Deutschland - © Foto: EPA

Ende der Industrienationen: Aufwachen, Deutschland!

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Deutsche Befindlichkeiten und die globale wirtschaftliche Realität.

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Deutsche Befindlichkeiten und die globale wirtschaftliche Realität.

Vor der letzten Bundestagswahl hat die damalige Opposition aus Union und FDP so getan, als stehe dieses Land am Abgrund. Angela Merkel, die Kanzlerkandidatin im Wartestand, wollte den Deutschen kalte Kneipp-Güsse verschreiben, damit in Zukunft alles besser würde. Sie zeigte den Wählern die Folterinstrumente, schrammte knapp an einer Wahlniederlage vorbei und tut nach ihrem Einzug ins Kanzleramt das genaue Gegenteil dessen, was sie zuvor versprochen hatte. Die große Koalition steht für den starken steuernden Steuer-Staat, der die "Untertanen" ohne Narkose operiert, ohne dass sie die Aussicht hätten, nachher ginge es ihnen besser.

Defizite in Ost und West

Sowohl die Politiker als auch ihr "Stimmvieh" haben noch Schwierigkeiten, sich in der neuen Wirklichkeit einzurichten. Dies gilt für die Deutschen in Ost und West gleichermaßen, denn die Erfahrungen, die sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts machten, waren so unterschiedlich nicht. "Der westliche Industriekapitalismus und die scheinbar so gegensätzliche sowjetische Planwirtschaft hatten vieles gemeinsam. In erster Linie dies, dass es beiden Systemen nicht gelang, eine stabilisierende Vielfalt zu errichten. Die immanente Unfähigkeit, Neues zu erkennen und zu befördern, finden wir in beiden Systemen gleichermaßen", schreibt der brand eins-Autor Wolf Lotter in seinem neuen Buch Verschwendung.

Lotter weist nach, dass seit den siebziger Jahren in den meisten Staaten der OECD die Industrie nicht mehr der bedeutendste volkswirtschaftliche Faktor ist. Dienstleistungen hätten sie überrundet. Seit Jahrzehnten verliert die Industrie Millionen von Jobs, doch keinen stört es. Die aufstrebenden Emerging Markets begründen ebenfalls keine "vollständige Renaissance der alten industriekapitalistischen Verhältnisse, nach denen sich die meisten Machthaber der Ersten Welt noch heute zurücksehnen", so Lotter - denn es "zeigt sich, dass die neuen kapitalistischen Großmächte nicht den Fehler der Monokultur begehen, der die europäische Wirtschaft so angreifbar macht".

Denkfabrik Indien

Klischees helfen, damit sich die Menschen eine Vorstellung von etwas machen können. Ein Beispiel: Das Kürzel BRIC wurde erfunden. Brasilien gilt seitdem als das Rohstofflager, Russland als die Tankstelle, Indien firmiert als Denkfabrik und China als Werkbank der Welt. Gegen solche positiven Assoziationen werden die Regierungen und die Völker dieser aufstrebenden Länder sicher nichts einzuwenden haben. Insbesondere die indische Regierung dürfte sich an dem Etikett "Denkfabrik" nicht stören, da dieses Schwellenland auf dem Weg zur Dienstleistungsgesellschaft besonders erfolgreich war.

Manchmal bedarf es eines bestimmten Ereignisses, das die Menschen wachrüttelt. So war es Anfang des Jahres, als der indische Stahl-Magnat Lakshmi Mittal nach dem europäischen Stahlkonzern Arcelor griff. Der Vorgang bewegte nicht nur die Wirtschaftspresse. Viele Europäer rieben sich verdutzt die Augen. Weniger als zwei Dekaden könnte die größte Demokratie der Welt brauchen, um von der wirtschaftlichen Größe Mexikos zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt nach den USA und China zu werden, lautet die Einschätzung von Indien-Experten. Seit 2003 wächst die Wirtschaft des Landes mit durchschnittlich acht Prozent - und damit deutlich schneller als um die sechs Prozent, die Indien seit Beginn der Liberalisierung 1991 zulegte.

"Made in Germany" als Fluch

Trotz der Vielfalt an Sprachen, Religionen und Kasten fürchtet kaum ein Beobachter Indiens einen Kollaps oder einen Bürgerkrieg. Vielleicht ist diese Vielfalt, die allen Homogenitäts-Fanatikern ein Dorn im Auge sein dürfte, ein Garant für Ideenreichtum und Kreativität. Der Westen hat den Aufstieg Indiens und anderer Schwellenländer weder richtig registriert noch verkraftet. Die neue Unübersichtlichkeit verunsichert. Kein Wunder, dass manche mit nostalgischen Gefühlen an die übersichtliche Welt der Industriegesellschaft zurückdenken.

Die Fixierung auf den Industriekapitalismus ist ein Produkt der deutschen Geschichte. Denn einst ist das Deutsche Reiche damit groß geworden. "Made in Germany" sollte - so die Intention der Briten - deutsche Produkte als minderwertig diskreditieren. In Wahrheit entpuppte sich das ganze als Drei-Worte-Hymnus auf deutsche Ingenieurskunst, die weltweit ihresgleichen suchte und nicht fand. Mit fatalen Folgen: "Dieser alte Erfolg steckt uns in den Knochen - denn, wie gesagt: Nichts ist schlimmer, nichts macht müder als der Erfolg der vergangenen Tage", schreibt Lotter. Dieser Siegeszug hatte noch andere Schattenseiten, denn die Industriegesellschaft führte zum Zentralismus, zur Norm und zum Standard. Mit diesen Waffen konnte das Deutsche Reich den englischen Konkurrenten ausstechen: "Und so wurde Deutschland zur größten Industrienation Europas, seine Ingenieure zum Synonym für die Berechenbarkeit der Welt und, was noch viel wichtiger ist, für Sicherheit. Denn Normen und Standards liefern brauchbare Hinweise auf Qualität, auf Zuverlässigkeit und Dauer der Nutzbarkeit von Produkten. Sie schaffen Vertrauen."

Doch der Industrialismus sei kein Naturgesetz, sondern bloß ein "historischer Treppenwitz", wenngleich mit hoher Wirkung auf unser Bewusstsein. Seit Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts verliert die Bundesrepublik jährlich fünf Prozent ihrer Industriearbeitsplätze. Das macht täglich mehr als neunhundert Jobs. Laut Lotter gibt es kein Entrinnen: Die Industrie - wie wir sie kennen - sei tot. Stark sei nur ihr Echo. Industriearbeitsplätze werden voraussichtlich nie wieder die Basis für einen starken Staat bilden.

"Der Untertan"

Muss man dies bedauern? Ein Blick in die deutsche Geschichte lehrt, dass der immense wirtschaftliche Erfolg des Landes auch dadurch erkauft wurde, dass die Bürger gleichgeschaltet wurden. Nicht ohne Grund gewährt "Der Untertan" von Heinrich Mann - bei allen Schwächen und Pauschalisierungen - einen guten Einblick ins wilhelminische Deutschland, das auf Zucht, Homogenität, Zentralismus und Normierung angelegt war. Einen Großteil seiner kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Blüte verdankte Deutschland seinen jüdischen Gelehrten, die, so Lotter, "für Vielfältigkeit, eine unerlässliche Tugend aller Wissens-und Kopfarbeiter" standen und sich gerade hierdurch verdächtig machten: "Der erste deutsche Staat und seine Industrie bauten auf dem Königreich Preußen auf, und bis heute weiß jedes Kind, was ,Preußentum' bedeutet: Disziplin, straffe Ordnung, ein System rigoroser Strafen, eine nahezu krankhafte Sucht nach Hierarchien, eine fanatische Doktrin der Ausnahmslosigkeit. Man kann diese im Großen nachvollziehen oder im Kleinen, etwa im Berufsbild des Controllers, des Ingenieurs der Zahlen."

Gemütliche Illusionen

Entgegen dem legendären Satz, die Deutschen hätten kein Erkenntnis-sondern nur ein Umsetzungsproblem, hinkt dieses Land der Wirklichkeit hinterher. Der schwarz-rot-goldene Party-Patriotismus während der Fußball-WM hat über ein paar Wochen vergessen lassen, mit welch riesigen Problemen wir zu kämpfen haben. Die Kosten für Hartz IV laufen immer mehr aus dem Ruder. Konzepte für mehr Arbeit, weniger Steuern und eine bessere, vielleicht sogar kostengünstigere Gesundheitsversorgung liegen nicht auf dem Tisch oder werden nicht umgesetzt. Die Deutschen haben sich in ihren Illusionen gemütlich eingerichtet, verschlafen die Zukunft und zahlen lieber für den Reparaturbetrieb.

Gibt es neue Gewissheiten und Sicherheiten, an die sich die Menschen klammern können? Für Sicherheit und Stabilität muss jeder selbst sorgen. Der eine wird sie in seiner Familie finden, der andere in seinem religiösen Bekenntnis, der dritte vielleicht bei Freunden und im Verein. Der Staat hat schon genug damit zu tun, dass er seine Bürger vor Kriminalität, Terrorismus und Kriegen beschützt. Ansonsten ist der Staat kein Gott und war auch nie einer. Wenn es um die eigene Altersversorgung geht, weiß mittlerweile jeder, der die Realität zur Kenntnis nimmt, dass ihn der Staat über Jahre wider besseres Wissen belogen hat. Wer sich auf seine staatliche Rente verlässt, der ist im Alter verlassen. Daher sorgen diejenigen, die auch mit über 60 noch angemessen leben und der Gemeinschaft dann nicht auf der Tasche liegen wollen, selber vor.

Generation Praktikum

Eventuell liefert die so genannte Generation Praktikum einen Beleg dafür, wie sich die Zukunft gestalten könnte, wobei es selbstverständlich ungerecht ist, dass in Deutschland insbesondere die junge Generation mit Unsicherheiten, Risiken und schlechteren finanziellen Aussichten auskommen muss als die Älteren, die ihre Schäfchen schon im Trockenen haben. Die Generation Praktikum lebt nicht freiwillig so, wie sie es jetzt tut. Viele dieser jungen Menschen wünschen sich auch etwas mehr Berechenbarkeit in ihrem beruflichen Alltag, um ihr Leben besser planen zu können. Aber klar ist auch: Die früheren Zeiten sind vorbei. Heute fängt kein 17-Jähriger mehr in einem Betrieb als Lehrling an, um dann mit 65 das Werkstor zum letzten Mal zu passieren und in Rente zu gehen. Was wird die Zukunft bringen? Keiner weiß die Antwort. Positiv gewendet: Es bleibt spannend. Die Geschichte ist noch nicht an ihr Ende gekommen.

Literaturhinweis:

Verschwendung. Wirtschaft braucht Überfluss - die guten Seiten des Verschwendens.

Von Wolf Lotter. Hanser Verlag, München 2006. 254 Seiten, e 19,90

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