dezidiert an ein junges, urbanes Publikum. So schreibt er im Einstieg zum Kaffee-Kapitel: "Nichts gegen Coffee to go. Der Koffeinkick unterwegs gehört - zu Recht! - zum urbanen Lebensgefühl." Thomas Weber hätte diesen Trend, dem schon 12-jährige Mädchen nachlaufen, auch kritisch hinterfragen können. Er hätte vorschlagen können, es doch den Italienern gleich zu tun, die morgens, mittags und nachmittags in das Lokal an der Ecke gehen, um stehend an der Bar einen ultrastarken Espresso hinunterzukippen oder ein wenig länger bei einem Cappuccino zu verweilen und dabei den neuesten Tratsch zu erfahren. Ihnen würde es nicht einfallen, ihren Kaffee aus einem beschichteten Pappbecher zu trinken, weil der Kaffee nur aus dickwandigen vorgewärmten Tassen gut schmeckt.

Vielleicht ist es aber genau das, was den Erfolg von Thomas Webers erstem 100 Punkte-Buch ausgemacht hat: Es tut nicht weh, es gibt bloß einige Anregungen, wie man Spaß haben und trotzdem ein paar CO2-Punkte sparen kann. Weil es dabei auch noch bekömmlich geschrieben ist und sich direkt und per Du an "Foodies"(also jene, die sich ständig Gedanken um ihr Essen machen) und andere Lebensstil-Typen wendet, wurde das erste Buch zum Bestseller und von der Deutschen Umweltstiftung als Umweltbuch des Monats ausgezeichnet.

Bei den praktischen Alltagsempfehlungen hat man manchmal jedoch das Gefühl, dass es sich um Werbeeinschaltungen für bestimmte "gute" Produkte handelt. Und ob es wirklich so gut ist, den Stadtbewohnern zu empfehlen, Miet-Hühner auf dem Balkon zu halten, muss man anzweifeln: einerseits im Sinne der Nachbarn, andererseits im Sinne der Hühner. Natürlich, früher war das auch bei uns durchaus üblich, weshalb es zum Beispiel in den Mietverträgen der Gemeindebauten Anfang der 1960er-Jahre dezidiert als Verbot stand. Immerhin weist Thomas Weber darauf hin, dass das Dienstleistungsangebot "Rent a Huhn" nicht wörtlich zu nehmen sei, weil Hühner Gruppentiere sind und mindestens vier Artgenossen brauchen.

Auch im Kapitel "Werde Guerilla-Grafter" lässt er Kritiker, etwa vom Stadtgartenamt, zu Wort kommen, die auf Probleme durch "wildes" Veredeln von Wildsträuchern und -bäumen mit Kulturgehölzen und wildes Auspflanzen von Obstbäumen im städtischen Raum hinweisen (abgefallenes Obst könnte Ratten anziehen; auf verfaulenden Früchten auf der Straße könnte man ausrutschen).

Fischzucht auf Dächern

Interessant und eher neu ist das Thema "Aquaponics", also die Kombination der Fischzucht mit dem Anbau von Gemüse und Kräutern auf Dächern, in Kellern oder in aufgelassenen Fabriken, das im Buch mit seinen Für und Wider, verschiedenen Systemen und Problemen behandelt wird. Gut ist auch, dass das Thema Wohnen in der Wohngemeinschaft ein paar Seiten lang Platz findet, wobei auch auf neue Wohnprojekte und Co-Housing (Haus-WGs) hingewiesen wird. Angesichts des starken Zuzugs in die Städte mit seinen Folgen Wohnungsnot und steigenden Mietpreisen bei gleichzeitig gestiegenem Wunsch nach mehr Wohnfläche und besserer Ausstattung ist das ein wichtiges Thema.

Die Frage "Was soll ich tun?" ist angesichts der Unfähigkeit der Politik, Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung zu setzen, drängend, und jeder, der dazu Anregungen liefert, ist zu begrüßen. Der Nachteil von "100 Punkte Tag für Tag" ist, dass das Buch mit der Auswahl seiner Themen und seiner Sprache nur eine ganz bestimmte Gesellschaftsschicht anspricht. Für die, die bereits sehr bewusst handeln, ist es zu oberflächlich. Für die, die noch keine Ahnung haben und sich vieles davon auch nicht leisten können, ist es völlig uninteressant. Für sie müsste wohl eine andere Form der Vermittlung gefunden werden. Als vielseitige Anregung kann das Buch aber sicherlich dienen.

100 Punkte Tag für Tag

Miethühner, Guerilla Grafting und weitere alltagstaugliche Ideen für eine bessere Welt.

Residenz 2016.272 Seiten, geb., € 19,90

FURCHE-Navigator Vorschau