Im Würgegriff der Zinsen

Jeder zehnte Österreicher steckt nach Expertenschätzung in der Schuldenfalle fest. Doch wer ist verantwortlich dafür, dass an immer mehr Wohnungstüren der Exekutor klingelt? Sind es die Banken, die allzu rasch mit Krediten zur Stelle sind? Oder ist der steigende Konsumzwang schuld an der Misere? Dieses Furche-Dossier sucht nach Gründen für die zunehmende Schuldenlast und spürt auch den beiden Phänomenen der Kauf- und Spielsucht nach.

Redaktionelle Gestaltung: Doris Helmberger

Rund 350.000 Haushalte in Österreich seien zahlungsunfähig, schätzt der Wiener Schuldnerberater Alexander Maly. In seinem Buch "Tatort Banken" weist er die Verantwortung dafür klar den Kreditinstituten zu, die ihren Kunden sowohl das Überziehen von Gehaltskonten als auch das Aufnehmen von Krediten mit allen (Werbe-)Mitteln schmackhaft machen.

Unterstützung erhält Maly von dem Geschäftsführer der Vorarlberger Schuldenberatung, Peter Kopf. Aus seiner Beratungstätigkeit kennt er den typischen Weg in die Verschuldung, der meist mit dem überzogenen Girokonto beginne: "Viele unserer Klienten haben sich durch den Überziehungsrahmen an Geld gewöhnt, das ihnen nicht gehört. Das ist die Einstiegsdroge ins Schuldenkarussell." Er bemängelt vor allem, dass es keine gesetzliche Regelung zur Höhe des Überziehungsrahmens gebe. "Manche Banken gewähren ein oder zwei Monatsgehälter, bei anderen sind es fünf oder sechs. Da die Zinsen höher sind als bei Krediten, haben die Banken auch ein Interesse an überzogenen Konten." Wenn dann der Überziehungsrahmen nicht eingehalten werde, gebe es nochmals einen Zinssprung. Kopf: "Das sind Fallstricke, die viele Leute übersehen."

Kredit: Schritt in die Falle

Für die Sprecherin der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA), Margit Schmid-Weihs, steht daher auch die Beratung der Kunden an erster Stelle: "Der Überziehungsrahmen ist nur eine Überbrückungshilfe. Und so sollte man auch die Kunden beraten." Sonst sei ein Kredit sinnvoller.

Den schlagen die Banken ihren Kunden mit weit überzogenem Konto dann auch meist vor. Von dem wieder liquiden Girokonto werden dann die Kreditraten bezahlt. Für Schuldnerberater Kopf der nächste Schritt in die Schuldenfalle: "Oft ist das Konto schnell wieder überzogen, die Ratenzahlung unmöglich. Dann stellt die Bank den Kredit fällig."

Da selten die Banken die einzigen Gläubiger seien, sondern auch noch Zahlungsrückstände bei Versandhäusern und Handybetreibern dazu kämen, sei oft die einzige Lösung der Privatkonkurs, der es ermögliche, durch Bezahlung eines Teils der Verbindlichkeiten schuldenfrei zu werden.

Rund dreitausend Spezielle Schuldenregulierungsverfahren, wie der Privatkonkurs offiziell heißt, wurden allein im Vorjahr eröffnet. Durchschnittliche Schuldenhöhe in jedem Verfahren: mehr als 123.000 Euro. Zwar müsse vor Einleitung des Verfahrens eine außergerichtliche Lösung angestrebt werden, erklärt der Leiter der Abteilung für Privatinsolvenzen beim Kreditschutzverband von 1870 (KSV), Johann Kosstal: "Aber da müssen alle Gläubiger einverstanden sein, das ist selten." Daher komme es dann zum Privatkonkurs, in dem entweder ein Zwangsausgleich durchgeführt werde, bei dem der Schuldner in einer bestimmten Zeit mindestens zwanzig Prozent seiner Verbindlichkeiten bezahle. Oder es werde ein Zahlungsplan erstellt, bei dem der Schuldner den Gläubigern die Bezahlung einer für ihn zumutbaren Quote innerhalb von sieben Jahren anbiete. Wenn beides scheitere, etwa weil die Gläubigermehrheit die Angebote nicht annehme, gebe es noch das Abschöpfungsverfahren, in dem die für die Dauer der nächsten sieben Jahre das Gehalt des Schuldners gepfändet werde.

Schuldendynamik

Trotz der langen Laufzeit, in der unvorhergesehene Ereignisse das Einkommen des Betroffenen schmälern und den Konkurs scheitern lassen können, steht Kopf dem Privatkonkurs eher positiv gegenüber: "Mit Konkurseröffnung gibt es einen Zinsstopp, das heißt, man hat eine klare Summe, mit der man rechnen kann. Denn sonst sind Schulden das dynamischste, was man sich vorstellen kann." Neben den Zinsen fallen Kosten wie Verzugszinsen, Inkasso- und Fälligstellungsgebühren an, zählt Kopf auf. "Da kann dann schon das Fünffache des ursprünglichen Kredites herauskommen."

Daher rät auch die BA-CA-Sprecherin Schmid-Weihs, sich bei Veränderung der finanziellen Lage sofort an den Berater bei der Bank zu wenden: "Es kann dann die Ratenzahlung für eine gewisse Zeit ausgesetzt werden oder die Raten werden neu berechnet."

Den Vorwurf der Schuldnerberater, dass die Banken zu leichtfertig Kredite vergeben würden, kann Schmid-Weihs nicht nachvollziehen. Es werde gemeinsam mit dem Kunden berechnet, welche Ratenzahlung er sich leisten könne. "Aber dabei sind wir natürlich auf seine Ehrlichkeit angewiesen. Wir können ja nicht nachprüfen, welche Fixkosten er monatlich hat." In der Regel funktioniere die Kreditrückzahlung aber reibungslos. "Im Vorjahr mussten wir 0,4 Prozent der Privatkredite abschreiben. Bei 1,9 Millionen Privatkunden ist das ein geringer Betrag."

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