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Geld und Zinsen - „Exkremente des Teufels”

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In Furche 21/1995 haben wir eine kritische Betrachtung des vorherrschenden Geld- und Zinssystems und seiner Auswirkungen gebracht. Im folgenden eine Kritik an der Kritik.

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In Furche 21/1995 haben wir eine kritische Betrachtung des vorherrschenden Geld- und Zinssystems und seiner Auswirkungen gebracht. Im folgenden eine Kritik an der Kritik.

Das Geld ist zwar ein Exkrement des Teufels, aber trotzdem ein ganz gutes Düngemittel.” Das erklärte Kardinal Jaime Sin, Erzbi-schof von Manila, einer der prominentesten Kirchenmänner der „Dritten Welt” in einem Exklusiv-Inter-view mit dem Salzburger „Rupertus-blatt”.

Darin kommt die ganze Hilflosigkeit gegenüber der sozialen Funktion des Geldes (Johannes Messner)” drastisch zum Ausdruck, die auch in den Kirchen der Industrieländer weit verbreitet ist. Ein jüngstes Beispiel dafür ist die „Kritische Betrachtung zum Zinssystem” von Harald Klauhs. Die Irrtümer über die Funktionsweise der Volkswirtschaften und ihrer Währungssysteme, die heute auch bei uns immer wieder zu mehr engagierten als ausreichend informierten Kritiken Anlaß geben, sind in diesem Artikel geradezu klassisch formuliert. irrtum Nr. 1: Das Lotto ist der sinnfälligste Ausdruck unseres Wirtschafts-, ist gleich Geld-, ist gleich Zinssystemu

Jedes Wettspiel ist ein Null-Summen-Spiel. Das heißt, daß sich Aufwand (Wetteinsätze plus Kosten der Abwicklung) und Erträge (Treffer plus Reingewinn des Veranstalters) notwendigerweise ausgleichen müssen. Ganz anders ist das hingegen in unserem System zur Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen. Dieses ist nur sinnvoll, wenn aus dem Zusammenwirken von Arbeitskraft mit knappen Sachkapitalgütern und Vorprodukten ein Mehr an neuen Werten zustande kommt, als durch den Produktionsprozeß eingesetzt oder sogar vermeidlicher- oder unvermeidlicherweise vernichtet wird.

Das ist notwendig, weil die Waren und Leistungen knappe Güter sind und nur deshalb einen ökonomischen Wert besitzen. Der Marktwettbewerb ist es, der zum relativ sparsamsten Einsatz der Ressourcen zu einer höchstmöglichen Wertsteigerung zwingt. So bedauerlich es ist, daß damit Verluste eines Anbieters verbunden sein können, so wenig sind diese Verluste eine notwendige Konsequenz des Marktes: Es ist durchaus möglich und sogar nicht selten, daß alle Anbieter mit Gewinn oder wenigstens ohne Verlust verkaufen.

In einem Wettbewerbsmarkt steigt das Sozialprodukt, das heißt: Die Gewinner gewinnen mehr als die Verlustträger verlieren. Zu den Gewinnern zählen überdies auch Unternehmen mit roten Ziffern, die dort Beschäftigten im Wege ihrer Löhne und Gehälter, die Lieferanten der Vorprodukte, die Kreditgeber durch Zinseneinnahmen, der Staat durch Steuern und die Sozialversicherungsinstitute durch Sozialabgaben.

Ob dieses Zusammenspiel funktioniert, ist am realen Wachstum des Sozialprodukts erkennbar.

Preise steigen wegen der zu rasch wachsenden Geldmenge

Irrtum Nr. 2: Für die Zinsen, die die frisch-, aber auch die altgebackenen Millionäre erhalten, werden die Preise weiter steigen müssen

Die Preise, besser: das Preisniveau steigt nicht wegen der Zinsen, deren Kosten wie alle anderen immer in der Preiskalkulation des Endprodukts untergebracht werden müssen, sondern aufgrund der zu schnell wachsenden Geldmenge. Die Geldmenge aber wächst nicht aufgrund der Verzinsung der Kredite, sondern entweder aufgrund des wachsenden Sozialproduktes, wenn das Geldmengenwachstum damit Schritt hält oder aufgrund der Inflation, wenn das Geldvolumen (als vereinfachende Kurzformel!) dem realen Wachstum des Sozialproduktes vorauseilt, und nur dann kann das Preisniveau wirklich längerfristig steigen.

Das zu verhindern ist Aufgabe der Währungsbehörden, vor allem der Zentralbanken, und bedarf insoferne auch der Mitwirkung der Budgetpolitik von Regierung und Gesetzgeber sowie der Einkommenspolitik der Sozialpartner, die der Geldmengen- und Zinsenpolitik der Notenbanken flankierend zur Seite stehen müssen. Das alleinige Ziel ihrer Zinsenpolitik ist die Produktion eines langfristig kaufkraftstabilen Geldes. Das ist auch deren wichtigste und sozialethisch unentbehrliche Aufgabe!

Der Zins ist der Preis für in Anspruch genommene Fremdmittel und hat eine unentbehrliche soziale Funktion: Er veranlaßt einen optimalen Einsatz des knappen Geldes. Da in einer Marktwirtschaft das Geld der einzige Bezugschein ist, der den Zugang zu allen knappen Waren und Leistungen ermöglicht, hängt die soziale Funktion des Marktes von der sozialen Funktionsfähigkeit der Geldordnung (Johannes Messner) ab. Geld ist keine unfruchtbare Sache, sondern ein Anspruch auf ein Produktionsmittel, das fruchtbar eingesetzt werden kann.

Die Zinsen zwingen nicht zu höheren Preisen, sondern zur Rationalisierung

Irrtum Nr. 5; Ein Unternehmen, das einer Bank für in Anspruch genommene Kredite Zinsen zahlen muß, muß sie durch höhere Preise verdienen

Unter einem Begime stabiler Währung zwingen die Zinsen, die ein Unternehmen der Bank zahlen muß, nicht zur Steigerung ihrer Preise, sondern im Wettbewerb mit anderen zu einer Verbesserung ihrer gesamten Kostenstruktur („Rationalisierung” im Einsatz aller ihrer Ressourcen).

Die „Aufwärtsspirale” dreht sich nicht nur für den zögernden Lottospieler, sondern für jeden Teilnehmer am Einkommenskreislauf nicht wegen der grundsätzlichen Verzinsung aller Kredite, sondern nur infolge des Versagens der Währungsbehörde, ihrer sozialethischen Verpflichtung gerecht zu werden und kaufkraftstabiles Geld zu produzieren. Daß sich in einer inflationären Entwicklung Preise und Löhne gegenseitig hinauftreiben, ergibt jene Inflationsspirale, die den Widersinn einer inflationären Geldpolitik erkennen läßt. Für steigende Zinsen gilt dies nicht, so lange die Inflationsbekämpfung erfolgreich ist. irrtum Nr. 4: Jeder Gehaltsbezieher

lebt immer in der Hoffnung auf die Zukunft, in der er es besser hat als jetzt und als andere.

Das ist eine oft benützte poetische Umschreibung für die Motivation nicht weniger Menschen, aber keine brauchbare Beschreibung realer ökonomischer Verhältnisse: Tatsächlich lebt jeder Mensch mit der täglichen Befriedigung seiner Bedürfnisse natürlich immer von den gleichzeitig verfügbaren Gütern. Nicht wenige müssen sich damit zufrieden geben, wenn sie sich nicht allzu viel weniger leisten können als früher (zum Beispiel die Pensionisten).

Die Bereitschaft, als Gegenleistung Zinsen für die Inanspruchnahme von Krediten zu zahlen, die eine künftige Bedarfsbefriedigung ermöglichen, erklärt auch die gleichzeitige Bereitschaft, solche Kredite zur Verfügung zu stellen.

irrtum nr. 5: Bedauernswerte 80Prozent der Bevölkerung bezahlen jene Zinsen, die zehn Prozent immer reicher machen

Diese Zweiklassengesellschaft gibt es in dieser Form nicht: Ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung, vor allem im Bereich der Unternehmungen, zahlen Zinsen für aufgenommenes Fremdkapital (zum Beispiel als Investitions-, Lieferanten- oder Lagerkredite) und kassieren gleichzeitig Zinsen für angesparte Konten oder festverzinsliche Wertpapiere.

Es gibt daher auch nicht die zwei Klassen der Gewinner und der Verlierer. Gewinner ist derjenige, der ausgeborgtes Geld so fruchtbar einsetzt, daß die daraus bereitgestellten Güter mit ihren Erlösen wie alle Kosten auch die Zinsen decken: Verlierer sind die anderen, denen dies nicht gelingt. Das aber muß auch nicht unbedingt heißen, daß davon alle Teilnehmer an diesem Produktionsprozeß wie zum Beispiel die Arbeitnehmer oder Kreditgeber Verlierer sein müssen. Der Kapitalzins ist der Preis für die Nutzung des Geldkapitals. Es ist nicht nur ein Anreiz zu Kapitalbildung, sondern dient auch der Lenkung des Kapitals zur relativ besten Nutzung und ist daher nicht nur sozialethisch gerechtfertigt (Johannes Messner), sondern sogar ein sozialethisches Postulat!

Wer einen Konsumentenkredit aufnimmt, dem ist dieser Konsum so viel wert (zum Beispiel eine vorgezogene Urlaubsreise, eine Bildungsveranstaltung), daß er die um die Zinsen höheren Kosten auf sich nimmt, oder sein Einkommen ist zu gering,'sodaß

er eigentlich keinen Kredit, sondern • soziale Hilfe benötigt.

Wer einen Wohnungskredit aufnimmt, erwirbt damit Miet- oder Eigentumsrechte, die er nutzen kann. Die Frage, ob die jeweilige Verzinsung als angemessen betrachtet werden kann, ist dieselbe wie die Frage jedes Preises: Die Frage nach dem „gerechten Preis” stellt nicht die Notwendigkeit eines Preises an sich in Frage!

irrtum Nr. 6: Der Abstand des Lebensstandards der Entwicklungsländer zu jenem der Industrienationen wird immer weiter. Nicht die Schulden sind ihr Problem, die hätten sie längst abgezahlt, sondern die Zinsen

Die Problematik des Wohlstandsgefälles und der Überschuldung vieler Entwicklungsländer ist eine vielschichtige und weder auf ein Fehlverhalten der Industrieländer noch der Entwicklungsländer allein zurückzuführen. Die Entwicklungsländer sind nicht infolge der Notwendigkeit, Zinsen zu zahlen, in krisenhafte Situationen geraten, sondern infolge unteroptimaler Verwendungen der ihnen zur Verfügung gestellten Kredite, von Prestigeprojekten der Regierungen bis zur Finanzierung von Kriegsausrüstung, bis zur Vernichtung von Ressourcen, oder weil Gelder zur Milderung der Armut verwendet wurden, die durch verlorene Zuschüsse hätten gewährt werden müssen, nicht aber durch Kredite.

Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ist eine Geschichte des Wandels

irrtum Nr. 7: „Ich kann mir vorstellen, daß die Welt so, wie sie ist, weitergehen wird, daß wir sie halten können”

Eine solche statische Gesellschaft gibt es nicht. Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft war und ist stets - wie wir es heute sehen - eine Geschichte des Wandels: Ein Lern-(unter Umständen auch Verlern-) Prozeß der Fähigkeit, soziale Konflikte zu lösen beziehungsweise mit ihnen zu leben. Ein Blick in jede Tageszeitung genügt, um die stetige Veränderung wahrnehmen zu können.

Ein noch so tiefer religiöser Glaube allein genügt nicht, weder bei Christen, noch bei Buddhisten, noch bei Angehörigen anderer Weltreligionen, auch nicht der Glaube an grundsätzliche Werte bei Liberalen oder Sozialisten. Zum Glauben braucht es das gute Wissen, durch welche Institutionen soziale Konflikte lösbar sind. Das lange Festhalten am grundsätzlichen Zinsverbot war beziehungsweise ist ein Hindernis auf diesem Weg, das sich vielfach heute noch bemerkbar macht, neuerdings in den Ländern islamischen Rechts.'

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