LinkedIn - © Foto:   gettyimages / shironosov
Wirtschaft

Im Netz der Karrieristen

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LinkedIn, die Plattform für Menschen, die sich beruflich vernetzen wollen, ist äußerst erfolgreich. Mittlerweile gibt es 600 Millionen Nutzer weltweit. Regimekritiker, etwa in China, sind als Kunden unerwünscht.

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LinkedIn, die Plattform für Menschen, die sich beruflich vernetzen wollen, ist äußerst erfolgreich. Mittlerweile gibt es 600 Millionen Nutzer weltweit. Regimekritiker, etwa in China, sind als Kunden unerwünscht.

Wer auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn aktiv ist, fühlt sich in letzter Zeit immer häufiger an Facebook erinnert: In einem Newsfeed werden dem Nutzer Artikel und Beiträge von Freunden angezeigt, die man kommentieren, teilen oder liken kann. Im Netzwerk werden Kontakte vorgeschlagen, mit denen man per Direktnachricht kommunizieren kann. Und nebenbei wird man an Geburtstage von Kontakten erinnert.

Die 2002 gegründete Karriereplattform stand lange im Schatten aufstrebender Apps wie Instagram oder Snapchat, die mit ihrem rasanten Wachstum die Investoren begeistern. LinkedIn galt unter Wagniskapitalgebern zwar als seriös, aber auch als langweilig und wenig innovativ. Die Influencer sind eher dröge Geschäftsmänner in dunklen Anzügen als Teeniestars in schrillen Outfits. Vor ein paar Jahren konnte man lediglich seinen Lebenslauf auf der Plattform hochladen. Anders als die Konkurrenz hat LinkedIn auch keine Schlagzeilen mit Fake-News oder millionenfach geklickten Videos gemacht.

Umstrittenes China-Geschäft

Doch gerade diese Unaufgeregtheit und Nüchternheit kommt dem sozialen Netzwerk zugute. Die Karriereplattform mit integrierter Jobsuche ist rein auf den beruflichen Bereich fokussiert – für private Peinlichkeiten wie Party- oder Urlaubsfotos, die dem Chef missfallen könnten, ist kein Platz. Nachdem das Karriereportal 2014 seine Blogging-Funktion öffnete, werden dort pro Woche über 130.000 Beiträge veröffentlicht. LinkedIn pusht dabei vermehrt Video-Beiträge, um die Nutzer länger bei der Stange zu halten (die Verweildauer ist im Vergleich zu Facebook noch immer recht gering). Seitdem das Netzwerk im vergangenen Jahr seinen Newsfeed-Algorithmus modifiziert hat, werden noch stärker Posts prominenter Nutzer, etwa die des Unternehmers Richard Branson (15 Millionen Follower), priorisiert.

Die Nutzer scheinen das zu goutieren: LinkedIn ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen, auf mittlerweile über 600 Millionen Nutzer. Allein in den USA gibt es 150 Millionen Mitglieder. Dank Zensur ist LinkedIn als einer von wenigen Akteuren der US-Plattformökonomie auch in China präsent – in dem wichtigen Markt zählt es 44 Millionen Mitglieder, was angesichts der Dominanz nationaler Player wie Weibo ein Achtungserfolg ist (die Regierung in Peking blockiert nach wie vor Dienste wie Facebook und Twitter). Dass die Karriereplattform wiederholt Profile chinesischer Regierungskritiker sperrte, sorgt bei Menschenrechtsaktivisten für anhaltende Kritik. Doch wie so häufig, wenn es um Geschäftsinteressen geht, werden Menschenrechte hintangestellt.

2016 wurde die Karrierenetzwerk für 26 Milliarden Dollar von Microsoft übernommen. Die Akquisition hat sich bezahlt gemacht: 2018 vermeldete der Softwareriese einen Rekordumsatz von 110 Milliarden US-Dollar. LinkedIn ist nach der Cloud-Computing-Sparte Azure der am schnellsten wachsende Geschäftsbereich. Die Integration von LinkedIn-Profilen in die Produktpalette von Microsoft, speziell die Office-Anwendungen, ist abgeschlossen. Beflügelt vom boomenden Daten- und Cloudgeschäft erreichte Microsoft im April einen Börsenwert von einer Billion Dollar. Zwar steuerte LinkedIn mit rund fünf Milliarden Dollar (zwei Milliarden wurden mit Werbung generiert, drei Milliarden mit kos­tenpflichtigen Premium-Mitgliedschaften) nicht einmal fünf Prozent zum Jahresumsatz bei. Doch der Datenschatz, auf dem LinkedIn sitzt, dürfte wesentlich wertvoller sein.

Für ein paar Millionen Kunden mehr sagt LinkedIn auch Ja zur Zensur in China.

LinkedIn führt anhand von Profilen regelmäßig Arbeitsmarktanalysen durch: Das soziale Netzwerk weiß aufgrund der Daten, wo eingestellt wird, in welche Regionen und Branchen es College-Absolventen zieht, wie hoch die Einstiegsgehälter in bestimmten Branchen sind und welche Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt sind. Seit einiger Zeit nutzt LinkedIn für seine Untersuchungen auch Künstliche Intelligenz. Der jüngste Arbeitsmarktbericht zeigt, dass Arbeitgeber gerade vor allem Fähigkeiten in Datenvisualisierung nachfragen. LinkedIn weiß über den Arbeitsmarkt vermutlich mehr als jede Statistikbehörde.

Sicherheitslücken

Doch mit der Datennutzung steigt auch das Missbrauchsrisiko. 2012 wurden bei einem Hack die Passwörter von sechs Millionen Nutzern gestohlen. 2016 bot ein Hacker im Dark Web die Zugangsdaten (Benutzer-IDs, Mailadressen, Passwörter) von 167 Millionen LinkedIn-Mitgliedern, die aus dem Hack von 2012 stammten, zum Verkauf an. Cybersicherheitsexperten kritisierten damals die schwachen Sicherheitsstandards.

Im November vergangenen Jahres gab die irische Datenschutzbehörde bekannt, dass die Karriereplattform 18 Millionen E-Mail-Adressen europäischer Nutzer ohne deren Wissen für Facebook-Werbung genutzt hat. Erstaunlich: Der Datenschutzverstoß wurde von der Öffentlichkeit viel weniger rezipiert und skandalisiert als der Facebook-Skandal um die Analysefirma Cambridge Analytica. Der Vorfall macht aber deutlich: E-Mail-Adressen sind die Achillesferse sozialer Netzwerke.

Zwar hat LinkedIn fast zeitgleich mit Bekanntwerden des Datenschutzverstoßes eine neue Sicherheitsoption eingefügt, mit der sich der Datenexport und der Kreis derer, die die E-Mail-Adresse im Profil sehen, einschränken lassen. Doch nur die wenigsten Nutzer machen davon Gebrauch. Eine Sorglosigkeit, die Nutzern möglicherweise zum Verhängnis werden kann.

Denn längst wird auch LinkedIn von ausländischen Geheimdiensten infiltriert. Die USA haben wiederholt Vorwürfe erhoben, chinesische Spione würden über gefälschte LinkedIn-Profile amerikanische Spitzel rekrutieren wollen. Der Chef der amerikanischen Gegenspionage, William Evanina, sprach von einer „super aggressiven“ Anwerbungskampagne. Nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz soll es bei mehr als 10.000 deutschen Staatsangehörigen zu Kontaktversuchen gekommen sein. Das amerikanische Unternehmen bringt dies in einen delikaten Interessenkonflikt, weil es einerseits nationale Sicherheitsinteressen nicht verraten darf, andererseits die chinesische Regierung nicht vor den Kopf stoßen darf, will es weiter auf dem Markt aktiv sein.

Das Problem sind nicht allein Fake-Accounts, sondern die klandestinen Aktivitäten, welche das Karriereportal zum geopolitischen Spielball machen. Eine Jobbörse, wo heimlich Schlapphüte mitmischen, verliert auf Dauer ihre Glaubwürdigkeit.

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