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Genmais im Visier der Feldbefreier

Vor wenigen Tagen haben Aktivisten Teile eines Gentechnikfeldes im deutschen Bundesland Brandenburg zerstört. Dutzende Menschen wurden in Gewahrsam genommen. Aber für sie handelt es sich um einen Akt der Notwehr zum Schutz der Lebensgrundlagen.

Sonntagmorgen, 30. Juli: Im 60 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen 600-Einwohner-Ort Badingen herrscht angespannte Atmosphäre. Polizeibusse fahren die Straße auf und ab, Räumfahrzeuge stehen am Straßenrand und gegenüber der Kirche hat sich die Pressestelle der Polizei positioniert. Kaum etwas läuft an diesem Tag in den üblichen Bahnen - außer, dass sich Menschen für den Kirchgang bereitmachen. Doch auch hier kann von einer alltäglichen Messe keine Rede sein: "Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht", steht auf einem hochgehaltenen Plakat zu lesen. Zum Abschluss gibt der aus Berlin angereiste Pfarrer zu bedenken: "Wir sollten daran denken, dass wir nicht etwas zerstören, sondern die Schöpfung bewahren wollen."

Angekündigtes Zertrampeln

Rund 400 Menschen haben sich zusammengefunden, um den in unmittelbarer Nähe gelegenen Acker vom Genmais zu "befreien" - sprich: so viele gentechnisch veränderte Organismen (GVO) wie möglich zu zertrampeln oder herauszureißen. Die Aktion war bereits Monate zuvor angekündigt, die "Feldbefreier" hatten sich in einer öffentlich zugänglichen Liste mit Name und Wohnort eingetragen. "Wir haben nichts zu verheimlichen", erklärt Mitorganisator Michael Grolm. "Gendreck weg" lautet der eindeutige Name der Initiative, welcher zugleich Botschaft ist. Als Berufsimker sei die Bekämpfung der Gentechnik ein Muss, meint Grolm - denn Bienen haben einen Flugradius von mehreren Kilometern und kommen unweigerlich mit Gentechnik-Pollen in Berührung, sobald Genmais oder Genraps freigesetzt wird.

Niemand könne kontrollieren, wo Bienen Pollen und Nektar sammeln. Es sei in Zukunft nicht mehr möglich, naturreinen Honig zu produzieren. "Der Schaden für den Berufsstand wäre enorm, wenn etwa Stiftung Warentest bei einer Untersuchung GVO-Pollen im Honig feststellt und das veröffentlicht. Weiters müssen Imker bei großen Abfüllern inzwischen unterschreiben, dass kein GVO-Pollen im Honig enthalten sind. Ich werde nicht zusehen, wie man meine Existenz zerstört." Daher sei es ein Akt der Notwehr, Gentechnikfelder ins Visier zu nehmen. Grolm selbst zog es diesmal vor, nicht zum Feld zu gehen: Er hatte auf Initiative des betroffenen Bauern eine einstweilige Verfügung erhalten, die ihm gerichtlich das Betreten des Ackers untersagte - andernfalls wäre er zu einer Geldstrafe von bis zu 250.000 Euro oder einer Haftstrafe von bis zu sechs Monaten verurteilt worden.

Auf rund tausend Hektar wurden heuer in Deutschland Gentechnik-Pflanzen kommerziell angebaut, fast die Hälfte davon in Brandenburg. Dabei handelt es sich ausschließlich um den Genmais der Sorte mon 810 von Monsanto. Dieser Genmais produziert selbst ein Gift, das einen Schädling, den Maiswurzelbohrer, tötet. 48 Hektar groß ist der Acker in Badingen, um den sich an diesem Tag alles dreht.

Kurz nach dem Ende der Messe geht es los: Anstatt an der bewilligten Demonstration teilzunehmen, brechen rund 150 Personen - zunächst weitgehend unbemerkt - auf, um über einen etwa zwei Kilometer langen Umweg zum Acker zu gelangen. Einzelne wählen andere Routen. Recht bald werden die Polizisten in Alarmbereitschaft versetzt und vor einer Länge des Ackers zusammengezogen. Dennoch gelingt es einigen - nach Angaben des Veranstalters sogar 80 - Personen, in den Acker zu gelangen. Die Reiterstaffel der Bundespolizei, zig Einsatzkräfte mit Polizeihunden und mehr als 200 Polizisten sind gezwungen, am Rand des Ackers zu warten, bis die Aktivisten diesen wieder verlassen. Ein Hubschrauber der Landeseinsatzeinheit Brandenburg kreist ununterbrochen über dem Feld und geht sofort tief, wenn ein "Feldbefreier" auf einer zertrampelten Fläche gesichtet wird. Die Veranstalter sind zufrieden: Es ist gelungen, das Genmaisfeld zu erreichen und einen kleinen Teil davon zu zerstören. Sie sprechen von 3.000 Quadratmetern, Jörg Eickmann, der betroffene Landwirt, von lediglich 150. Den daraus folgenden Schaden beziffert die Polizei mit etwa 20 Euro. Vor allem aber konnte das Interesse der regionalen und landesweiten Medien geweckt werden, wie die zahlreich anwesenden Journalisten sowie das Medienecho in Deutschland deutlich zeigten.

Schaden: 20 Euro?

"Wir müssen das machen, weil wir gesehen haben, dass sich Politiker von Unterschriftensammlungen nicht beirren lassen", erklärt Michael Grolm, Berufsimker und Mitorganisator der Protestaktion. Außerdem sei eine Medienpräsenz nur durch Aktionen erreichbar, die gewisse Grenzen überschreiten. Eine andere Sicht der Dinge vertritt naturgemäß Bauer Eickmann wenige Stunden nach der Aktion: "Das war eine Zerstörung und keine Feldbefreiung, denn ich habe nichts eingesperrt. Der polizeiliche Einsatz wäre nicht nötig gewesen, wenn sich die Gegner an die demokratischen Spielregeln gehalten hätten." Schützenhilfe erhielt der Gentechnik-Bauer von einer Gruppe Gegendemonstranten, der unter anderem die fdp-Bundestagsabgeordnete Christel Happach-Kasan angehörte: "Kein Faustrecht in Deutschland", prangte auf deren T-Shirts.

Als völlige Verdrehung der Tatsachen empfindet dies der extra aus der Schweiz angereiste Landwirt Urs Hans. Für ihn sei es aufgrund seiner inzwischen jahrelangen Beschäftigung mit dieser Thematik Pflicht, aktiv zu sein und die Lügen rund um die Gentechnik aufzudecken: "Nicht die Feldbefreier haben mit der Zerstörung begonnen, sondern die Gentechnikkonzerne. Sie haben die Kontamination der Nachbarfelder, des Honigs, etc. in Gang gebracht." Nicht zuletzt durch das Überspringen der Artgrenzen sei die Gentechnik ein ethisches Problem, sie bedrohe die Arten-und Kulturpflanzenvielfalt, könne die Gesundheit aller massiv gefährden und bringe die Bauern in eine noch größere Abhängigkeit der Konzerne - schließlich sind Gentechnik-Pflanzen wie technische Erfindungen patentiert, weshalb Lizenzabgaben entrichtet und gvo jedes Jahr neu gekauft werden müssen. "Ich empfinde das als Krieg gegen die Bauern." Es gehe um den Profit von Agrar-Handelsfirmen wie Cargill, das beispielsweise im Besitz von Monsanto ist. Scharf kritisiert der Landwirt auch das Expertenwesen: "Immer weniger Leute trauen sich, selbst Aussagen zu machen, weil überall nur Spezialisten gefragt zu sein scheinen. Dabei handelt es sich um ein Delegieren von Verantwortung und Ethik."

64 Personen wurden in Badingen in Gewahrsam genommen, weil sie den Platzverweisen der Polizei nicht nachgekommen waren, weitere 24 Aktivisten aufgrund von Sachbeschädigungen und/oder Hausfriedensbruch vorläufig festgenommen. Nun liegt es an der Staatsanwaltschaft, über die weitere Vorgangsweise zu entscheiden. Eines scheint klar: Der Kampf auf Deutschlands Feldern wird weitergehen: "Vielleicht gibt es noch in diesem Jahr weitere Aktionen", erklärt Grolm. "Genbauer" Eickmann verspricht dagegen, im kommenden Jahr die Genmaisfläche auf 200 Hektar zu vervierfachen.

Wie der Blick nach Frankreich zeigt, ist es durchaus möglich, dass die Härte der Auseinandersetzung noch zunehmen wird: Rund 5.700 Franzosen haben sich inzwischen als aktive Feldbefreier deklariert - Tendenz steigend. Laut José Bové, streitbarer Gründer der Bauerngewerkschaft "Confédération Paysanne", aus der die "Faucheurs Volontaires" - die "Freiwilligen Mäher" - hervorgegangen sind, wurden im Vorjahr 60 Prozent aller französischen Genmaisfelder zerstört. Die französische Regierung weigert sich, die Lage der Gentechnik-Felder öffentlich bekannt zu geben, obwohl sie eu-rechtlich dazu verpflichtet wäre. "Wir werden nicht aufhören zu kämpfen. Wenn sie uns einsperren, werden wir erst recht weitermachen. Wir werden weiterkämpfen, bis es keine Gentechnik-Pflanzen mehr gibt", verkündete Bové erst vor wenigen Monaten bei einem Besuch in Wien.

Notwehr für Kulturpflanzen

Doch nicht nur Imker, Bauern, Studenten und Lehrer deklarieren sich als aktive Unterstützer der "Gendreck weg"-Aktionen. Auch der emeritierte Agrarwissenschaftler Sigmar Gröneveld, der an den Universitäten Göttingen, Heidelberg und Kassel unterrichtete, spricht von Notwehr: "Es handelt sich um einen symbolischen Akt, der zeigt, dass man sich nicht die Lebensgrundlagen zerstören lassen darf. Gentechnisch veränderte Pflanzen breiten sich aus und sind dann nicht mehr rückholbar." Als wohl einziger in Deutschland berufener Professor für Agrarkulturen fühle er sich verpflichtet, die Ausreiß-Aktionen zu unterstützen: "Wir haben ein reiches Kulturpflanzen-Erbe zu verteidigen und sind sicher nicht auf großindustriell erzeugte, erbverfälschte Pflanzen angewiesen."

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