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"Frauen sind die besseren Wirtschafter"

Peter Püspök, der ehemalige Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, sorgt sich als Chef von Oikocredit Austria nun um Mikrokredite statt um Großkunden.

Die Furche: Herr Püspök, was hat Sie bewogen, Vorstandsvorsitzender von Oikocredit Austria zu werden?

Peter Püspök: Mit der Idee der Mikrokredite habe ich mich schon vor vielen Jahren befasst. Meine gesamte 37-jährige Banker-Karriere habe ich in der genau entgegengesetzten Ecke gemacht, nämlich im Bereich der Großkunden. Doch da gibt es ein Segment im Kreditgeschäft, das genau das Gegenteil darstellt. Kleine Kredite an ärmste Menschen, die keine Sicherheiten bringen können, und es funktioniert. Und das ist für mich faszinierend. Dazu kommt, dass ich sozial bewegt bin und jetzt auch die zeitlichen Möglichkeiten habe, Dingen nachzugehen, die mir Spaß machen und die ich für sinnvoll halte.

Die Furche: Was haben Sie sich für Ziele gesteckt?

Püspök: Wir wollen die Idee der Mikrokredite den Menschen in Österreich näherbringen. Es geht hierbei auch um eine Bewusstseinsbildung für die Probleme der Menschen in den Entwicklungsländern. Materiell geht es darum, die Mitgliederanzahl und das Kapital wesentlich zu erhöhen. Derzeit haben wir knapp über 1000 Mitglieder, diese Anzahl wollen wir verdoppeln, und das Anlagekapital von acht Millionen Euro wollen wir in den kommenden drei Jahren auch mindestens verdoppeln.

Die Furche: Vergeben Sie nun von Wien aus Mikrokredite …

Püspök: Oikocredit ist eine Genossenschaft mit Sitz in den Niederlanden (Amersfoort), die bereits vor 33 Jahren gegründet wurde. Diese Bank wird gespeist von 30 Förderkreisen, einer davon ist Oikocredit Austria. Die Gelder werden in 60 Länder weitergeleitet und das Geld (derzeit 277 Millionen Euro) wird derzeit zu 80 Prozent an Mikrokreditorganisationen vergeben, d. h. wir verleihen nicht direkt an die Kreditnehmer (meist 50 bis 100 Euro pro Kredit). Die Abwicklung läuft über lokale Partnerorganisationen. Die restlichen 20 Prozent gehen in Entwicklungsprojekte. Voraussetzung ist u. a., dass unsere Auflagen in puncto Umwelt und Soziales eingehalten werden. Projekte, in denen Frauen involviert sind, werden von uns bevorzugt. Über 80 Prozent der Mikrokredite gehen an Frauen, denn es hat sich herausgestellt, dass die Frauen die besseren Wirtschafter sind.

Die Furche: Wie hoch wären Mikrokredite in Österreich, wenn man den Vergleich anstellt?

Püspök: Das kann man so nicht sagen. Aber man kann die Kredithöhe in Bezug zum Tageslohn in den Entwicklungsländern setzen: Der liegt oft bei einem Euro. Da ist dann ein Kredit von 100 Euro schon eine ordentliche Summe.

Die Furche: Geld verändert aber auch die Menschen, man setzt Vertrauen in sie …

Püspök: Wir sind keine Organisation, die Spenden sammelt und die Geschenke weitergibt. Wir sammeln Einlagen und geben Kredite. Wir schenken nicht Geld sondern Vertrauen. Wir wollen die Menschen nicht an einen Geldtropf hängen, sie nicht zu Geschenksempfängern degradieren. Wir wollen sie "empowern" - ihnen Kraft geben, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe. Und das ist ja eine urgenossenschaftliche Idee. Die Kreditnehmer kommen dadurch auch in einen anderen geistigen Zustand, weil sie vom Hilfsempfänger zum Unternehmer werden. Wir glauben, dass dadurch auch ihr politisches Bewusstsein verändert wird, weil sie auch etwas verlieren können.

Die Furche: Werden die Kredite nur durch Einlagen finanziert?

Püspök: Ja, wir nehmen keine Spenden an, und leiten diese auch nicht weiter. Die Mindesteinlage sind 200 Euro, und man kann vierteljährlich das Geld wieder ausbezahlt bekommen. Jährlich zahlen wir durchschnittlich zwei Prozente an Dividende aus. Das heißt, im Vergleich zu einer durchschnittlichen Anlageform mit vier Prozent Rendite pro Jahr, verzichtet der Anleger bei uns auf zwei Prozent. Das stellt bei 200 Euro "eine Spende" von vier Euro dar. Mit vier Euro hat man noch nicht viel bewegt, aber mit 200 Euro Einlage, hat man bereits zwei Mikrokredite ermöglicht.

Die Furche: Wie hoch ist die Ausfallsquote?

Püspök: Die Ausfallsquote lag 2007 bei weniger als einem Prozent. Eine Ironie, oder? Die Finanzmarktkrise ging von den sichersten Krediten (Hypotheken) im reichsten Land der Welt aus. Und in den ärmsten Ländern funktioniert das Kreditwesen einwandfrei.

Das Gespräch führte Thomas Meickl.

www.oikocreditaustria.at

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