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Hurra, jetzt ist die Welt gerettet!

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„Faktor 4" von Ernst Ulrich von Weizsäcker gibt die naturwissenschaftliche Antwort auf die Weltprobleme - viele ökonomische Fragen bleiben aber offen.

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„Faktor 4" von Ernst Ulrich von Weizsäcker gibt die naturwissenschaftliche Antwort auf die Weltprobleme - viele ökonomische Fragen bleiben aber offen.

Das jüngste Buch von Ernst Ulrich von Weizsäcker heißt „Faktor 4" und verheißt uns doppelten Wohlstand bei halbiertem Naturverbrauch. Um zu überleben, müssen wir von den Möglichkeiten zur effizienteren Nutzung der Ressourcen Gebrauch machen, die Naturwissenschaften und Technik längst bereithalten. Hindernisse, die dem Zur-Vernunft-Kommen der Macher in Wirtschaft und Politik im Weg stehen, müssen weggeräumt werden.

„Faktor 4" ist naturwissenschaftlich und technologisch konsequent gedacht - ein wichtiges, notwendiges Buch. Weizsäcker und seinen Mitautoren Amory und Hunter Lovins gelang ein Kompendium all dessen, was Naturwissenschaftler derzeit über den ökologischen Umbau der Industriegesellschaften zu sagen haben.

Sie breiten nicht nur die Gefahren aus, die der Menschheit drohen, wenn die Industriestaaten ihre Verschwendung fortsetzen, sondern auch einen Katalog von Möglickeiten, mit weniger Ressourcenverbrauch besser zu leben. Die Forderung, davon konsequent Gebrauch zu machen, ist durch und durch vernünftig. So, wie sie hier vorgebracht wird, besteht allerdings die Gefahr, daß dies tatsächlich für ausreichend gehalten wird, um die Probleme zu lösen.

Weizsäcker leitet das 1991 von ihm gegründete Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, seine Mitautoren Amory B. Lovins und L. Hunter Lovins leiten ebenfalls ein von ihnen - 1982 - gegründetes Institut, nämlich das im Auftrag von Regierungen und großen Unternehmen tätige Rocky Mountain Institute im US-Staat Colorado, das unter anderem mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Vielleicht liegt es an dieser.Koope-ration, wenn das Buch die Probleme übergeht, die uns auch dann noch erhalten blieben, wenn das Zur-Vernunft-Kommen der Macher schlagartig einträte, und dadurch einen etwas naiv wirkenden Optimismus ausstrahlt. Aber vielleicht liegt es auch daran, daß Naturwissenschaftler überhaupt dazu neigen, ökonomische Zusammenhänge zu vernachlässigen.

Wenn es noch eines Beweises für das Vorhandensein gigantischer Potentiale für Verbesserungen der Energie-Effizienz bedurfte, werden sie hier in beeindruckender Fülle geboten. Weizsäcker liegt goldrichtig, wenn er betont, daß jemand, der „auf Fehler von Märkten hinweist", deshalb keineswegs „für die Planwirtschaft ist".

Daß aber sehr wohl das, „was den sozialistischen Machtkartellen im Osten geschah ... theoretisch auch den unter dem Deckmantel der marktwirtschaftlichen Grundordnung entstandenen Bürokratien des Westens passieren" könne. Staat und Wirtschaft hätten sich „wie in einer Symbiose gemütlich eingerichtet". Der Westen habe „einen faszinierenden Test von politischem Glasnost vor sich".

Die Frage sei zum Beispiel, ob endlich die USA damit aufhören, die un-' wirtschaftlichsten Energieformen mit Millarden Dollar zu subventionieren, ob Deutschlands drei größte Stromerzeuger endlich ihre geheimen Daten preisgeben, wer wieviel Strom erzeugt und an wen zu welchem Preis verkauft, ob Electricite de France endlich auf ihre „direkten und indirekten, immer noch geheimgehaltenen Subventionen" verzichtet. Wie recht Weizsäcker, mit all seinen Mitstreitern, da doch hat!

Er versteht aber unter Effizienz durchgehend die ökologische beziehungsweise Energie-Effizienz und geht davon aus, daß deren Steigerung fast immer auch eine Erhöhung der ökonomischen Effizienz bedeute. Überall, wo der Gleichklang der ökologischen mit der ökonomischen Effizienz nicht gegeben sei, müsse dies durch Vorgaben und Anreize erzwungen werden. Ideen, wie die Unternehmen veranlaßt werden könnten, schonender mit der Umwelt umzugehen, schüttelt er nur so aus dem Ärmel.

Als Beispiel ein Vorschlag, dessen Gesetzwerdung man besser heute als morgen in Angriff nehmen sollte: Fabriken, die ihr Nutzwasser Flüssen entnehmen, sollen verpflichtet werden, dies an einer Stelle flußabwärts von jenem Punkt zu tun, an dem sie ihre Abwässer einleiten. Sie würden dann schnellstens dafür sorgen, „daß die Wasserreinigung ununterbrochen gut funktioniert".

Eine glänzende Idee ist auch, von den Managements der Ölraffinerien zu fordern, daß die Hälfte der Verantwortlichen zum Beweis ihres Umweltbewußtseins „leeseitig in der Nähe der Raffinerie wohnt". (Allerdings ist Lee die dem Wind abgewandte Seite. Solcher Flüchtigkeiten gibt es im Buch leider eine Reihe.

Auch der Vorschlag, die Reinigung der Abluft zu erzwingen, indem man vorschreibt, „die Luft aus dem Schornstein in die Ventilation zu leiten", ist amüsant. Aus den Schornsteinen kommen nämlich nach wie vor zumindest teilweise Verbrennungsabgase, aus denen nichts und niemand das Kohlendioxid entfernen kann. Weizsäcker wird doch das Bevölkerungswachstum nicht durch Ersticken der Arbeiterschaft einbrem-sen wollen.)

Seine und seiner Mitstreiter Ausführungen erfüllen alle Voraussetzungen, zum Leitfaden der Umweltpolitik zu werden. Ich vermisse bloß die Aussage, daß damit nur ein Teil der Probleme gelöst werden kann, mit denen die Industriestaaten derzeit kämpfen.

Seine Anliegen drohen aus demselben Grund auf der Strecke zu bleiben, der auch einen Teil der Erklärung dafür liefert, daß Österreichs Grüne bei der letzten Wahl zurückfielen und um ihr Überleben kämpfen: So sehr nämlich die Umweltprobleme nach wie vor die Menschheit bedrohen -ein wachsender Teil der Wähler in den Industriestaaten fühlt sich von den Umweltproblemen weniger bedrängt als durch die Arbeitslosigkeit und durch die Budgetprobleme und Einschnitte ins soziale Netz infolge der Arbeitslosigkeit.

Die Abschaffung von immer mehr Arbeit durch Bationalisierung (Steigerung der Produktivität klingt freilich nobler) und die ökologischen Probleme sind aber nun einmal eng miteinander verklammert. Da Weizsäcker kein Ökonom ist, übersieht oder unterschätzt er leider einen wichtigen Umstand. Der Aufwand bei der Herstellung der Industrieprodukte enthält nicht nur Bessourcen und Energie, sondern auch Arbeit. Der Übergang zu Produkten, die mit geringerem Aufwand produziert werden und obendrein langlebiger sind, bedeutet daher nicht nur eine Einsparung von Ressourcen und eine Entlastung der Umwelt, sondern auch eine weitere Reduktion der Arbeit. Es sei denn, es würde soviel mehr konsumiert, daß diese Reduktion wettgemacht wird. Damit wären wir aber wieder dort, wo wir vorher waren.

Unsere jetzige Verschwendung resultiert nämlich nicht nur aus überzogenen Ansprüchen arf den Lebensstandard und Gewinnstreben, sondern auch - und meiner Ansicht: vor allem — aus der Zunahme der Produktivität. Mehr Produktivität heißt nun einmal gleiche Produktion mit weniger Arbeit oder gleich viel Arbeit und Wachstum.

Eine im Sinne Weizsäckers ökologisch effiziente Gesellschaft, in der die Produktivität weiter wächst, müßte daher einen erheblichen Teil dessen, was sie auf der einen Seite einspart, auf der anderen Seite durch weiteres Wachstum wieder rückgängig machen. Oder s e hätte mit noch viel mehr Arbeits!) sigkeit zu kämpfen als wir heute. De ß Weizsäcker keine Lösung für diese Schwierigkeit weiß, ist ihm nicht an zulasten. Aber sie muß erkannt urjd ausgesprochen werden.

Er hat völlig recht, wenn er den Volkswirtschaftlern vorrechnet, daß jeder Verkehrsunfall Und jedes Gei seldrama das Bruttosozialprodukt e ■ höht. Tatsächlich schaffen Verkehr Unfälle und Geiseldramen aber nicht nur Leid und BSP, sondern auch A beitsplätze.

Auf Verkehrsunfälle und Ge -seldramen könnten wir verzichten, aber an der Rolle all des Arbeit scha fenden Überflüssigen und Schädl -chen in Volkswirtschaften, in denen Mangel nur noch an Arbeitsplätzen und sauberer Umwelt besteht, drücl t er sich vorbei.

So wird denn auch für das ökonomische Problem, das entsteht, wenn die Produkte länger halten sollen, eir e allzu dürftige Lösung eingebe i-ten. Sie heißt Leasing. Die Heisteller sollen ihre Autos (und alle möglichen anderen Dinge bis hin zu den Bürostühlen) einfach nicht mehr verkaufen, sonder a verleihen, um im Lauf der mehrfachen Lebenszeit soviel z i verdienen wie mit mehrerei Einheiten, die inzwischen in Schrott oder im Müll gelandet wären.

Aber wohin mit den Arbeite kräften, die überflüssig werder wenn statt mehrerer umwell vernichtender Straßenkreuzer nur noch ein Auto, und noch dazu ein einfacheres, leichteres und billigere!;, produziert wird? Und wer kann Filmen und Privatleute zwingen, für ge liehene Produkte Mieten zu zahlen, in denen so viel Luft ist? Hier unter schätzt Weizsäcker schon sehr di; Macht des Marktes und die Dynamik der Konkurrenz.

Der „Effizienzrevolution" steht leide r etwas mehr im Weg als „gegen dii: Ökologie gerichtete Anreize, bürokra tische Hemmnisse und die Interesse der Gegenseite". Es steht ihr vor al lern die ungeheure Macht der Wachs tumsdynamik entgegen, hinter de wiederum die Dynamik des Produk tivitätszuwachses steht.

Weizsäcker entwickelt auch einige gute ökonomische Ideen. Die wich tigste ist die Energiesteuer. Sie würde zweifellos einen Schritt in der richti gen Bichtung bedeuten. So, wie sie ihren Erfindern derzeit vorschwebt, genügt sie aber nicht, die Wachs tumsdynamik der Industriegesell Schäften und den in ihnen wirksamer Wachstumszwang zu bremsen. Dazi wäre es notwendig, die wirtschaftspo litische Praxis und die ihr zugrunde liegenden ökonomischen Lehren sc gründlich zu hinterfragen, wie es Ernst Ulrich von Weizsäcker mit der technischen und naturwissenschaftli chen Voraussetzungen unseres Wirt schaftens und Produzierens tut.

Für Sätze wie diesen möchte ich ihr aber umarmen: „Freihandel unc nachhaltiger Umwelt- und Klima schütz müssen miteinander versöhnt werden - soweit das überhaupt mög lieh ist. Und wenn es nicht möglich sein sollte, dann muß doch wohl ehei der Freihandel zurückstecken als der Schutz der Lebensgrundlagen."

Näheres siehe

FAKTOR 4. Von Ernst Ulrich von Weizsäcker: Doppelter Wohlstand halbierter Naturverbrauch. Der neue Bericht an den Club of Rome Verlag Droemer Knaur, München 1995 )52Seiten, geb., öS))),-

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