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"Ein himmelschreiendes Missverhältnis"

1945 1960 1980 2000 2020

Der österreichische Friedensforscher Karl Kumpfmüller über die europäische Flüchtlingspolitik, die Mitverantwortung internationaler Großkonzerne an den Konflikten und Krisen und den Bedarf an aufgeklärten Politikern für ein Umdenken in der Gesellschaft.

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Der österreichische Friedensforscher Karl Kumpfmüller über die europäische Flüchtlingspolitik, die Mitverantwortung internationaler Großkonzerne an den Konflikten und Krisen und den Bedarf an aufgeklärten Politikern für ein Umdenken in der Gesellschaft.

Karl Kumpfmüller war Friedens- und Entwicklungsforscher an der Grazer Karl-Franzens-Uni sowie Gastvortragender an vielen anderen österreichischen und europäischen Universitäten, in den USA und Hongkong. Er initiierte auch das Friedensforschungszentrum Burg Schlaining.

DIE FURCHE: Die globalen Unruheherde haben Mitteleuropa erreicht. Das kann für Sie als Friedensforscher nicht zufriedenstellend sein.

Karl Kumpfmüller: Die Friedensforschung hat diese Entwicklung seit 40 Jahren vorausgesagt. Ein französischer Kollege sagte bereits 1977: "Wenn die Unterentwicklung der Dritten Welt so weiter geht, werden eines Tages die Afrikaner an der Südküste Frankreichs landen, aber wahrscheinlich werden ihnen dazu die Schiffe fehlen." Dass sich diese Prophetie so konkret erfüllen wird, an das hat damals niemand geglaubt. Allerdings wusste man, die ständig zunehmende Ausbeutung der Dritten Welt wird dazu führen, dass zwei Drittel unseres Globus so stark verarmen, dass Leute, getrieben durch Hunger, Krieg und Terror, alles versuchen werden, um ihr Leben zu retten.

DIE FURCHE: Warum wird das vorhandene Expertenwissen nicht angewendet in der Politik?

Kumpfmüller: Das liegt daran, dass in unserer Gesellschaft die politische Klasse die einzige Berufsgruppe ohne verbindlichen Qualifikationsnachweis ist. In einem Zeitalter, wo ständig mehr Qualifikation verlangt wird, verlangen wir von Politikern noch immer keinen Nachweis ihrer Expertise. Für die meisten reicht eine Parteikarriere. Wir haben aber äußerst komplexe Probleme zu lösen. Wir müssen die allerbesten Köpfe gewinnen, mit hoher Lösungskompetenz. So halte ich es z. B. für unverantwortlich, wenn ein 27-jähriger Student Außenminister eines EU-Landes werden kann.

DIE FURCHE: In der EU ist eine Militarisierung und Abschottung im Gang. Will Europa seinen Wohlstand nicht teilen?

Kumpfmüller: Bisher haben alle politisch Verantwortlichen angenommen, dass man mit Almosen, mit nicht mehr als drei Promille unseres Reichtums, die Armut in der Welt beseitigen wird. Die eigene geschichtliche Erfahrung hätte uns aber lehren müssen, dass auch in Europa die Not nicht durch Almosen beseitigt worden ist, sondern durch politischen Kampf, Bildung und Emanzipation. Wir brauchen eine Systemänderung - ich nenne es "system change, not refugee change". Keine der Maßnahmen, die wir jetzt setzen, da Millionen Menschen nach Europa drängen, beseitigt die Ursachen. Ganz im Gegenteil, es werden dann noch mehr Mittel fehlen, um vor Ort etwas zu ändern. So wichtig es ist, Flüchtlinge aufzunehmen, genauso notwendig ist es, die Ausbeutung zu bekämpfen und gezielte Hilfe zum Aufbau dieser Staaten zu leisten. Dazu gehört ein sofortiger Schuldenschnitt der bisher aufgelaufenen drei Billionen Dollar, die diese Länder niemals zurückzahlen können. Während unsere Banken jedes Jahr weit über 500 Milliarden Dollar an diesen Schuldendienstzahlungen von den Entwicklungsländern einstreichen, bekommen diese umgekehrt nur 120 Milliarden an Entwicklungshilfe!

DIE FURCHE: Viele europäische Länder exportieren massenhaft Waffen und weigern sich, Flüchtlinge aufzunehmen.

Kumpfmüller: Die staatliche Entwicklungshilfe war immer schon sehr stark an wirtschaftliche und außenpolitische Eigeninteressen gebunden und hat daher die eigentlichen humanitären Bedürfnisse sträflich vernachlässigt. Wenn diesen 120 Milliarden Dollar Gesamthilfe auch noch 600 Milliarden Dollar an Rüstungsausgaben allein in den USA gegenüberstehen, um damit Krieg in diesen Ländern zu führen, dann sehen Sie dieses himmelschreiende Missverhältnis zwischen Hilfe und politischen Interessen. Die Dritte Welt hat überhaupt keine Chance sich zu emanzipieren, solange Wirtschafts-und Politikinteressen viel stärker als humanitäres Engagement sind.

DIE FURCHE: Ist die Türkei unter Erdogan ein ernstzunehmender politischer Partner für Europa?

Kumpfmüller: Wir entdecken auch hier die gleichen Strukturen. Die reichen Staaten mit ihren riesigen Konzernen beherrschen das globale Wirtschaftsgeschehen monopolartig. Menschen in Osteuropa, im Nahen Osten, in Lateinamerika und Afrika fühlen sich wie von Despoten behandelt. Sie machen die Erfahrung, wo immer es um ihre Interessen geht, sitzt ihnen ein Westeuropäer oder Amerikaner gegenüber, der die Entscheidungen trifft. Sie fühlen sich ständig gemaßregelt, und daher wächst eine grundlegende Aversion gegen den Westen. Die EU hat auch den Griechen keinen Schuldenschnitt zugestanden, aber jetzt braucht man sie als Kooperationspartner. Athen sagt: Wir haben kein Geld, wir müssen doch sparen! Die Türken argumentieren ähnlich: Wir haben bis jetzt über zwei Millionen aufgenommen, Ihr gerade einmal eine Million -obwohl Ihr um ein Vielfaches größer und reicher seid. Wir Westeuropäer müssen lernen, dass wir in einer extrem überprivilegierten Situation sind gegenüber Ländern, in denen momentan die meisten Flüchtlinge leben. Rein finanziell könnten wir noch viele Millionen Flüchtlinge versorgen. Das Problem liegt in einer entsprechenden Politik-und Demokratieverträglichkeit, ob nämlich eine Mehrheit in unserer Gesellschaft bereit sein wird, sich dieser Verantwortung zu stellen.

DIE FURCHE: Warum ist Teilen so schwierig?

Kumpfmüller: Je reicher Menschen werden, desto geiziger sind sie. Wenn wir die Situation mit 1956 vergleichen, wo 180.000 Ungarn zu uns geflohen sind und die meisten Österreicher wirklich noch sehr arm waren: Österreich hat diese Menschen innerhalb weniger Wochen aufgenommen, untergebracht, versorgt. Heute sind wir 10-bis 20-mal so reich, sagen aber, wir hätten bereits jetzt unsere Aufnahmefähigkeit erreicht. Da stimmt doch etwas mit der Moral in unserer Politik nicht.

DIE FURCHE: Viele Menschen haben offenbar Angst und waren auf diese Situation nicht vorbereitet.

Kumpfmüller: Ja. Gerade in dieser Krisenzeit bräuchten wir aufgeklärte Menschen und Politiker, die über die Zusammenhänge Bescheid wissen und auch darüber, dass nur eine solidarische Weltgesellschaft überlebensfähig ist. Das betrifft nicht allein die Aufnahme von Flüchtlingen, sondern auch die Probleme des Klimawandels, der Naturzerstörung, des Bevölkerungswachstums. Allein die Tatsache, dass sich in Afrika die Bevölkerung noch in diesem Jahrhundert von 1,1 Milliarden auf 4,4 Milliarden vervierfachen, in Europa aber um 80 Millionen verringern wird, zeigt, dass die Flüchtlingsbewegungen nicht allein durch Kriege, sondern in Zukunft noch viel stärker von diesem Bevölkerungsdruck verursacht werden. Diesen Aspekt vermisse ich in der Debatte.

DIE FURCHE: In der Politik wird der Kampf gegen Terror betont. Greift das nicht zu kurz?

Kumpfmüller: In den Vorstädten von Paris, Brüssel und Birmingham sind junge Menschen derart isoliert und hoffnungslos, dass ihnen das imaginierte Ideal eines bedingungslosen Kampfes bis zum eigenen Märtyrertod als einziger Ausweg erscheint. Ein weiteres wichtiges Motiv ist der brutale Kolonialismus der Europäer, der bis heute nicht aufgearbeitet ist. Wenn es nicht gelingt, diese jungen Migranten von Anfang an in die Gesellschaft zu integrieren, ihnen Brot und Arbeit zu geben, wird Terror weiterhin eine große Faszination auf sie ausüben. Weil sie nichts zu verlieren haben.

DIE FURCHE: Zahlreiche Beispiele bestätigen die Integration von geflüchteten und zugewanderten Menschen.

Kumpfmüller: Selbstverständlich, der allergrößte Teil ist bereits gut integriert.

DIE FURCHE: Andererseits gibt es Politiker, die behaupten, Integration könne nicht funktionieren.

Kumpfmüller: Heute leben weit über 90 Prozent der Bosnier, Türken und Araber friedlich in unserer Gesellschaft. Diese Menschen dürfen nicht ihre Kultur aufgeben, um möglichst schnell unsere Kultur zu übernehmen. Integration ist ein gegenseitiger Prozess von Geben und Nehmen. Auch wir müssen von diesen Kulturen nehmen und lernen. Rita Süssmuth meinte vor Kurzem, ob nicht eine Debatte über die Defizite bei unseren eigenen Werten wichtiger wäre. Ich sehe eine enorme Bereicherung und Chance darin, unseren eigenen Werteverlust wieder wettzumachen. Mitgefühl und Mitdenken machen uns reicher als materieller Genuss.

Das Gespräch führte Heike Hausensteiner

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