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Gesichtsverlust, wie er im Facebook steht

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Christopher Wylie, der den Missbrauch der Facebook-Daten aufgedeckt hatte, über Zuckerberg:'Ein Spektakel von Nicht-Antworten'.

Während Zuckerberg schwor, Programme zur Früherkennung von Terrorinhalten zu haben, enthüllten Reporter die erfolgreichen Strategien, wie Terrornetzwerke die Facebookkontrollen umgehen.

Die Abschlussszenen der Stippvisite von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im EU-Parlament waren eine nette Zusammenfassung dessen, was vorher geschehen war. Zunächst schwieg Zuckerberg am Ende der Befragung beharrlich. Und auch davor war die Anhörung eigentlich ein Monolog von EU-Abgeordneten gewesen. Danach gab es dafür mit der einen oder dem anderen Abgeordneten noch ein Selfie. Lächeln hier, lächeln da. Und husch husch zum Flugplatz.

Unisono fielen die Kritiken des Auftritts aus. Am schärfsten die jenes Mannes, der Facebook im Frühjahr ordentlich ins Trudeln gebracht hatte. Christopher Wylie, der den Missbrauch der persönlichen Daten von Millionen FB-Nutzern durch die Firma "Cambridge Analytica" ins Rollen gebracht hatte, meinte: "Das ist ein Spektakel von Nicht-Antworten."

Unfreiwillig komische Highlights

Tatsächlich musste Mark Zuckerberg bei seinem Auftreten vor dem US-Senat wesentlich mehr sagen, doch "mehr gesagt" im Sinne von Fakten und Inhalt hat er auch dort nicht. Übrig bleibt deshalb auch nur eine unfreiwillig komische Szene, in der der Facebook-Gründer nicht einmal über die Privacy-Tools seines eigenen Netzwerks Bescheid weiß. Die gute Nachricht für Zuckerberg: Die Märkte ließen die Hearings vollkommen unbeeindruckt, die Userzahlen für Facebook steigen weiter.

Allerdings dräut Facebook derzeit von vielen Seiten Ungemach. Und einige dieser Unbequemlichkeiten sind darauf angelegt, den größten Plan Zuckerbergs zu torpedieren. Seine ihm nachgesagten Ambitionen für die US-Präsidentschaft.

Das gelindeste dieser Unannehmlichkeiten sind wohl die Faktenchecks, die nun an die Behauptungen Zuckerbergs angelegt werden, was die "Aufräumarbeiten" von Facebook nach dem Datenskandal betrifft. Zuckerberg behauptet etwa, das illegale Anlegen von "Fake-Profilen" sei bereits ins Visier genommen worden. Wenn tatsächlich Millionen davon gelöscht wurden, wie kommt es dann, dass die Zahl solcher Profile weiter zunimmt und schon 4 Prozent erreicht?

Reicht auch die Feststellung, dass es in einer Entwicklungsphase immer wieder zu Fehlern kommen könne als Garantie aus, dass Facebook-Daten nicht mehr missbräuchlich verwendet werden?

Für die Europäer wohl am Wichtigsten: Entspricht Facebooks Art, an Daten und Informationen zu kommen, der neuen Datenschutzgrundverordnung? Max Schrems, der mit Facebook seit Jahren einen Kampf um die Souveränität persönlicher Daten ausficht, ist sich sicher, dass das nicht so ist. Er hat über sein Netzwerk Milliardenklagen angekündigt. Auch andere Experten meinen, dass Facebook es nicht besonders genau nimmt, wenn es darum geht, die Zustimmung für die Nutzung persönlicher Daten von Usern zu erfragen für jene Websites, für die Facebook Daten sammelt.

Ein anderer Punkt, der zwar keine Milliardenklagen, aber immerhin Vertrauensverlust bringen könnte, liegt in der Debatte von politischem Missbrauch Facebooks. Im Herzen des Ungemachs der Datenmissbrauchsgeschichte stand immerhin die offensichtliche Beeinflussung der US-Wahlen mithilfe von Daten, die Cambridge Analytica für das Trump-Lager "erntete" und in maßgeschneiderte Wahlbotschaften umfunktionierte. Noch immer kann Facebook nicht genau sagen, was getan werden kann, damit sein Geschäftsmodell nicht mehr in Wahlkämpfen gesetzeswidrig verwendet werden kann.

Aber auch Anliegen, die die öffentliche Sicherheit betreffen, sind sichtbar geworden. Im EU-Parlament und im US-Kongress versicherte der Facebook-Gründer, alles zu tun, damit terroristische Inhalte aus dem Netz entfernt würden. Doch eine Recherche von Bloomberg-Journalisten zeigte die relative Wirkungslosigkeit dieser Bemühungen.

Terror und Kontrolle

Während Zuckerberg schwor, Programme zur Früherkennung von Terrorinhalten zu haben, mit denen man rund 99 Prozent der Botschaften löschen könne, bevor sie überhaupt öffentlich aufschienen, erfuhren die Reporter das Gegenteil: sowohl die palästinensische Hamas, als auch die afrikanische Boko Haram, die iranisch-libanesische Hisbollah oder die kolumbianische FARC (selbst wenn letztere in einen Friedensplan mit der Regierung eingewilligt hat) konnten sich dem Zugriff der Facebook-Kontrollinstrumente relativ problemlos entziehen. Wurde eine Seite von Facebook geschlossen, wurde sie unter einem anderen Namen sofort wiedereröffnet. Besonders augenscheinlich ist ein Fall, bei dem im April neun Facebookseiten mit Hisbollah-Hintergrund gesperrt wurden, darunter auch eine Seite zur Verehrung von "Märtyrern". Kurz nach dem Shutdown ging die Seite wieder online. Die Hisbollah hatte einfach den Namen "Märtyrer" nicht mehr auf Englisch, sondern auf Persisch angegeben.

Und schließlich geht es in den kommenden Monaten auch um ein Verfahren, das ein Start-up in Kalifornien gegen Facebook angestrengt hat. Demnach hätte Zuckerberg ein betrügerischen Plan entwickelt, um die Daten seiner Nutzer gegen Marktkonkurrenten zu nutzen. Die Beweise dafür, so die Kläger von "Six4Three" , befänden sich just in persönlichen Mails Zuckerbergs, die dem Gericht übermittelt wurden. Facebook bestreitet die Vorwürfe. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die Klage soll Mitte 2019 verhandelt werden. In den USA wäre dann schon Vorwahlkampf für die Präsidentschaft 2020. Mit Zuckerberg als Kandidat?

Christopher Wylie, der den Missbrauch der Facebook-Daten aufgedeckt hatte, über Zuckerberg:'Ein Spektakel von Nicht-Antworten'.

Während Zuckerberg schwor, Programme zur Früherkennung von Terrorinhalten zu haben, enthüllten Reporter die erfolgreichen Strategien, wie Terrornetzwerke die Facebookkontrollen umgehen.

Die Abschlussszenen der Stippvisite von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im EU-Parlament waren eine nette Zusammenfassung dessen, was vorher geschehen war. Zunächst schwieg Zuckerberg am Ende der Befragung beharrlich. Und auch davor war die Anhörung eigentlich ein Monolog von EU-Abgeordneten gewesen. Danach gab es dafür mit der einen oder dem anderen Abgeordneten noch ein Selfie. Lächeln hier, lächeln da. Und husch husch zum Flugplatz.

Unisono fielen die Kritiken des Auftritts aus. Am schärfsten die jenes Mannes, der Facebook im Frühjahr ordentlich ins Trudeln gebracht hatte. Christopher Wylie, der den Missbrauch der persönlichen Daten von Millionen FB-Nutzern durch die Firma "Cambridge Analytica" ins Rollen gebracht hatte, meinte: "Das ist ein Spektakel von Nicht-Antworten."

Unfreiwillig komische Highlights

Tatsächlich musste Mark Zuckerberg bei seinem Auftreten vor dem US-Senat wesentlich mehr sagen, doch "mehr gesagt" im Sinne von Fakten und Inhalt hat er auch dort nicht. Übrig bleibt deshalb auch nur eine unfreiwillig komische Szene, in der der Facebook-Gründer nicht einmal über die Privacy-Tools seines eigenen Netzwerks Bescheid weiß. Die gute Nachricht für Zuckerberg: Die Märkte ließen die Hearings vollkommen unbeeindruckt, die Userzahlen für Facebook steigen weiter.

Allerdings dräut Facebook derzeit von vielen Seiten Ungemach. Und einige dieser Unbequemlichkeiten sind darauf angelegt, den größten Plan Zuckerbergs zu torpedieren. Seine ihm nachgesagten Ambitionen für die US-Präsidentschaft.

Das gelindeste dieser Unannehmlichkeiten sind wohl die Faktenchecks, die nun an die Behauptungen Zuckerbergs angelegt werden, was die "Aufräumarbeiten" von Facebook nach dem Datenskandal betrifft. Zuckerberg behauptet etwa, das illegale Anlegen von "Fake-Profilen" sei bereits ins Visier genommen worden. Wenn tatsächlich Millionen davon gelöscht wurden, wie kommt es dann, dass die Zahl solcher Profile weiter zunimmt und schon 4 Prozent erreicht?

Reicht auch die Feststellung, dass es in einer Entwicklungsphase immer wieder zu Fehlern kommen könne als Garantie aus, dass Facebook-Daten nicht mehr missbräuchlich verwendet werden?

Für die Europäer wohl am Wichtigsten: Entspricht Facebooks Art, an Daten und Informationen zu kommen, der neuen Datenschutzgrundverordnung? Max Schrems, der mit Facebook seit Jahren einen Kampf um die Souveränität persönlicher Daten ausficht, ist sich sicher, dass das nicht so ist. Er hat über sein Netzwerk Milliardenklagen angekündigt. Auch andere Experten meinen, dass Facebook es nicht besonders genau nimmt, wenn es darum geht, die Zustimmung für die Nutzung persönlicher Daten von Usern zu erfragen für jene Websites, für die Facebook Daten sammelt.

Ein anderer Punkt, der zwar keine Milliardenklagen, aber immerhin Vertrauensverlust bringen könnte, liegt in der Debatte von politischem Missbrauch Facebooks. Im Herzen des Ungemachs der Datenmissbrauchsgeschichte stand immerhin die offensichtliche Beeinflussung der US-Wahlen mithilfe von Daten, die Cambridge Analytica für das Trump-Lager "erntete" und in maßgeschneiderte Wahlbotschaften umfunktionierte. Noch immer kann Facebook nicht genau sagen, was getan werden kann, damit sein Geschäftsmodell nicht mehr in Wahlkämpfen gesetzeswidrig verwendet werden kann.

Aber auch Anliegen, die die öffentliche Sicherheit betreffen, sind sichtbar geworden. Im EU-Parlament und im US-Kongress versicherte der Facebook-Gründer, alles zu tun, damit terroristische Inhalte aus dem Netz entfernt würden. Doch eine Recherche von Bloomberg-Journalisten zeigte die relative Wirkungslosigkeit dieser Bemühungen.

Terror und Kontrolle

Während Zuckerberg schwor, Programme zur Früherkennung von Terrorinhalten zu haben, mit denen man rund 99 Prozent der Botschaften löschen könne, bevor sie überhaupt öffentlich aufschienen, erfuhren die Reporter das Gegenteil: sowohl die palästinensische Hamas, als auch die afrikanische Boko Haram, die iranisch-libanesische Hisbollah oder die kolumbianische FARC (selbst wenn letztere in einen Friedensplan mit der Regierung eingewilligt hat) konnten sich dem Zugriff der Facebook-Kontrollinstrumente relativ problemlos entziehen. Wurde eine Seite von Facebook geschlossen, wurde sie unter einem anderen Namen sofort wiedereröffnet. Besonders augenscheinlich ist ein Fall, bei dem im April neun Facebookseiten mit Hisbollah-Hintergrund gesperrt wurden, darunter auch eine Seite zur Verehrung von "Märtyrern". Kurz nach dem Shutdown ging die Seite wieder online. Die Hisbollah hatte einfach den Namen "Märtyrer" nicht mehr auf Englisch, sondern auf Persisch angegeben.

Und schließlich geht es in den kommenden Monaten auch um ein Verfahren, das ein Start-up in Kalifornien gegen Facebook angestrengt hat. Demnach hätte Zuckerberg ein betrügerischen Plan entwickelt, um die Daten seiner Nutzer gegen Marktkonkurrenten zu nutzen. Die Beweise dafür, so die Kläger von "Six4Three" , befänden sich just in persönlichen Mails Zuckerbergs, die dem Gericht übermittelt wurden. Facebook bestreitet die Vorwürfe. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die Klage soll Mitte 2019 verhandelt werden. In den USA wäre dann schon Vorwahlkampf für die Präsidentschaft 2020. Mit Zuckerberg als Kandidat?