7116989-1996_19_08.jpg
Digital In Arbeit

Für ein solares, dezentrales Energiesystem

Die gegenwärtige globalisierende Wirtschaftspolitik ist vor allem fossil und zum kleineren Teil atomar getrieben. Die Plünderung der fossilen Reserven ohne Rücksicht auf die ausgelöste Stoffstromproblematik (siehe Gefahr des Klimawandels) und die Forcierung der Atomkraft ohne Rücksicht auf das Risiko und die Folgekosten ermöglicht erst den wenig zukunftsträchtigen Weltwirtschaftsstil. Energie zum Plünderungstarif der Erde ermöglicht die ökologisch unverantwortbare Konzentrierung der Produktion auf einige wenige Standorte und die Belastung durch einen überbordenden Auto-, Flug- und Schiffsverkehr. Die Erzeugung von Wegwerfgütern in Großserie und ihr Transport rund um den Erdball werden dadurch „rentabel".

Arbeitsplätze landen auf der Mülihalde

Daß damit die Arbeitsplätze in der derzeit auf den „ökonomischen Mülldeponien" landenden „zweiten Hälfte der Wirtschaft", nämlich der Reparatur, Instandhaltung, Einsparung und Wiederverwendung verloren gehen, und daß die Arbeitsspitze in standortangepaßten Nahversorgungssystemen ebenfalls wegfallen (von der Landwirtschaft bis zum Gewerbe und der Kleinindustrie), wird ausgeblendet. Die Gruppe „Vorausschau und Bewertung im Bereich von Wissenschaft und Technik" (FAST-Gruppe) der Kommission der Europäischen Gemeinschaften hat bereits 1984 auf das notwendige Konzept einer neuen Naturbewirtschaftung hingewiesen, in der der Pfad „Landwirtschaft - Chemie - Energie" eine wesentliche Rolle spielt. Die Erkenntnis, daß die ganze Biosphäre, deren Teil wir sind, auf die Nutzung der reichlich einstrahlenden Sonnenenergie ausgerichtet und daß deren Nutzung eine ökologische Notwendigkeit ist, sodaß dies eine radikale Dezentralisierung und Umstrukturierung der Versorgungsketten erfordert, sollte sich mit der Einsicht paaren, daß diese Umstellung neben einer Reihe von anderen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen der Knackpunkt der Umstrukturierung der Industriegesellschaft und der Weltwirtschaft in sozial ausgewogene ökologische Erhaltenswirtschaften ist.

Während die traditionellen Ener-gieversorungsunternehmen kaum Arbeitsplätze sichern, aber dafür überproportionale Umweltschäden verursachen, bietet die Umstellung auf eine vollsolare Energieversorgung hohe Chancen für neue Beschäftigungsfelder. In der Landwirtschaft könnte bei einer Versorgung mit nachwachsenden Rohstoffen und Energieträgern und einer kleinräumigen, energiesparenden Ausnützung aller natürlichen Synergismen von einer Verdreifachung der Arbeitsplätze (plus rund 500.000) ausgegangen werden. Die Steigerung im dann rentablen gewerblich-industriellen Nahversor-gungsbereich kann mit etwa ebenso hoher Zusatzbeschäftigung angenom-

men werden. Damit werden alle anderen Arbeitsplatzinitiativen in den Schatten gestellt - vor allem aber die Behauptung, daß die Umstellung auf die teuren nachhaltigen Energiequellen Arbeitsplätze vernichtet.

Zu bedenken ist dabei auch das Schicksal der Entwicklungsländer, denen dezentrale Versorgungssysteme geradezu auf den Leib geschrieben sind, die wir aber fast zwangsweise mit unseren nicht aufrechterhaltbaren Bedarfsdeckungsstrukturen beglücken.

Die Umstellung auf eine solare, dezentralisierte und vernetzte Energieversorgung könnte eine Umbauphase herbeiführen, die dem vollbeschäftigungsträchtigen Wiederaufbau in den Fünfziger- und Sechzigerjahren gleichzusetzen wäre. Sie könnte uns eine Verschnaufpause für einen geordneten Gesamtumbau unserer in-dustriegesellschaften geben. Wesentliche Bestandteile dieses Gesamtumbaues müßten sein:

■ Eine ökologische Reform der WTO (GATT), der EU und der nationalen Verfassung gemäß der die Beachtung der ökologischen Randbedingungen Vorrang vor allen anderen Pflichten hat (Vorrang der Sicherung der Lebensgrundlagen).

■ Die sogenannte „ökologische Steuerreform", die den Ressourcenverbrauch in jeder Form belastet und die menschliche Arbeit steuerlich entlastet.

■ Die Finanzierung der sozialen Netze aus den international paktierten oder national handelspolitisch abgesicherten Ressourcenverbrauchs-, Kapitaltransfer- und Vermögenssteuern.

■ Die Einführung eines Basiseinkommens („Negative Einkommenssteuer"), um das Tor zu flexiblen Arbeitsund Lebensentwürfen zu öffnen. Diese Lösung der sozialen Absicherung hätte nicht nur den Vorteil einer einfacheren Verwaltung, sondern brächte den Mitbürgern eine bessere Verhandlungsposition bei Arbeitssuche und in mehr kreativen Spielraum bei der Auswahl von Einkommenskombinationen.

Der Autor ist

Präsident der österreichischen Vereinigung für agrarwissen-schaftliche Forschung.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau