Irrealer Casinokapitalismus

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Parallelökonomie zur "realen" Wirtschaft hat sich aufgebaut, die uns alle ins Casino schleppt.

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Eine Parallelökonomie zur "realen" Wirtschaft hat sich aufgebaut, die uns alle ins Casino schleppt.

Es ist eigentlich noch gar nicht so lang her, daß sich Österreich in die kapitalistischen Länder eingereiht hat. Jahrzehntelang waren wir, was den Umgang mit Finanzkapital betraf, einfach unterentwickelt. Das war auch eine Frage der Mentalität, somit der Politik. Anfang der neunziger Jahre waren nur drei Prozent des privaten Geldvermögens in Aktien angelegt. Deren Besitz wurde nicht nur scheel angesehen - man war damit Kuponschneider und so etwas wie ein Ausbeuter - sondern auch bewußt steuerlich diskriminiert. "Gemeinwirtschaft" wurde großgeschrieben. Eine ganz schlimme Folge war die viel zu geringe Eigenkapitalausstattung der österreichischen Unternehmungen, deren nachteilige Folgen bis in die Gegenwart reichen. Der österreichische Handel mit Werten findet nach wie vor an einer rechten Mickymausbörse statt, wo es nicht immer mit ganz rechten Dingen zugehen soll.

Kluge Veranlagung Sehr rasch und sehr gründlich mußten und müssen wir also umlernen. Die EU stellt nicht zuletzt einen gewaltigen Markt für Geldveranlagungen dar, weit darüber hinaus ist die totale Globalisierung des Kapitalverkehrs vollendete Tatsache. Dabei geht es keineswegs nur um die "Großen" in der Wirtschaft. Immer mehr wird kluge Geldveranlagung angesichts der Hinfälligkeit großzügig geplanter Staatsversicherung zu einem wichtigen Standbein persönlicher Vorsorge und Lebensplanung. Die Investmentfonds der Banken und Sparkassen boomen, die Pensionskassen erwarten eine kräftige Aufwärtsentwicklung, die zunehmende Stabilität der Währungen tut das ihre. Wer geschickt operiert oder vom reichen Angebot professioneller Anlagenberatung Gebrauch macht, konnte in letzter Zeit reichen Gewinn erwarten. Das Wachstum der Wirtschaft läßt die Vermögenswerte steigen - trotz der aktuellen Kurseinbrüche.

Nun, soweit mag das alles ein positives Bild ergeben. Verkraften wir aber auch wirklich alles, was da auf uns zukommt? Schleppen wir nicht mit dem Import neuer und bisher ungewohnter Verhaltensweisen gefährliche Krankheiten ein, mit denen umzugehen wir noch nicht gelernt haben? Viel spricht für diese Annahme. Vor allem entsteht der Eindruck, daß wir von einem Extrem ins andere verfallen, nämlich von der Diskriminierung, ja geradezu Ächtung persönlicher Kapitalbildung in unkritische Anbetung und hilflose Mitläuferschaft. Zu diesem Schluß muß man kommen, wenn man die Berichterstattung mancher Medien über die Ereignisse an den Börsen betrachtet. Neben seriösen Meldungen und Analysen finden sich immer mehr jene aufgeregten Berichte, die nicht nur Besitzer von Wertpapieren, sondern die ganze Öffentlichkeit in Katastrophenstimmung stürzen sollen. Der US-Präsident gerät in Turbulenzen? Der Index reagiert sofort. Rußland, der Rubel, Japan, die Tigerstaaten - all das läßt die Nadel von Seismographen aufgeregt zittern, um die sich gebannt hinstarrende Hysteriker versammelt zu haben scheinen. Die Sicht auf das weltweite wirtschaftliche Geschehen geht immer mehr mit gewaltigem Herzflattern einher. Da können unsere Wirtschaftsdaten noch so beruhigend, unsere Beschäftigungs- und Exportzahlen noch so steigend sein - der große Crash, der uns alle mit in den Abgrund reißt, droht womöglich doch ...

Es wäre hoch an der Zeit, daß der Ansturm von Meldungen über das Geschehen an den Börsen der Welt von mehr sachlicher Information und vor allem mehr Gelassenheit begleitet wird. Ein Volk von Anlegern sollte doch auch ein solches von wirtschaftlich Gebildeten sein. Neben einer durchaus spannenden Observanz der Kapital- und Geldmärkte müßte auch ein Minimum von sachlicher Distanz spürbar werden, welche die nüchternen Fakten ins Kalkül zieht.

Spekulation Dazu zählt vor allem: Das Reagieren der Käufer und Verkäufer an den Börsen ist in vieler Hinsicht nicht geeignet, ein zuverlässiges Bild darüber zu bieten, was sich in der Wirtschaft insgesamt tut. Aktien zu besitzen bedeutet ja nicht nur, ein Anrecht auf den Ertrag getätigter Investitionen zu haben, sondern ist für viele mit der Absicht verbunden, das schlaue und schnelle Geld zu machen. Spekulation ist Realität. Was kann einem besseres passieren, als Werte billig gekauft zu haben, nach denen später große Nachfrage besteht und die man dann mit Gewinn wieder veräußern kann? Was ist aber - sofern man so kalkuliert hat - dann konsequenter, als hektisch auf alles zu reagieren, was ein rasches Verkaufen oder Kaufen erfordert? Aber auch die professionellen Fondsmanager sind gezwungen, blitzartig mitzutun - und genau damit jede Kursentwicklung ins Extreme zu steigern. Wird ihr Erfolg doch daran gemessen, welchen (Tages-)Wert die von ihnen erworbenen Aktien haben. Irrealer Casinokapitalismus findet also letztlich statt. Die Unternehmungen, um deren Besitzanteile es geht, werden damit immer mehr zu einer bloßen Kulisse für ein Geschehen, bei dem Risiko und Chance in einer eigentlich künstlichen Welt turbulenter Ereignisse und gegenseitigen Belauerns zur Mammonreligion werden.

Scheinwerte Wir werden das alles nur schwer ändern können. Die Freiheit der Geldanlagen und der Wettbewerb auf den Finanzmärkten müssen gewahrt bleiben. Turbulenzen an den Börsen sind nicht Ursache, sondern Folge von wirtschaftlichen Fehlern. Es gibt aber Entwicklungen, denen Einhalt geboten werden muß. Im Vordergrund steht das sogenannte Derivativgeschäft, also das Ausnützen der Entwicklung des Preises von Währungen, Wertpapieren, aber auch Rohstoffen durch Kauf oder Option zu günstiger Zeit. Mit Ausnahme einiger ganz großer Privater sind es Banken, die sich hier in einem weltweiten und ungehemmten Feilschen massiv engagieren. Auch hier kann man sich verspekulieren - mit verhängnisvollen Folgen. Bei all dem wird eine gewaltige, die Substanz unseres ganzen Weltwirtschaftssystems bedrohende Fehlentwicklung sichtbar. Neben realen Vermögenswerten, die dauerhafte und zuverlässige Wertschöpfung versprechen, wird in Scheinwerte investiert. Man will davon profitieren, daß man Kursentwicklungen vorherzusehen glaubt. Unvorstellbare Werte werden dafür verwendet. Als Ergebnis scheint also nicht das unseren Wohlstand zu bestimmen, was von soliden Unternehmern und deren Mitarbeitern, von Ideenträgern und tüchtigen Managern auf die Beine gestellt wird, sondern was jene tun, die an den Schalthebeln der Finanzwirtschaft sitzen. Eine Parallelökonomie hat sich also aufgebaut, die uns alle ins Casino schleppt, ob wir wollen oder nicht. Werden wir Mitgefangene auch bald zu Mitgehangenen? Ein wildgewordener Kapitalismus gehört gezähmt. Er bringt sich sonst nämlich selbst um und reißt alle mit ins Verderben. Das hatten wir ja schon. Soll es sich wiederholen? Die Verantwortung aller Staaten, also einer globalen Politik ist gefordert, um wieder in wirtschaftlich ruhigeres Fahrwasser zu gelangen.

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