Eine Bruchlandung mit Signalwirkung

Nach 40 Stunden Stillstand fliegt sie wieder, die Swissair - aber nur weil die Schweizer Regierung tief in die Tasche gegriffen hat. Die derzeitige, weltweite Krise der Luftfahrt ist nur ein Beispiel für die Instabilität des Wirtschaftssystems.

Die Attentate in den USA vor einem Monat waren nur der letzte Auslöser für die Pleite des renommierten Luftfahrtunternehmens. Schon im April musste es das schlechteste Ergebnis in seiner 70-jährigen Geschichte bekanntgeben: 48 Milliarden Schilling Konzernverlust im Jahr 2000. Mittlerweile beträgt der Schuldenberg 135 Milliarden. Und dennoch können sich Experten einen Konkurs des Unternehmens nicht vorstellen, sind doch etwa 72.000 Arbeitsplätze bedroht, im Bereich der Fluglinie allerdings nur 7.300. Also muss der Schweizer Staat einspringen. Und dieser machte zunächst einmal mehr als vier Milliarden Schilling locker, damit ein Teil der Flugbetriebs der Swissair fortgeführt werden kann.

Mit ihrer Pleite steht die Swissair aber keineswegs allein da. Krisen gibt es, wohin man schaut: bei der AUA, die laut "Format" 1.000 Jobs einsparen will, bei "Sabena", die ohne staatliche Spritze von 1,7 Milliarden Schilling konkursreif ist, bei "Alitalia", der voraussichtlich mit 21 Milliarden unter die Arme gegriffen werden muss.

Aber nicht nur in Europa, dem Wifo-Verkehrsexperte Wilfried Puwein einen Nachholbedarf an Liberalisierung im Bereich der Luftfahrt bescheinigt, schrillen die Alarmglocken. Am meisten betroffen sind die Vereinigten Staaten: "American Airlines" und "United Airlines" werden jeweils 20.000 Mitarbeiter entlassen. Und "Continental Airlines" baut 12.000 Jobs ab, um dem sonst drohenden Konkurs per Ende Oktober vorzubeugen. Continental-Chef Gordon Bethune rechnet damit, dass sich in der gesamten Branche Kündigungen in der Höhe von 100.000 Mitarbeitern ergeben könnten. Selbst der Flugzeug-Hersteller Boeing reagiert massiv und kündigt die Streichung von 30.000 Arbeitsplätzen (14 Prozent der Belegschaft) an.

1999: Flug-Boom

Kein Wunder, dass die US-Regierung reagiert: Im Repräsentantenhaus liegt bereits ein Gesetzesentwurf, der Darlehen und Hilfen in der Höhe von 224 Milliarden Schilling für die US-Lauftfahrtindustrie vorsieht.

Die Internationale Luft-Transport-Vereinigung (IATA) rechnet in nächster Zeit mit Einbußen von acht bis 16 Prozent im Flugverkehr.

Vor zwei Jahren las man es noch ganz anders: Da wurde der Ausbau der Flughäfen forciert, da waren 541 Millionen Flugpassagiere allein in Europa unterwegs, da feierte man zweistellige Zuwachszahlen bei den außereuropäischen Flügen.

All das bildete den Hintergrund der gigantischen Wachstumsprognosen für den Flugverkehr: Bis 2015 sollte er sich verdoppeln. Beim Aero-Salon in Paris im Juni 1999 malten die Flugzeug-Hersteller "Boeing" und "Airbus" unisono die Zukunft in den leuchtendsten Farben: In den nächsten 20 Jahren würden 15.000 neue Flugzeuge in Betrieb gehen, mit einem Umsatz von 40.000 Milliarden Schilling sei zu rechnen. Kein Wunder, dass Deutschlands Verkehrsminister Reinhard Klimmt noch Mitte des Vorjahres die Luftfahrt als die eigentliche Wachstumsindustrie bezeichnete.

Rapider Absturz

Wie ist es dann möglich, dass ein so hochgelobter Wirtschaftszweig in so kurzer Zeit in eine so schwere Krise taumeln kann? Obwohl die Katastrophe von New York in vieler Hinsicht verheerend gewesen ist - zwei Tage Flugverbot über den USA, aufwändigere Kontrollen im Flugverkehr und vorübergehend sinkende Passagierzahlen dürften doch eigentlich nicht einen solchen Flächenbrand auslösen.

Wenn nun aber ein angeblich florierender Wirtschaftszweig so rasch in eine schwere Krise torkeln kann, wirft das doch eine wichtige Frage auf: Wie können international angesehene Unternehmen dieser Größenordnung derart kurzatmig sein, unfähig, auch nur einige Wochen aus eigener Kraft mit Rückschlägen zurechtzukommen? Denn eigentlich sollte es zum selbstverständlichen Repertoire eines erfolgreichen Unternehmens gehören, dass es imstande ist Durststrecken durchzustehen, ohne gleich einen beachtlichen Teil seiner Belegschaft in die Wüste zu schicken.

Somit ist nach dem Einbruch der Kurse auf den internationalen Börsen in den letzten 1,5 Jahren die Krise der "Wachstumsbranche" Luftfahrt ein weiterer Indikator dafür, dass die Art des Wirtschaftens heute mehr als fragwürdig ist.

Ein wichtiger Aspekt dieses Problems wurde vergangene Woche bei der Betriebsrätekonferenz der Siemens AG-Österreich angesprochen. Der Feststellung von Hans Sallmutter, Chef der Privatangestellten-Gewerkschaft, der Mensch werde heute im Unternehmen nur mehr als Kostenfaktor gesehen, begegnete Siemens-Generaldirektor Albert Hochleitner mit der Bemerkung: "Wir werden an der Börse bewertet." Und danach habe sich das Unternehmen zu richten. Maßgebend für den Erfolg ist eben heute der "shareholder value", also das, was für die Kapitalgeber im Rahmen der Unternehmenstätigkeit erwirtschaftet werden muss.

Diese Spielregel setzt die Unternehmen enorm unter Druck, Jahr für Jahr ihren Erfolg durch möglichst hohe Gewinne nachzuweisen. Damit begünstigt sie eine Betriebsführung, die es um der kurzfristigen Erfolgsbilanz willen durchaus auf sich nimmt, längerfristige Perspektiven hintanzustellen. Denn an den Börsen wird die Zukunft des Unternehmens aufgrund seiner Bilanzzahlen beurteilt. Es verschwindet in seiner ganzen Komplexität hinter einem dürren Zahlengerüst.

Effizienz über alles

Dieser Umstand und die wachsende Konkurrenz auf internationalen Märkten zwingen die Unternehmen, pausenlos ihre Effizienz zu erhöhen, sich optimal an die Marktbedingungen anzupassen, um so eine möglichst günstige Relation zwischen Kosten und Ertrag zu erreichen. Diese forcierte Anpassung ist dann eine geeignete Strategie, wenn sich die Umweltbedingungen, in denen gewirtschaftet wird, nur wenig ändern, wenn also nicht mit größeren Störungen gerechnet werden muss.

Damit sind effiziente Systeme aber auch auf ein bestimmtes Umfeld angewiesen. Am Beispiel der Pflanzenzucht lässt sich das illustrieren. Gezielte Züchtung kann die Effizienz, die Leistungsfähigkeit von Pflanzen enorm steigern. Dies erfordert aber, dass der Pflanze optimale Umweltbedingungen garantiert werden: bestimmte Temperaturen, gesicherte, regelmäßige Wasserzufuhr, fortgesetzte Bekämpfung von Unkraut und Schädlingen. Lassen sich diese Bedingungen nicht aufrechterhalten, bricht die Leistung zusammen.

Die Effizienz eines Systems steht somit in einem gewissen Spannungsverhältnis zu einer anderen wichtigen Eigenschaft, nämlich seiner Überlebensfähigkeit, seiner Stabilität. Dieses Merkmal beschreibt die Kapazität, mit größeren Störungen zurecht zu kommen, beziehungsweise sich in einem stark veränderten Umfeld zurecht zu finden.

Soziale Systeme, also auch Unternehmen, sollten in beiden Dimensionen ausreichende Fähigkeiten besitzen. Dies erscheint jedoch bei den derzeitigen wirtschaftlichen Spielregeln nicht ausreichend gewährleistet: Indem diese Regeln die kurzfristige Optimierung des Erfolges forcieren, fördern sie die Entstehung effizienter sowie großer und mächtiger Einheiten, die sich auf den Märkten durchzusetzen verstehen. Solange das Wachstum stimmt, das positive Klima an den Börsen überwiegt, die Konsumenten zum Einkaufen animiert werden können, läuft alles wie geschmiert.

Viel zu billig

Aber wehe, das Umfeld ändert sich, und es treten größere Störungen auf. Dann folgt der Euphorie der Katzenjammer und die Propheten des beinharten Wettbewerbs mausern sich plötzlich zu glühenden Befürwortern staatlichen Eingreifens. Genau das beobachten wir derzeit bei der Luftfahrt.

Weil sich Ähnliches wohl in jedem anderen Wirtschaftssektor abspielen würde, sobald die Riesen dort zu wanken beginnen, ist es wert, sich bei diesen Überlegungen aufzuhalten: Offensichtlich wurden die Leistungen der Luftfahrt zu billig angeboten, enthielten ihre Preise doch nicht einmal einen ausreichenden Polster für eine kurzfristige Krisensicherung. Und so muss jetzt der Steuerzahler für diese Fehlleistung aufkommen.

Was hier am Beispiel der Luftfahrt offenkundig wird, ist ein Grundproblem heutigen Wirtschaftens. Seine Rahmenbedingungen sorgen nicht ausreichend dafür, dass langfristig erforderliche Vorsorge in die Politik der Unternehmen einfließt. Die wirtschaftlich "goldenen" neunziger Jahre weckten wieder einmal die Illusion vom unbegrenzten Wachstum der Wirtschaft im überschaubaren Rahmen.

Nun könnte die Katastrophe vom 11. September eine Gelegenheit sein, sich endlich von dieser Illusion zu verabschieden und eine Politik zu forcieren, die der Vorsorge mehr Bedeutung beimisst. An absehbaren Krisen mangelt es ja nicht, an der Energie- und an der Umweltfront, sowie an den vielen Fronten, die sich durch die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich auftun.

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