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Gut leben oder lieber gut schlafen?

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Viele Sparbuchbesitzer ärgern sich über die sehr niedrigen Ertragszinsen. Was steckt dahinter?Warum kann man nicht mehr bekommen?

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Viele Sparbuchbesitzer ärgern sich über die sehr niedrigen Ertragszinsen. Was steckt dahinter?Warum kann man nicht mehr bekommen?

Zunächst hängst das Zinsniveau von den jeweiligen wirtschaftlichen Gegebenheiten ab. Dabei spielt die Inflationsrate eine wichtige Rolle, die in Österreich erfreulicherweise schon seit langem extrem niedrig ist: Jeder Investor - und zu diesen zählt indirekt auch der kleinste Sparer - will sein Geld nicht nur nominell, sondern auch real sichern und vermehren. Muß er fürchten, daß er durch die Geldentwertung letzten Endes mehr verliert als er durch Zinsen gewinnt, wird er die erwartete Einbuße durch einen höheren Zinssatz wettzumachen trachten. Das sollte ihm gelingen, wenn eine verminderte Sparbereitschaft die Nachfrage an Krediten nicht mehr befriedigen kann. In der Regel sollte die Realverzinsung unter normalen Bedingungen langfristig etwa drei Prozent über der Inflationsrate liegen.

Daß dies in Österreich und anderen Ländern schon seit längerem nicht mehr der Fall ist - die realen Zinsen sind wesentlich niedriger -, liegt nicht, wie manche vermuten, an der Geldgier und wirtschaftlichen Macht der Banken, die bei einem funktionierenden freien Markt durch den Wettbewerb begrenzt sein sollte und auch ist. Geringe oder gar weiter sinkende Zinsen für Spareinlagen müssen erwartet werden, wenn mehr Geld in sichere, kurzfristige Veranlagungen strömt als für solche Kredite gebraucht wird und im allgemeinen eine zu geringe Bereitschaft besteht, höhere Erträge in anderen Sparformen durch erhöhtes Risiko zu erwirtschaften. Einlagen auf Sparbücher sind bekanntlich bis 260.000 Schilling völlig unabhängig von der Bonität des Instituts absolut gesichert. Bei einem für Österreich geschätzten privaten Geldvermögen von etwa 3.500 Milliarden Schilling liegen nicht weniger als 1.600 Milliarden auf Sparkonten.

Kein Hang zum Risiko Ein Grundgesetz, dem ausnahmslos jede Investition und jedes Sparguthaben unterworfen ist und das so oft nicht verstanden oder zur Kenntnis genommen wird, ist der unauflösbare Zusammenhang zwischen Risiko und Gewinn. Die seriöse Alternative zum Sparbuch sind festverzinsliche Anleihen (hier ist die Bonität des Schuldners ausschlaggebend) sowie die risikoreichere, doch langfristig mit höheren Ertragserwartungen verbundene Aktie, die direkt oder über einen Investmentfond erworben werden kann. Diese Sparform hat sich in unserem Land noch nicht voll durchgesetzt, obwohl in den letzten Jahren ein Umdenken festzustellen ist. Der Grund für die traditionelle Zurückhaltung liegt in der dem Österreicher zugeschriebenen Neigung, lieber auf Nummer sicher zu gehen; aber auch in der weitverbreiteten Auffassung, Gewinne seien etwas Unanständiges, weil automatisch mit Ausbeutung verbunden.

Diese Mentalität erklärt die jahrzehntelange Diskriminierung der Aktie und zugleich die steuerliche Begünstigung von Anleihen, was dazu führte, daß in der Vergangenheit sowohl große Industrieunternehmen wie etwa Steyr-Daimler-Puch als auch renommierte Stadtgeschäfte wie etwa Förster auf dem Kohlmarkt auf notwendige Investitionen verzichteten und ihr Kapital steuerschonend in festverzinsliche Wertpapiere anlegten. Steyr ist nach einem schmerzhaften Schrumpfungsprozeß von einem ausländischen Konzern übernommen worden, die Firma Förster existiert nicht mehr.

Die Scheu vor dem wirtschaftlichen Risiko hat einen wichtigen volkswirtschaftlichen Aspekt: Der technische Fortschritt, angetrieben durch die immer kürzer werdende Halbwertzeit der Erfindungen und ihrer Verwertung, hat zur Folge, daß in vielen Sektoren der Wirtschaft bei immer größerem Risiko ein immer höherer Kapitaleinsatz verlangt wird; sicherlich steigen damit - wie bereits erwähnt - auch die Gewinnchancen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Pharmaindustrie oder im Dienstleistungssektor das Architekturbüro. Die Entwicklung eines neuen Medikaments, die Teilnahme an zahllosen Wettbewerben erfordern große Mittel und hohe Risikobereitschaft; dementsprechend lockt hoher Gewinn.

Unter diesen Bedingungen sind Länder im Vorteil, die durch einen funktionierenden Kapitalmarkt risikofreudige Investoren anziehen. Österreich ist da im Hintertreffen. Der Schwerpunkt der österreichischen Wirtschaftspolitik lag - wie erwähnt - jahrzehntelang in der de facto Subventionierung von Fremdkapital bei gleichzeitig grober Vernachlässigung jener Faktoren, die das Entstehen einer angemessenen Eigenkapitaldecke und Vermögensbildung durch Aktienerwerb fördern.

Scheu vor Aktien Die niedrigen Sparzinsen und die noch immer vorhandene Scheu vor Aktien und Investmentfonds bieten überdies einer bunten Schar von cleveren Wirtschaftsbetrügern ein lohnendes Betätigungsfeld. Sie angeln nicht nur große, sondern auch kleine Fische, Geldanleger, die mit den Erträgen ihrer Spareinlagen unzufrieden sind und möglichst rasch das große Geld suchen.

Dem kriminellen Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt - ebensowenig der Gutgläubigkeit rasches Geld suchender Anleger. Die Palette des Finanzbetrugs hat viele Facetten: Im sogenannten Pyramidenspiel werden - siehe die Machenschaften des inzwischen aufgeflogenen Kingsclubs - die hochverzinslichen Anlagen durch steigende Umsätze bedient. Voraussetzung ist, daß zu Beginn mehr Geld durch neue Kunden hereinkommt als an Zinsen und Rückzahlungen ausgegeben werden muß. Letztlich ist ein Zusammenbruch, wie jeder verstehen wird, unvermeidbar.

Ein ebenso probates Mittel, sein Geld loszuwerden, bietet das sogenannte Telefonmarketing: Ein Anruf, meist auch dem Ausland, verspricht ungewöhnlich hohe Zinsen. Wer mit einer kleinen Einlage den Versuch unternimmt, kann damit rechnen, zunächst ordnungsgemäß bedient zu werden. Erst wenn der Sparer, durch den Erfolg ermutigt, höhere Beträge einsetzt, platzt das Geschäft. In diese Kategorie fallen auch phantasievolle Transaktionen, bei denen mit dem Geld des arglosen Sparers angeblich Container gekauft und dann geleast, Optionen auf Whiskybestände (die erst reifen müssen), Termingeschäfte für Weizen, Zucker oder Metalle eingegangen werden sollen. In Wirklichkeit verwenden die Betrüger das Geld für sich. Die Verträge sind meist so geschickt formuliert, daß eine Klage kaum Aussicht auf Erfolg hat.

Die Geldanlage ist absolute Vertrauenssache. Niemals darf man in der Hoffnung auf unüblichen Ertrag dubiose Verbindungen eingehen. Auch Banken, Rechtsanwälte und Notare müssen - wie die Erfahrung zuletzt bei der Riegerbank zeigt - einer entsprechenden Prüfung unterzogen werden. Der durchschnittliche Sparer, der sich einem renommierten Geldinstitut anvertraut, wird zwar nicht über Nacht reich werden können, doch kann er ruhig schlafen.

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