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Eigentlich spricht alles ßir die Biomasse

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Weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre abzugeben, ist erklärtes politisches Ziel. Biomasse bietet sich in dieser Situation als Ersatz für Ol und Gas geradezu an.

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Weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre abzugeben, ist erklärtes politisches Ziel. Biomasse bietet sich in dieser Situation als Ersatz für Ol und Gas geradezu an.

DIEFURCHE: Über Energie aus Biomasse wird zwar viel geschrieben, aber machen nicht letztlich Gas und Ol, weil sie billig sind, das Rennen? heinz kopetz: Auf dem Markt herrschen zwei Tendenzen. Einerseits wird in Osterreich relativ viel in Anlagen zur Wärmeerzeugung aus Biomasse (Fernwärmenetze und Einzelheizungen) investiert, andererseits viele traditionelle Holzheizungen durch Ol- und Gasheizungen ersetzt. In den letzten beiden Jahren hält sich das etwa die Waage. Die Heizölpreise sind in den letzten 25 Jahren real sogar zurückgegangen. Öl und Gas gewinnen daher an Marktanteilen. Darüberhinaus greifen die ökologischen Argumente für die Biomasse heute nicht mehr so wie vor zehn Jahren. Zwentendorf und Tschernobyl liegen weit zurück. Viele denken, es gebe ohnedies unbegrenzt Öl und die Klimaprobleme seien auch nicht unbedingt bewiesen. Daher tun wir uns am Markt sehr schwer.

DIEFURCHE: Klingt eher hoffnungslos... kopetz: Mit dem Konzept Fernwärmenetze reüssieren wir schon. Allerdings funktioniert das nur in dichtverbauten Gebieten.

IMefijrche: Einzelheizungen sind also derzeit nicht an den Mann zu bringen? kopktz: Wir entwickeln derzeit ein neues Produkt. Anstelle Scheiterholz oder Hackschnitzel wollen wir „Pellets” am Markt einführen.

DIEFURCHE: Was sind Pellets? kopetz: Holzpreßlinge, etwa zwei Zentimeter lang, sieben Millimeter Durchmesser. Sie sind vollautomatisch manipulierbar. Ihre Zulieferung ist ohne Arbeitsaufwand möglich: Es kommt ein Tankwagen und bläst die Pellets über einen Schlauch in einen Lagerraum. Von dort werden sie automatisch zum Ofen befördert. Wir sehen eine enorme Nachfrage nach diesem System, ist es doch ebenso komfortabel wie Öl. Außerdem ist die Energiedichte der Pellets fünfmal so hoch wie die von Hackschnitzeln. Daher brauchen sie nur ein Viertel des Lagerraumes. Man kann sich also bei normalen Ein-Familien-Häusern den Brennstoff für einen Winter einlagern. Aufgrund unserer Kontakte nach Dänemark und Schweden wissen wir, daß dieses System dort seit zwei Jahren boomt.

DIEFURCHE: Und der Preis? kopetz: Pellets kosten zwei bis 2,60 Schilling pro Kilo. Zwei Kilo liefern so viel Energie wie ein Liter Heizöl. Daher sind die Kosten etwa gleich. Auch die Investitionen bei einem Neubau sind fast gleich. Umbauten erfordern zusätzliche Aufwendungen. Diese umweltfreundlichen Maßnahmen sollte man daher zumindest in der Einführungsphase stützten. Das Hauptproblem ist der niedrige Öl- und Gaspreis. Unverständlich, daß man zwar von Verringerung der C02-Emissio-nen spricht, Heizöl und Gas aber nicht besteuert. In Dänemark und Schweden wird Heizöl mit etwa drei, in Italien mit fünf Schilling pro Liter besteuert. Wir sind weit davon entfernt. Der europäische Biomasse-Verband fordert daher, daß die Mindeststeuer 200 Ecu pro 1.000 Liter sein sollte. Daß Diesel- und Heizöl unterschiedlich besteuert werden, ist vom Standpunkt der C02-Emissionen unverständlich.

DIEFURCHE; Wenn sie von Biomasse reden, ist da immer nur Holz gemeint? kopetz: Biomasse gibt es in gasförmiger, fester und flüssiger Form. Feste Biomasse, das sind vor allem Holz und Ernterückstände. Mengenmäßig dominiert das Holz. Das Biomasseaufkommen beläuft sich derzeit auf rund 134 Petajoule. 84 Prozent davon sind Brennholz und Holzabfälle. Einen großen Anteil macht das Lignin der Papierindustrie aus. Diese deckt 40 bis 50 Prozent ihres Energiebedarfs aus diesen Ablaugen. Die Biogaserzeugung auf Bauernhöfen ist noch sehr entwicklungsfähig.

DIEFURCHE: Sind die Bauern zu unfle-xibel?

KOPETZ: Nein, der Preis, den Bauern für den Strom bekommen, denn sie aus Biogasanlagen erzeugen und ins Netz einspeisen könnten, ist zu niedrig: nur etwa 60 Groschen, obwohl der Konsument zwei Schilling zahlen muß. Wir bemühen uns, zu kostendeckenden Stromtarifen zu kommen.

DIEFURCHE: Eröffnet die Neuregelung der E-Wirtschaft da eine Chance? kopetz: Ja. Kurzfristig haben wir folgendes Problem: Vor drei Jahren hat die Republik mit der E-Wirtschaft ein Abkommen geschlossen, worin sich die E-Wirtschaft verpflichtet hat, für Strom aus Wind 100 und für Strom aus Biomasse 20 Prozent mehr zu bezahlen, als die Einspeisregelungen vorsehen. Dieses Übereinkommen läuft im Dezember aus. Wir wollen seine Verlängerung und für Biomasse dieselbe Begünstigung wie für die Windenergie erreichen.

DIEFURCHE: Und langfristig...?' kopetz: ... sollte ein Fonds eingerichtet werden, der Strom aus erneuerbaren Quellen fördert. Alle Energieversorgungsunternehmen (EVUs) sollten drei Promille ihres Umsatzes dorthin einzahlen. Aus diesen Mitteln sollten über Prämien die erhöhten Kosten dieser Stromerzeugung abgegolten werden, bis die Investitionen abgeschrieben sind. Dieses Modell wird schon in England verwirklicht. Wir könnten uns auch vorstellen, daß die E-Wirtschaft das Konzept „grüner

Strom” einführt: Man könnte Kunden Strom aus erneuerbaren Quellen, der ohne G02-Emissionen produziert wird, anbieten. Dazu müßten die EVUS nachweisen, daß sie das ganze Jahr über so viel Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugen, wie sie an solche Kunden liefern. Er könnte um 20 Groschen teurer sein.

DIEFURCHE: Kann man sich davon etwas erhoffen?

KOPETZ: In Holland und Schweden funktioniert das schon, obwohl die Zuschläge höher sind. Rund 15 Prozent der Haushalte sind offenbar bereit, aus ökologischen Gründen mehr für ein Produkt zu zahlen. Ähnliches gibt es ja auch bei Lebensmitteln von Biobauern. Unser Ziel wäre, daß in zehn Jahren rund drei Prozent der Stromerzeugung in Österreich aus Biomasse und Wind stammen. Die Begierung sollte dieses Mengenziel ins Gesetz übernehmen. Das ergäbe einen enormen Schub für die technologische Entwicklung. Momentan fehlt die passende Technik für Stromerzeugung in mittleren und kleineren Anlagen (Vergasungstechniken, Heißluftturbinen, Pyrolyse von Biomasse). In fünf oder zehn Jahren wird das international stark kommen. Wir hätten die Chance einen Exportmarkt aufzubauen. Bei Treibstoffen waren wir die ersten, die die Veresterung von Pflanzenölen industriereif entwickelt haben. Auf diesem Sektor sind wir führend in Europa beim Anlagenverkauf. Bei der Stromerzeugung besteht für uns ein Exportmarkt für „intelligente Produkte”, auch wenn Deutsche und Skandinavier da schon weiter sind. Außerdem gäbe es eine verstärkte Wertschöpfung in der Landwirtschaft. Weiters würden wir Importe substituieren und wichtige Umweltziele erreichen. Es spricht also sehr viel dafür. Schwer verständlich, daß wir noch nicht weiter sind ...

DIEFURCHE: Mangelt es an politischer Bereitschaft?

KOPETZ: Es gibt von der Regierung diesbezüglich zwar Erklärungen. Es fehlen aber entsprechende Entscheidungen.

QIefiirchE: Könnte Biomasse auch in großen kalorischen Kraftwerken zum Einsatz kommen'

KOPETZ: Derzeit gibt es ein von Brüssel genehmigtes Projekt in Zeltweg. Ein großer Biomassevergaser mit zehn Megawatt soll errichtet und das Holzgas in den Kohlekessel eingeblasen werden. Bis zu 15 Prozent der fossilen Brennstoffe bei kalorischen Kraftwerken wären so durch Biomasse ersetz-bar. Andere technische Lösungen wären denkbar, etwa Holz- und Kohlestaub gleichzeitig einzublasen. In den USA gibt es Kraftwerke, die nur Holz verwenden.

DIEFURCHE: Welchen Anteil könnten erneuerbare Energien in Zukunft ausmachen'

KOPETZ: In 15 bis 20 Jahren könnte der Anteil verdoppelt werden. Die Hälfte der einzusparenden 15 Millionen Tonnen C02 könnte aus dem Ersatz fossiler durch erneuerbare Energien vor allem auf dem Wärmemarkt stammen.

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