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Ein Standbein reicht nicht

Das Berufsprofil einer Bäuerin hat sich stark gewandelt. Die neuen Anforderungen machen ihre Arbeit nicht immer leichter.

Außer Kontrolle" heißt das Stück der Kabarett-Truppe "Miststücke", das humoristisch zugespitzt die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Bäuerinnen auf die Bühne bringt. Die acht beteiligten Frauen - selbst hauptberufliche Bäuerinnen - schöpfen dabei aus dem Vollen: Agrarpolitik, eu-Förderungsunwesen, Hygienekontrollen, Generationenkonflikte auf dem Bauernhof, geschlechtsspezifische Rollenbilder. Das Projekt ist im Rahmen des Frauenarbeitskreises der Österreichischen Bergbauern und Bergbäuerinnen Vereinigung (öbv) entstanden und wurde von der Bildungsreferentin Monika Mlinar begleitet: "Die Szenen sind aus dem Leben heraus gebastelt. Wir wollten Personen außerhalb der Landwirtschaft ermöglichen, einen Einblick in den bäuerlichen Alltag zu bekommen."

Dieser Alltag und die Arbeitsbedingungen der Bäuerinnen sind durch den, vom eu-Beitritt Österreichs noch verstärkten, Strukturwandel in der Landwirtschaft nicht unberührt geblieben. Die Anforderungen steigen ständig an: Bäuerinnen sollen auf die veränderten Rahmenbedingungen reagieren, wettbewerbsfähiger werden, sich auf bestimmte Produkte spezialisieren und sich im Dschungel der eu-Vorschriften und Formulare zurechtfinden. Um das finanzielle Überleben vor allem von kleineren Höfen, deren Ertrag schon lange kein Auskommen mehr ermöglicht, zu sichern, empfiehlt man ihnen, am Hof mehrere Standbeine aufzubauen: Neben Direktvermarktung und Tourismus, gibt es auch die Projekte "Betreutes Wohnen" von Senioren am Bauernhof oder "Bäuerinnen als Tagesmutter". Diese von der Politik erarbeiteten Konzepte sind jedoch nicht unbedingt ein Allheilmittel und bedeuten außerdem ein beträchtliches Maß an Mehrarbeit.

"Das vorrangige Ansinnen vieler Bäuerinnen ist es aber, vom Hof zu leben." Iris Strutzmann vom öbv sieht darin auch den Grund, warum die Direktvermarktung sich für viele zu einem wichtigen Standbein entwickelt hat: Die Primärproduktion steht dabei im Zentrum und der Kontakt mit den Konsumenten trägt zur gesellschaftlichen Anerkennung der bäuerlichen Arbeit bei.

Die Bedeutung der Frauenarbeit für die Landwirtschaft ist durch die eu-Agrarstrukturerhebung 1999 deutlich sichtbar geworden: Gut ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe in Österreich werden von Frauen geleitet.

Verbesserungen haben die vergangenen 15 Jahre vor allem in der sozialen Absicherung der Bäuerinnen gebracht. Bevor 1992 eine eigene Bäuerinnenversicherung eingeführt wurde, konnte nur eine Person am Betrieb versichert sein und das war im Regelfall der Mann. Seit 1992 besteht, wenn ein Ehepaar gemeinsam den Betrieb führt oder einer der beiden hauptberuflich im Betrieb des Ehepartners beschäftigt ist, per Gesetzt eine Teilung des Versicherungswertes. Bei völlig gleichem Versicherungsverlauf hieße das eine Halbierung sowohl des einzuzahlenden Beitrags als auch der später ausgezahlten Pension. Die Kindererziehungszeiten und Zusatzleistungen (wie etwa die Erwerbsunfähigkeitspension) können von Frauen ebenfalls erst in Anspruch genommen werden, seitdem sie eine eigene Pension beziehen. Die als sozialpolitischer Meilenstein gepriesene Bäuerinnenversicherung erscheint angesichts der Tatsache, dass Bauern die geringsten Pensionen beziehen und Bäuerinnenpensionen im Schnitt noch niedriger sind als die ihrer männlichen Kollegen, noch nicht gänzlich zufriedenstellend.

Wenn auch Selbstständigkeit, Naturverbundenheit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf von den Bäuerinnen als besonders positive Aspekte ihrer Arbeit empfunden werden, so rufen jedoch die agrarpolitischen Rahmenbedingungen sowie die häufig beengenden wirtschaftlichen Verhältnisse nicht selten Ohnmachtsgefühle und Frust hervor. Für besonders wichtig hält Strutzmann (övb) deshalb auch Bildungsarbeit für Bäuerinnen, die über die landwirtschaftliche Produktion hinausgeht - Projekte wie jenes Bäuerinnenkabarett "Miststücke", das den Frauen ermöglicht, heikle und tabuisierte Themen ihres Alltags aufzuarbeiten, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und das herrschenden Bild der Bäuerin aktiv mitzugestalten.

"Miststücke" - "Ausser Kontrolle"

8. März 2005, 20 Uhr 30

TÜWI-Baracke, Peter Jordanstr. 76, 1190 Wien, Eintritt e. 11,-

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