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Digital In Arbeit

Gerechte Preise

dieFurche: Die Kopra-Bauern bekommen bessere Preise fiir ihre Produkte. Wie motivieren Sie Konsumenten, mehr als üblich zu bezahlen?

Armin Wkissenbach: Wer sagt, die Umwelt sei ihm wichtig, der wird etwas für dieses Anliegen tun müssen. Wir bieten im kleinen Rahmen die Möglichkeit, daß auch die Konsumenten ihren Teil der Verantwortung tragen können. Das heißt konkret, daß sie den Bauern, die umweltgerecht produzieren, die Produkte zu gerechten Preisen abkaufen. Ein gerechter Preis sorgt dafür, daß ein Bauer mit seiner Arbeit auch sein Auskommen finden kann.

dieFurche: Wie errechnet man gerechte Preisen?

Weissenbach: Das ist eine schwierige Sache. Anhand von Musterkalkulationen versuchen wir, Preise zu gestalten, die in etwa einen Facharbeiterlohn für die bäuerliche Arbeit ergeben. Das ist nicht immer durchzuhalten, weil diese Preise manchmal selbst für bewußte Konsumenten zu hoch wären. Immerhin ist es uns aber gelungen, uns von den reinen Marktgesetzen abzukoppeln. Durch Information hat sich der Konsument davon überzeugen lassen, daß nicht die billige, sondern die nach den Vorstellungen des Verbrauchers produzierte Ware die beste ist. Ich behaupte - und viele haben es mir bestätigt: Das Fleisch aus Freilandhaltung ist einfach besser. Und das hat eben seinen Preis.

dieFurche: Wieviele Leute machen im Verein „Kopra" mit?

Weissenbach: Der Verein hat sich seit 1988 kontinuierlich aufwärts entwickelt. Heute stehen wir bei etwa 1.200 Konsumenten-Mitgliedern (da darf man jeweils eine Familie mitrechnen) und rund 120 Bauern.

dieFurche: Wie kam es zur Gründung des Vereins?

Weissenbacii: Man wollte den Bauern im Berggebiet, die viele Nachteile in Kauf zu nehmen haben - es gibt in unserem Land gar nicht mehr so viele eine Chance zum Überleben geben. Finige haben die Idee aufgegriffen, darunter ich. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, daß es viele Konsumenten gibt, denen das Überleben der Bauern nicht egal ist, die bereit sind, mehr für die Produkte und einen Mitgliedsbeitrag im Verein zu zahlen. Böse Zungen sagen, das seien Masochisten. Aber Gott sei Dank gibt es eben noch Idealisten.

dieFurche: Ging die Initiative also von den Konsumenten aus?

Weissenbach: In den Anfängen waren es zwei-drei Landwirte aus dem Walsertal und einige Konsumenten. Dann wuchs die Zahl der Mitglieder. Im Laufe der Zeit wurde man darauf aufmerksam, daß auch eine Infrastruktur erforderlich ist: Ein Kühlfahrzeug wurde angeschafft, ein Büro gemietet, eine teilzeitbeschäftigte Sekretärin angestellt, Schlachtmöglichkeiten wurden geschaffen ... In weiterer Folge wurde ein landwirtschaftlicher Experte als Berater einbezogen.

dieFurche: Wofür stehen die Produzenten gerade? Wie überprüft man sie?

Weissenbach: Die Mitgliedsbetriebe müssen biologisch wirtschaften, wie es den Vorschriften des Lebensmittel-Codex entspricht. Die Bauern verpflichten sich vertraglich, diese Produktionsbedingungen einzuhalten: Der Viehbesatz darf eine bestimmte Zahl von Großvieheinheiten nicht überschreiten. So ist gewährleistet, daß nicht zuviel Dünger auf die Wiesen zurückkommt.

Der größte, Teil des Futters muß vom Hof stammen. Wachstumsförderer und Antibiotika sind verboten. Es gibt strenge Voraussetzungen für die Tierhaltung: Die Tiere müssen täglich ins Freie gelangen können, am besten in Form einer Laufstallhaltung mit beliebigen Auslauf.

dieFurche: Sind die Tiere dadurch gesünder?

Weissenbach: Ja. Sie brauchen den Tierarzt weniger. Viele Bauern waren da am Anfang sehr skeptisch, haben diesen Effekt dann aber registriert. Vorteile ergeben sich auch bei der Fruchtbarkeit der Tiere.

dieFurche: Wie kommen die Produkte zu den Konsumenten?

Weissenbach: Bis jetzt hat der Konsument im Vereinsbüro Fleisch, Wurst, Eier oder Käse bestellt. Hat nun ein Bauer geschlachtet, so bekam er eine Liste mit Adressen von Interessenten und den Kunden wurden die Waren ins Haus geliefert. In Zukunft werden manche bisher vom Verein wahrgenommenen Aufgaben an eine neugegründete Genossenschaft übertragen.

dieFurche: Wieviel Zeit vergeht da zwischen Bestellung und Zulieferung?

Weissenbach: Maximal 14 Tage. In der Anfangsphase konnte es aber bis zu einem halben Jahr dauern. An dieser Stelle eine Bemerkung: Wir vertreten die Meinung, man soll das geschlachtete Tier so gut wie möglich verwerten, nicht nur die Gusto-Stücke. Der Konsument ist bei uns bereit, ein „Mischpaket" zu nehmen. Da ist von Gulasch, Schnitzel, Braten, Faschiertes alles drinnen.

Mit diesem Mischpaket haben wir gute Erfahrungen gemacht. Es führt zu einer größeren Vielfalt des Speisezettels. Unser System hat übrigens einen erzieherischen Effekt: Der Konsument nimmt zur Kenntnis, daß es nicht immer alles gibt. Nur industrielle Produktion stellt dauernd alles bereit.

dieFurche: Was ändert sieh mit der Genossenschaft?

Weissenbach: Die Zeiten werden nicht einfacher. F,s gibt viele Biobauern und viele Bioanbieter: Billa, Inter-spar ... Uns erleichtert das die Aufgabe, einen gerechten Preis zu vertreten, nicht. Daher war es notwendig eine Struktur zu schaffen, die auch wirtschaftlich agieren kann.

dieFurche: Welche Produkte werden denn überhaupt vertrieben?

Weissenbach: Die Initiative ist ursprünglich vom Fleischverkauf ausgegangen. Das ist dann rasch auf tierisehe Produkte ausgeweitet worden. Käse, Eier, Fleischverarbeitungsprodukte (Speck, Würste) sind dazugekommen. Jetzt sind wir in einer Phase, in der auch zusätzliche biologische Artikel vertrieben werden: Gemüse, Kartoffeln. Die meisten Erfahrungen haben wir jedenfalls mit Fleisch und tierischen Produkten.

dieFurche: Können durch diese Initiative Bauern, die sonst aufgeben müßten, weiter Uiren Hof betreiben?

Weissenbach: Die Bauern bekommen Förderungen, die zum Teil von der Wirtschaftsweise abhängen. Das ist zu begrüßen. Ob diese Förderungen langfristig gesichert sind, ist fraglich. Der gerechte Preis, den wir zahlen, eröffnet den Bauern jedenfalls eine Perspektive, die sie sonst nicht hätten. Wichtiger aber: Die nachwachsende Generation sieht, daß das, was die Eltern tun, Sinn macht. Ein Beispiel gibt es bei uns, daß ein Bauer, der seinen Hof im Nebenerwerb betrieben hatte, zum Vollerwerb zurückgekehrt ist.

dieFurche: Sind für das ökologische Wirtschaften große Investitionen zu tätigen?

Weissenbach: Viele Betriebe in der Berglandwirtschaft des Walsertales und im Montafon mußten nicht sehr viel ändern, um auf diese Art der Produktion umzusteigen. Vielleicht mußten sie im Stall einiges adaptieren oder auf einen Wachstumsförderer verzichten müssen.

dieFurche: Wie spricht man neue Konsumenten an?

Weissenbach: Einerseits betreibt der Verein Öffentlichkeitsarbeit (Veranstaltungen, Vereinszeitschrift). Andererseits spielt die Mund-zu-Mund-Propaganda eine wichtige Rolle.

dieFurche: Wer kontrolliert die Einhaltung der Produktionsbedingungen?

Weissenbach: Die Bauern, die eine Bio-Förderung beziehen, müssen sich der Kontrolle durch eine staatlich anerkannte Kontrollfirma Unteraichen. Eine dieser Stellen kennt unsere speziellen Vorschriften und prüft das einmal jährlich. Wir bekommen die Berichte. Unsere Berater sind auch imstande, Mißstände festzustellen. Auch wissen die Konsumenten, von wem sie das Fleisch bekommen und haben die Möglichkeit, dort vorbeizuschauen. Außerdem veranstalten wir einmal im Jahr einen Tag der offenen Tür.

dieFurche: Kann so ein System beliebig viele Mitglieder haben?

Weissenbach: Eine gewisse Größe sollte es nicht überschreiten, nach dem Schlagwort: Regionale Produkte für regionale Märkte. Lebensmittel, die hier in Vorarlberg erzeugt werden, sollte man nicht durch die halbe Welt karren. Es sollte keine „Österreich-Ko-pra" geben. Selbst Tirol dürfte zu groß sein. Da wären zwei oder drei Einrichtungen sinnvoll. Jedenfalls braucht es Ballungsgebiete, städtische Räume, in denen relativ leicht Konsumenten angesprochen werden können.

Dr. Armin Weißenbach ist

Richter in Feldkirch und Vorstandsmitglied des Vereins „Kopra". Mit ihm sprach Christof Gaspari

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