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Digital In Arbeit

Goldrausch im Internet

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Regen Zulauf hat Internet, der weltweite Verbund von Rechnern. Das Netz ist interaktiv und offen für jedermann.

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Regen Zulauf hat Internet, der weltweite Verbund von Rechnern. Das Netz ist interaktiv und offen für jedermann.

Während beim Symposium „Global Village 95” Anfang Februar im Festsaal des Wiener Rathauses eine Handvoll internationaler Experten über die sinnvolle Nutzung des weltweit größten Computernetzes Internet diskutierten, drängte sich die breite Masse zu ebener Erde bei den Ständen der ersten österreichischen kommerziellen Anbieter in diesem Internet. Mit der Austria Presse Agentur (APA) und der Tageszeitung „Standard” haben sich die ersten größeren Informationsanbieter auf den elektronischen Marktplatz im rasant wachsenden Internet geworfen. Die APA sprach gar von einem „Urknall', doch im internationalen Maßstab ist ihr Informationsangebot noch kaum wahrnehmbar.

Internet ist ein weltweiter Verbund von Computern, in den sich jedes Land, jede Firma, jeder Mensch einklinken kann. Da keine speziellen Kenntnisse von Computerbefehlen und .Rechneradressen notwendig sind, erfreut es sich regen Zulaufs. Wer privat in das Netz einsteigen will, wendet sich an einen sogenannten „provider” (Computerfirmen etc.) Dieser schafft die technische Möglichkeit und berechnet dafür die entsprechenden Kosten. Die meisten Serviceleistun-gen des Internet sind kostenlos. Angeboten werden Texte, Dokumente, Zeitungsartikel, Zeitschriften, Fotos, Biografi-en, sogar Diskussionsforen („digitale Salons”) sowie Rat und Hilfe für allerlei tägliche Probleme (Kochrezepte, Diätanleitungen...) und ähnliches.

Die Internet-Gemeinschaft wächst um etwa 20 Prozent pro Quartal und dürfte derzeit bei 35 Millionen Nutzern liegen. Damit wird das Netz auch als Werbe- und Vertriebsmedium für kommerzielle Anbieter interessant.

Im Herbstquartal vorigen Jahres boomten die kommerziellen Anbieter und erhöhten ihre direkt angeschlossenen Computer (Hosts) um satte 36 Prozent. Sie stellten mit rund einer Million Hosts bereits mehr als ein Viertel der damals 3,8 Millionen im Internet eingebundenen Rechner.

Motor dieser Entwicklung sind die USA. Nach einer neuen Umfrage des Marktforschers Nielsen haben 64 Prozent der Amerikaner eine Abneigung gegen den täglichen Lebensmitteleinkauf.

Das New Yorker Marktforschungsunternehmen Jupiter Communication prognostiziert, daß statt der heute sechs Prozent dieser täglichen Einkaufe im Jahre 2003 über 28 Prozent von Zustellern erledigt werden. Die liefern die per Telefon oder über Computerdienste bestellten Waren direkt zu den Konsumenten.

Doch derzeit nutzt bloß jeder vierte Amerikaner, der an einem privaten Netzanbieter angeschlossen ist, die Angebote der „Online-Shops”. Zwar wurden im Vorjahr in den USA umgerechnet rund eineinhalb Milliarden Schilling über den computergestützen Einzelhandel umgesetzt. Im Vergleich mit den rund 40 Milliarden Schilling, die über klassische Katalogbestellungen per Post oder Telefon und Teleshopping-Kanäle im Fernsehen umgesetzt werden, nimmt sich diese Ausbeute noch mager aus.

Für vife Kleinhändler bietet Internet große Möglichkeiten, wenn spezielle Kundenwünsche angesprochen werden. Beispielsweise kann man bei CD-Now aus rund 160.000 Musik-CD's auswählen, von denen sehr viele Raritäten sind, die im österreichischen Musikhandel vergeblich gesucht werden.

Ein Amerikaner, der sich jahrelang als Hobbykaffeeröster betätigt hat, bietet nun über Internet zahlreiche selbstgeröstete Kaffeespezialitäten an, davon alleine zwei Dutzend Sorten biologisch angebauten Kaffees.

Englischsprachige Rücher können direkt beim Verlag geordert werden, ohne den obligatorischen 100-Prozent-Zuschlag des österreichischen Buchhandels zahlen zu müssen.

Zwar werden über Internet noch nicht viele Warenbestellungen umgesetzt, aber für die Computerindustrie beispielsweise ist Internet ein enorm wichtiges Informati-ons- und Servicemedium. Digital, ein großer Computerhersteller, beschäftigt alleine 50 Personen, um Anfragen über Diskussionsgruppen zu bearbeiten und Informationen an die Kunden weiterzuleiten. Die Firma erspart sich so viele zeitaufwendige Telefonate und betreut pro Monat 84.000 Kunden. Sie bietet 9.000 Dokumente über ihre Produkte in elektronischer Form an, von denen pro Monat 20.000 Kopien über Internet gemacht werden. Die Firma spart außerdem Druck-und Versandkosten.

Besonderes Fingerspitzengefühl ist bei Werbung im Internet geboten. Zwei Rechtsanwälte, die vor zwei Jahren eine Werbeaussendung in alle Diskussionsgruppen im Internet (Newsgroups) geschickt haben, wurden mit erbosten Rückmeldungen - sogenannte flames - derart eingedeckt, daß ihre Leitung zum Internet regelrecht verstopft war.

Bei einer Ende vorigen Jahres durchgeführten Umfrage, bei der 4.566 Internet-Benutzer antworteten, sagten zwar 70 Prozent, prinzipiell gegenüber Werbung im Internet aufgeschlossen zu sein, 27 Prozent lehnten solche jedoch prinzipiell ab.

Mehr Werbung wird nur von knapp der Hälfte befürwortet, und das auch nur mit vielen Wenn und Aber: Werbung soll zu ihrem Umfeld relevant sein, sie soll informativ und unterhaltend sein, von Informationsangeboten und Diskussionsgruppen getrennt sein, es soll einfach sein, sie zu überspringen, es sollen in ihr keine großen Bilder enthalten sein, die viel Zeit brauchen, um in den eigenen Computer geladen zu werden.

Die andere Hälfte der Internet-Benutzer will keine zusätzliche Werbung mehr. Immerhin 52 Prozent zeigen Bereitschaft, auf Werbung positiv zu antworten, aber 34 Prozent reagieren negativ und wollen dicke Beschwerdebriefe abschicken, sich eines Kaufes enthalten oder gar saftige Rechnungen wegen Verschwendung von Speicherplatz und Rechnerzeit versenden.

Da Internet ein offener Verbund von Rechnern ist, der Millionen verschiedener Betreiber gehört, gibt es große Sicherheitsprobleme:

Da es bislang kein elektronisches Geld gab, wurden -wie im Teleshopping üblich -Bestellungen über Kreditkarten abgerechnet. Dazu mußte der bestellende Konsument seine Kreditkartennummer angeben, die unverschlüsselt übermittelt wurde, also im für jedermann lesbaren Volltext. Technisch kein Problem ist es, die an einen Rechner einlangenden E-Mails auf Kre-ditkärtennummern hin zu analysieren, bevor sie weitergeschickt, manipuliert oder zurückgehalten werden.

Seit Dezember 1994 bieten große Kreditkartenunternehmen und amerikanische Banken ihren Kommerzkunden die Möglichkeit an, diese besonders heiklen Daten zu ver-und erst in der Bank zu entschlüsseln. Eine weitere Möglichkeit bietet „DigiCash': Mit spezieller Sicherheitssoftware kann bei einer Bank normales Geld in elektronisches Geld umgewandelt und vom Händler wieder bei der Bank gegen reelles Geld eingelöst werden.

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